Ölmulti Shell "Die klassische Solartechnik ist eine Sackgasse"

Trotz Klimadebatte: Der Energiekonzern Shell sagt dem Geschäft mit Öl, Gas und Kohle eine blendende Zukunft voraus. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Konzernchef Jeroen van der Veer, wie er das CO2-Problem anpacken will - und warum er die bisherige Solartechnik für eine Sackgasse hält.


SPIEGEL ONLINE: Herr van der Veer, Ihr Konzern verkauft Rohstoffe, die knapper werden. Kann Shell Chart zeigen im Jahr 2050 noch als Öl- und Gaskonzern existieren?

Van der Veer: Ja, zur Hauptsache jedenfalls. Prognosen sind natürlich eine unsichere Sache – aber wir erwarten, dass der gesamte Energieverbrauch 2050 doppelt so hoch liegen wird wie heute. Bis zu 30 Prozent der Energie könnte dann aus erneuerbaren Quellen kommen. Prozentual geht die Bedeutung der fossilen Energieträger zurück. In absoluten Zahlen aber nicht: 2050 wird sogar mehr Öl, Gas und Kohle konsumiert als heute.

Energie-Manager van der Veer: "Ein Konzern wie Shell wird nicht in Nischenmärkte gehen"
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Energie-Manager van der Veer: "Ein Konzern wie Shell wird nicht in Nischenmärkte gehen"

SPIEGEL ONLINE: Also wird noch mehr CO2 ausgestoßen - und der Klimawandel beschleunigt sich?

Van der Veer: Öl und Kohle müssen sauberer werden. 2050 wird zum Beispiel pro Barrel Öl weniger CO2 freigesetzt als heute. Ich nenne das die "integrierte CO2-Lösung". Wenn Sie es auf eine nicht allzu kostspielige Weise schaffen, dass beim Fördern und Verarbeiten möglichst wenig CO2 in die Luft gelangt - dann sind diese fossilen Stoffe eine ziemlich ideale Form von Energie. Sie können dann weiter Ihr Auto fahren, und Energie bleibt für die Masse der Kunden bezahlbar.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht Zukunftsmusik? Bisher sind Verfahren zum Auffangen und Lagern von CO2 nicht bereit für die Praxis.

Van der Veer: Deswegen engagieren wir uns mit Hochdruck bei Testprojekten. Ein Projekt für CO2-Sequestierung haben wir in Norwegen, eines in Australien - beide im sehr großen Maßstab.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel investieren Sie in solche Vorhaben - verglichen mit dem Geld zur Erschließung neuer Ölquellen?

Van der Veer: Das ist nicht vergleichbar, denn bisher sind diese Projekte ja nicht kommerziell. Aber wir haben viele Ideen. In den Niederlanden speisen wir CO2 sogar in Gewächshäuser für Tomaten ein. Vor allem die Amerikaner lieben das Projekt - leider ist es zu klein, um wirklich einen Effekt zu haben. Wir untersuchen sehr aktiv, in welchen geologischen Formationen wir CO2 lagern können. Wie funktioniert das genau? Wie stellt man sicher, dass das CO2 nicht austritt? Eines Tages werden wir das im großen Stil in die Tat umsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Nur wann?

Van der Veer: Ein Datum kann man da kaum nennen. Bevor solche Technik wirklich zu einer spürbaren CO2-Reduzierung führt, dauert es sicher zehn Jahre, vielleicht länger. Aber das ist kein Grund, nicht mit Untersuchungen anzufangen.

SPIEGEL ONLINE: Woher bekommt Shell künftig Öl und Gas? Viele erschlossene Vorkommen haben ihren Höhepunkt überschritten oder sind kurz davor.

Van der Veer: "Einfaches Öl", das ohne großen technischen Aufwand erreichbar ist, wird in Zukunft tendenziell eine Sache staatlicher Fördergesellschaften sein. Das können sie allein, dafür brauchen sie keinen Spezialisten wie Shell. Für uns sehen wir große Chancen beim "schwierigen Öl und Gas" aus sogenannten unkonventionellen Quellen - zum Beispiel den Ölsanden in Kanada oder Ölschiefer.

SPIEGEL ONLINE: Solche Vorkommen werden bisher nicht im großen Maßstab genutzt. Ist die Ausbeutung nicht zu kostspielig?

Van der Veer: Unterschätzen Sie die technologische Entwicklung nicht. In den siebziger Jahren fand man die Ölförderung in der Nordsee zu teuer. Heute kostet die Förderung dort weniger als vor 20 Jahren - und das sogar in nicht inflationsbereinigten Preisen. Das gleiche gilt für Tiefseegebiete wie den Golf von Mexiko. Mit der Zeit werden auch unkonventionelle Ölquellen noch günstiger werden. Aber, ja: Erst einmal müssen wir Milliarden in neue Reserven und Technologien investieren. Das können sich nur sehr wenige Konzerne leisten.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Förderung und Verarbeitung unkonventioneller Vorkommen fällt allerdings noch mehr CO2 an als bei herkömmlichen Quellen.

Van der Veer: Bei Ölschiefer zum Beispiel ist das so, ja. Deswegen betone ich unsere Bemühungen zur Abscheidung und Lagerung von CO2 so sehr. Hier spielen auch die Regierungen eine wichtige Rolle. Kanada sollte Lizenzen zur Ausbeutung von Ölsanden idealerweise an denjenigen Anbieter vergeben, der ein bisschen mehr Geld nimmt und dafür CO2 einlagert – und nicht an den billigsten, der das nicht tut.

SPIEGEL ONLINE: Muss Shell angesichts der immer komplexeren Förderung mehr Risiken eingehen als früher?

Van der Veer: Wir waren schon immer risikobereit. Nach 1900 sind unsere Leute ins Inland von Indonesien und Aserbaidschan gegangen. In den zwanziger und dreißiger Jahren waren wir im Nahen Osten. Wenn wir keinen Mumm hätten, dann hätten wir nie mit der Nordsee-Förderung begonnen. Wir versuchen Risiken zu begrenzen - aber manche muss man eingehen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso riskieren Sie dann bei erneuerbaren Energien so wenig? Nur drei Prozent Ihrer Investitionen fließen in diesen Bereich.

Van der Veer: Die Entwicklung dieser Energien hat weltweit Hunderte Millionen Dollar gekostet, trotzdem ist die Technik noch zu teuer. Das ist noch nichts für den Massenmarkt. Ein Konzern wie Shell wird nicht in Nischenmärkte gehen. Große Offshore-Windparks sind eine Möglichkeit für uns - nicht aber Windräder neben dem Bauernhof. Im Übrigen: Auch diese Energieformen hinterlassen Spuren in der Umwelt, denken sie an den Streit über die Windkraft in Deutschland. Wie viele solcher Anlagen kann man aufstellen?

SPIEGEL ONLINE: Mit all Ihren Ressourcen könnte Shell doch versuchen, die globale Nummer eins etwa bei Sonnenstrom zu werden. Stattdessen haben Sie sogar Solaraktivitäten verkauft.

Van der Veer: Wir haben noch Solarunternehmen in Japan und Deutschland und forschen viel in dem Bereich. Trotzdem muss ich zur klassischen Solar-Siliziumtechnik sagen: Erstens hat Shell sie nie gut genug beherrscht. Zweitens ist sie nicht die Lösung, sondern eine Sackgasse. Selbst wenn Sie auf jedes Dach in Deutschland ein Panel setzen, decken Sie nur einen Bruchteil des Strombedarfs ab. Die Menschen schätzen die Dimensionen falsch ein.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Technik wird immer raffinierter – nicht nur beim Öl, auch bei Solaranlagen.

Van der Veer: Deshalb erproben wir die Dünnfilm-Solartechnologie: Derzeit bauen wir zusammen mit Saint-Gobain eine Produktionsanlage in Torgau. Wir wollen Erfahrungen sammeln. Aber auch diese Technik ist noch zu teuer. Ähnlich ist es bei der Windkraft. Shell hat in der Nordsee einen der größten Offshore-Windparks weltweit errichtet - aber ohne Subventionen würde er sich nicht rechnen. Sofort einen zweiten zu bauen, wäre witzlos. Stattdessen sagen wir unseren Ingenieuren: Prima Arbeit, aber beim nächsten Mal muss alles mindestens 25 Prozent billiger sein.

SPIEGEL ONLINE: Beobachten und abwarten – ist das Ihre Devise bei erneuerbaren Energien?

Van der Veer: Nein, wir tun sehr viel. Wir zählen zu den größten Windparkbetreibern weltweit, sind sehr aktiv bei Wasserstoff-Technik und der größte Vertreiber von Biokraftstoffen weltweit - viele Menschen wissen das nicht. Aber wir gehen mit der Mentalität des Forschers an diese Fragen heran. Wir müssen bei erneuerbaren Energien nicht jetzt schon die Nummer eins sein. Wenn die Probleme der Kosten und der Massentauglichkeit gelöst sind, können wir immer noch Milliarden in diese Techniken stecken und sie groß machen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Unternehmer trauen den erneuerbaren Energien schon heute mehr kommerzielles Potential zu als Sie.

Van der Veer: Vielleicht erweist sich ja in 20 Jahren, dass wir uns geirrt haben. Aber ich glaube, dass wir richtig liegen werden. Deshalb haben wir unsere Entscheidungen so getroffen.

Das Interview führten Matthias Streitz, SPIEGEL ONLINE, und Daniel Puntas Bernet, NZZ am Sonntag



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marcmoves, 06.06.2007
1. Problem erkannt?
---Zitat--- Selbst wenn Sie auf jedes Dach in Deutschland ein Panel setzen, decken Sie nur einen Bruchteil des Strombedarfs ab. Die Menschen schätzen die Dimensionen falsch ein. ---Zitatende--- Hr. Van der Veer erkennt ja nichtmal das Problem. Die jetztigen Solarpanele würden in der Wüste Gobi bereits sehr effizient arbeiten. Und hier ist der Knackpunkt: Wie transportiere ich den Strom aus der Wüste Gobi möglichst verlustfrei in die Verbraucherländer? Meiner Meinung nach sollte man eher in diese Richtung Forschen als zu versuchen Solarpanele in Deutschland effizient zu betreiben...
Bernd Paysan 06.06.2007
2. Dimension falsch eingeschätzt?
Der Shell-Sprecher behauptet, die Dimension würde falsch eingeschätzt, selbst alle Hausdächer zugepflastert würde nicht reichen. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe eine Solaranlage auf dem Dach. Die bedeckt etwa 1/3 bis 1/5 der nutzbaren Dachfläche (hängt von der Dachform ab - Pultdach nach Süden wäre halt besser als Satteldach), und liefert über 1000kWh/Jahr. Ein Durchschnittshaushalt braucht 2000kWh/Jahr, das ist also mit dieser Dachfläche sehr wohl machbar. Ähnliches gilt für Bürogebäude (bei denen auch Teile der Fassade nutzbar sein könnten), und andere Dachflächen. Zudem ist die Beschränkung auf Dachflächen sehr künstlich: Man kann Solarzellen auch direkt auf den Boden stellen - die Energiemenge, die da 'rauskommt, ist um ein Hundertfaches größer, als wenn man da Raps anpflanzt, und Biodiesel draus macht. Richtig ist: Klassische Siliziumsolarzellen, die aus Restbeständen der Chip-Industrie gefertigt werden, lösen kein Energieproblem. So viel Silizium fällt da gar nicht ab. Also sind andere Techniken, ob Dünnschicht oder speziell für die Solarzellenfertigung produziertes Silizium nötig. Und: Man muss die Energie auch speichern können (und für mobilen Einsatz muss der Energiespeicher transportabel sein), oder einen Energiemix nehmen, bei dem es signifikante Anteile gibt, die man bei Bedarf abrufen kann.
shunjata 06.06.2007
3. "Wir sind die Bestimmer ... "
... Das Ganze liest sich für mich wie die übliche Arroganz/Ignoranz eines grossen Monopolisten - und das während der Menschheit die Zeit für die Energiewende wegläuft !
Marotti 06.06.2007
4. rückwärts gegen die wand
Vor einigen Jahren hat Shell mehrfach zugeben müssen, wesentlich weniger Erdölreserven zu besitzen. Dies war ein firmenpolitisches Armutszeugnis. Auch der Chef von Shell weiß, dass das konventionelle Erdöl, dessen Fördermenge seit Mai 2005 nicht mehr gestiegen ist, unersetzbar ist. Im Jahr 2005 werden wir, wenn wir Glück haben, noch 2/3 der heutigen Ölproduktion weltweit haben. Die angebpriesenen Ölsande und gar Ölschiefer benötigen eine sehr große Menge an Fremdenergie und Wasser und zerstören großflächig Landschaften. Mit steigenden Energiepreisen wird aufgrund der nötigen Fremdenergie gerade bei diesen Energieträgern kein billiges und schon gar nicht umweltfreundliches Produkt zu erzeugen sein. Die Tatsache, darauf angewiesen zu sein, sich mit diesen Ressourcen zu beschäftigen spricht nicht unbedingt für ein lange anhaltendes Füllhorn im Bereich der fossilen Energieträger. Ferner hat Shell vor etwa 15 Monaten seine Solarsilizium Sparte deswegen an die Firma Solarworld verkaufen müssen, da sie sich keine Siliziumrohstoffe in nennenswertem Umfang gesichert haben. Offenbar haben all die erfolgreichen Solarzellenhersteller aus Japan, Deutschland und anderen Ländern nicht den Instinkt und die Weisheit einer Shell, um zu erkennen, in welcher Sackgasse sie sich befinden. Eher ist es anders herum. Ein Konzern wie Shell agiert erschreckend rückwärtsgerichtet und kommt sich dabei auch noch als klug und weitsichtig daher.
snomm, 06.06.2007
5. Eben ein Ölmanager
Man könnte dieses Interview jetzt Satz für Satz auseinandernehmen, aber dafür ist mir meine Zeit zu schade, nur dieses hier: „Im Jahr 2050 werden wir mehr Öl, Gas und Kohle verbrauchen als heute.“ Im Jahr 2005 (genauer gesagt im November) fand das konventionelle Ölfördermaximum statt (hat keiner mitbekommen, ist ja auch uninteressant wenn Paris Hilton ins Gefängnis muss...), aber das bedeutet, dass seitdem die Produktion (Förderung) von konventionellem Erdöl zurückgeht... Geld kann man drucken, Erdöl nicht. Der Mann weiß das auch nur allzugut, und er weiß auch, dass Nichts den Mangel an Erdöl ersetzen kann. Darum muss der Konzern alles tun, um von dem Problem abzulenken, damit die Leute so lange wie möglich noch deren Erdöl kaufen und verbrauchen und so die Gewinne steigern und mit ihnen die Dividende. Lügen gehören da zum Geschäft. Seine Sätze sind also sehr gut begründet, nur glauben sollte man ihnen nicht. Snomm
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