Ölkonzern BP "Alternative Energien sind eine Wette auf die Zukunft"

Die Welt wird auch in 20 Jahren noch zu 80 Prozent von Erdöl abhängen - davon jedenfalls ist Christof Rühl überzeugt. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Chefvolkswirt des Ölkonzerns BP über hohe Benzinpreise zur Ferienzeit, die Macht der Opec und die Rolle regenerativer Energien.

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SPIEGEL ONLINE: Die Sommerferien beginnen - auf welche Preissprünge an den Zapfsäulen müssen sich die Deutschen bei der Fahrt in den Urlaub einstellen?

Rühl: Das müssen Sie vor allem die Opec fragen. Die hält derzeit das Ölangebot knapp, um so trotz sinkender Industrieproduktion und damit sinkender Nachfrage eine weitere Erosion der Preise zu verhindern. Die Preisentwicklungen der nahen Zukunft kann man daher am besten beurteilen, indem man einen Blick auf die Vorräte der Industriestaaten wirft …

Zur Person
Christof Rühl kam 2005 zu BP und ist seit 2007 Chef-Volkswirt und Vizepräsident des Ölkonzerns. Seine Karriere begann er als Wirtschaftswissenschaftler, zunächst in Deutschland, dann ab 1991 als Professor für Wirtschaftslehre an der University of California in Los Angeles. Nach verschiedenen Stationen als Honorarprofessor an akademischen Instituten weltweit, darunter die University of Chicago, wechselte er zur Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. 1998 ging Rühl zur Weltbank, wo er als Chef-Volkswirt in Russland und Brasilien arbeitete. Seine Spezialgebiete sind Makroökonomie und Energiewirtschaft.
SPIEGEL ONLINE: … und eben diese Lagervorräte sinken offensichtlich ausgerechnet immer kurz vor Beginn der Ferien.

Rühl: Nicht immer. Aber wenn die Nachfrage steigt, wirkt sich das naturgemäß auf die Preise aus. Das ist das Gesetz des Marktes - und bei Äpfeln auch nicht anders.

SPIEGEL ONLINE: Aber können denn ein paar Urlauber die Nachfrage so spürbar steigern? Immerhin steht - wie Sie ja selbst sagen - dem eine seit Jahresbeginn stark gesunkene Industrieproduktion gegenüber, die sich so schnell auch nicht erholen wird.

Rühl: Das stimmt. Die Industrieproduktion ist bereits seit der zweiten Jahreshälfte 2008 rückläufig und damit ist auch die Nachfrage nach Öl drastisch eingebrochen. Urlauber alleine können das natürlich nicht ändern. Ende 2008 hat das Opec-Kartell deshalb angekündigt, die Produktion zurückzufahren. Und wie immer dauert es eine Weile, bis sich diese Veränderungen bei der Ölförderung in der Lagerhaltung in den Verbraucherländern niederschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklärt sich dann das Auf und Ab der Preise in den vergangenen Monaten?

Rühl: Märkte reagieren im Grunde nicht auf Ankündigungen, sondern erst, wenn sich das Angebot tatsächlich verändert. In unserem Falle sind die Preise trotz des Beschlusses der Opec, die Produktion einzuschränken, infolge der Rezession also zunächst um 100 Dollar pro Fass gesunken, während die Lager immer voller wurden. Die Tanker sind mit ihrer Ladung sogar zeitweise im Kreis gefahren. Inzwischen liefern die Schiffe aber jeden Tag drei Millionen Barrel weniger in Rotterdam und anderen Häfen ab. Wir rechnen damit, dass im Sommer der Rückgang der Opec Produktion die fallende Nachfrage einholen wird.

SPIEGEL ONLINE: Einkäufer und Investoren haben keinen Einfluss?

Rühl: Haben sie natürlich. Sie haben darauf gesetzt, dass die Weltwirtschaft sich wieder stabilisiert und haben deshalb die Lager gefüllt. Im Moment sieht es so aus, als würden sich die Erwartungen bestätigen. Was mit den Preisen in der zweiten Jahreshälfte passiert, wird von diesem Wettlauf zwischen Opec Produktionskürzungen und fallender Nachfrage abhängen: Der Anstieg oder Fall der Lagerhaltung zeigt, wie die Dinge dort stehen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber schon seit Jahresbeginn so - der Ölpreis steht inzwischen schon wieder bei 70 Dollar pro Fass.

Rühl: Im Herbst 2008 ist der Ölpreis von 144 Dollar pro Fass auf rund 34 Dollar gefallen. Die Steigerung seit März lässt sich mit der großen Disziplin erklären, mit der die Opec-Staaten ihre angekündigten Produktionskürzungen durchgehalten haben. Darauf haben die Anleger reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Finanzkrise ist für die Ölgesellschaften gar kein Thema mehr?

Rühl: Doch - das Geschäft bleibt schwierig. Die Kosten folgen den Preisen, und sind derzeit noch auf Rekordstand. Hinzu kommt, dass viele Gesellschaften mit der Erschließung teurerer Ölfelder begonnen haben, als die Preise hoch waren. Damit kann man jetzt nicht einfach wieder aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Dann kämen Ihnen die Spekulanten, die den Ölpreis in die Höhe treiben, im Grunde gelegen?

Rühl: Spekulanten bestimmen nicht die Richtung, in die der Zug fährt. Der entscheidende Faktor bei der Preisbildung ist die Relation von Angebot und Nachfrage. Ich kenne keine einzige Studie, die nachgewiesen hätte, dass Ölpreisschwankungen fundamental von Finanzinvestoren beeinflusst worden wären. Der systematische Zusammenhang, so gern er auch kolportiert wird, existiert nicht.

SPIEGEL ONLINE: Irgendwann wird die fossile Energie zu Ende gehen. Existiert bei den Ölkonzernen ein Geschäftsmodell für die Zeit danach?

Rühl: Das dauert noch. Auch in den nächsten 20 Jahren wird der Energiebedarf zu 80 Prozent aus fossilen Brennstoffen gedeckt werden.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch muss sich ein Unternehmen wie BP auf den Wandel einstellen.

Rühl: Richtig. Und das Spannende ist, wie sich so ein Tanker wie BP dann bewegt: Wir machen Solarforschung in China, wir sind der größte Windkraftproduzent in den USA, wir forschen in Sachen Biokraftstoffe.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist der Anteil regenerativer Energien am Gesamtumsatz von BP?

Rühl: Das Kerngeschäft in Öl und Gas leistet unbestreitbar den größten Beitrag. Aber Sie werden überrascht sein: Der Anteil der von BP im Jahr 2007 produzierten Solarmodule und BP-Windanlagen entsprach 5 Prozent oder 1,5 Prozent des Weltmarktes. Das ist vergleichbar unserem Anteil bei der globalen Öl- und Gasproduktion, der bei 2,9 Prozent beziehungsweise 1,7 Prozent liegt. Keine andere Ölgesellschaft investiert so viel in alternative Energien.

SPIEGEL ONLINE: Sie verkaufen sich gerne auch als grünes Unternehmen. Warum hat sich BP dann aber aus der Windkraft in Deutschland zurückgezogen?

Rühl: Wegen der Größenordnungen, die es schwierig machen, wirtschaftlichen und technischen Fortschritt zu verwirklichen. In den USA können wir in brachliegenden Industrieanlagen tätig sein, viele davon gehören uns. Derzeit arbeiten wir an einem einzelnen Projekt in der Größenordnung von fünf Gigawatt. In Deutschland beträgt die Gesamtstromproduktion über die Windkraft 23 Gigawatt. Für uns bleibt die Investition in alternative Energien eine Wette auf die Zukunft - von der wir noch nicht wissen, wie sie sich wirtschaftlich entwickeln wird.

SPIEGEL ONLINE: Und das trotz der enormen Zuwachsraten in der Alternativbranche?

Rühl: Langsam. Die regenerativen Energien sind weiterhin eine Nische. Sie haben zwar enorme Wachstumsraten, aber ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau. Der Anteil der Biokraftstoffe am globalen Ölverbrauch liegt weltweit bei 0,9 Prozent. Der Anteil von Solar-, Wind- und geothermischer Energie an der weltweiten Stromproduktion beträgt 1,5 Prozent. Die eigentlich spannende Frage ist deshalb, ob und wann es bei den alternativen Energien zu einem technologischen Durchbruch kommt, der sie wettbewerbsfähig macht. Das ist im Moment noch nicht der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Also leisten Sie sich im Augenblick ein wenig Alternativenergie zu Werbezwecken.

Rühl: Nein. Wir beteiligen uns trotz der Anlaufverluste, weil wir partizipieren wollen am Aufschwung der alternativen Energien.

SPIEGEL ONLINE: Auch neue Technologien werden kritisch beäugt - etwa die Biokraftstoffe, deren Produktion die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe treibt und Monokulturen in der Landwirtschaft fördert.

Rühl: Das ist ein Problem, das man nicht wegdiskutieren kann. Wir wissen, dass die dadurch entstehenden Monokulturen wieder neue Probleme schaffen, dass der Anbau von Biokraftstoffen möglicherweise den CO2-Ausstoß noch verschärft. Wir setzen auf mehr Forschung - die gegenwärtigen Biokraftstoffe sind noch keine Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch müssen Sie den Konzern umbauen, neu ausrichten. Manche Unternehmen - wie etwa der Mischkonzern Preussag - haben sich in Reisekonzerne verwandelt. Wie wird BP in 20 Jahren aussehen?

Rühl: Wir werden kein Touristik-, sondern ein Energieunternehmen sein. Aber es ist schlicht und ergreifend so, dass wir auch nicht in die Zukunft blicken können.

Das Interview führten Michael Kröger und Severin Weiland



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