Ölpreis-Explosion Gaskunden drohen Zusatzkosten von Tausenden Euro

150, 200, 400 Dollar - der Ölpreis steigt nach Prognosen der Opec rasant weiter. Doch was bedeutet das für Deutschland? Energie-Experten haben für SPIEGEL ONLINE nachgerechnet: Gaskunden müssen bis zu 155 Prozent mehr zahlen.


Hamburg - Autofahrer kennen das: Steigt der Ölpreis an der New Yorker Rohstoffbörse, dann wird es an Deutschlands Tankstellen teurer. Mit etwas Verzögerung müssen aber auch Gaskunden mehr zahlen. Der Grund ist die umstrittene Ölpreisbindung: Verteuert sich Rohöl, folgt Erdgas rund sechs Monate später nach.

Mit Gas heizen und kochen: Die Kosten könnten sich mehr als verdoppeln
DPA

Mit Gas heizen und kochen: Die Kosten könnten sich mehr als verdoppeln

In diesem Jahr bekommen die Verbraucher dies bereits zu spüren: Die Gasversorger haben Preiserhöhungen von rund 20 Prozent angekündigt. In Zukunft könnte es aber noch viel teurer werden. Denn die Förderländer sagen einen weiteren, extremen Ölpreisschub voraus. Das Verbraucherportal Verivox hat für SPIEGEL ONLINE nachgerechnet - das bittere Ergebnis: Die explodierenden Preise für Rohöl könnten die Kosten für Erdgas mehr als verdoppeln.

Für ihre Berechnungen legten die Experten die Krisenprognosen der Opec (Organisation Erdöl exportierender Länder) zugrunde. Das Kartell erwartet für diesen Sommer einen Ölpreis von 150 bis 170 Dollar. Sollte sich allerdings der Konflikt um das iranische Atomprogramm verschärfen, dann sei auch eine wesentlich dramatischere Entwicklung möglich.

Für den Fall, dass der Iran kein Öl mehr liefern könne, seien Preise von "200, 300 oder 400 Dollar" pro Fass vorstellbar, sagte Opec-Präsident Chakib Khelil.

Die Preise für Erdgas sind durch internationale Handelsverträge an den Preis für Rohöl gekoppelt. Dadurch lässt sich exakt ermitteln, was ein Anstieg des Rohölpreises für Gaskunden in Deutschland bedeutet. Verivox hat dabei einen Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden Erdgas untersucht.

Die Szenarien im Überblick:

  • Ölpreis von 100 Dollar: Dieser Wert galt zu Beginn des Jahres. Mit sechs Monaten Verzögerung spiegelt er sich heute in den Gaspreisen wider - der Musterhaushalt zahlt für sein Erdgas 1375 Euro im Jahr.
  • Ölpreis von 145 Dollar: Dies entspricht in etwa der aktuellen Notierung an der Rohstoffbörse. Bleibt der Preis auf diesem Niveau, steigt der Gaspreis in sechs Monaten entsprechend. Gegen Ende des Jahres bedeutet dies für den Musterhaushalt Gaskosten von 1721 Euro - das sind 346 Euro oder 25 Prozent mehr als heute.
  • Ölpreis von 200 Dollar: Die durchschnittlichen Kosten für Erdgas steigen auf 2100 Euro im Jahr. Das sind 725 Euro mehr als heute - oder ein Plus von 53 Prozent.
  • Ölpreis von 300 Dollar: Der Musterhaushalt muss 2804 Euro pro Jahr zahlen. Im Vergleich zu heute bedeutet dies Mehrkosten von 1425 Euro, die Gasrechnung erhöht sich um 104 Prozent.
  • Ölpreis von 400 Dollar: Die Jahresrechnung für Erdgas beläuft sich auf 3508 Euro - das sind 2133 Euro mehr als heute. Die Steigerung: 155 Prozent.

Für die Berechnung wurden die monatlichen Durchschnittspreise der Ölsorte Brent herangezogen. Dabei wurde der tagesaktuelle Dollarkurs verwendet. Der Ölpreis wurde dann verglichen mit dem Preis für Erdgas beim Grenzübergang nach Deutschland. Diese sogenannten Grenzübergangspreise wurden schließlich auf das Niveau der Verbraucherpreise bei den Endkunden umgerechnet.

Bei den Prognosen ist zu berücksichtigen, dass die Opec ein Interesse an hohen Ölpreisen hat. Je teurer Öl ist, desto mehr Geld fließt in die Kassen der Förderländer. Womöglich haben die Äußerungen von Opec-Präsident Khelil also das Ziel, den Preis gerade in die gewünschte Richtung zu lenken. Das Gleiche gilt für den russischen Energieriesen Gasprom Chart zeigen. Unternehmenschef Alexej Miller hat kürzlich einen Ölpreis von 250 Dollar für das kommende Jahr vorausgesagt.

Untermauert wird die Prognose allerdings auch von der renommierten US-Bank Goldman Sachs Chart zeigen. Das Institut erwartet in diesem, spätestens jedoch im kommenden Jahr einen Ölpreis von 200 Dollar.

wal

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es unter Berufung auf das Verbraucherportal Verivox, die aktuellen Gaskosten von 1375 Euro im Jahr entsprächen dem aktuellen Ölpreis von 145 Dollar. Das ist nicht korrekt. Die aktuellen Gaskosten korrespondieren mit dem Ölpreis vor rund sechs Monaten, also 100 Dollar. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mehr zum Thema


Forum - Welt ohne Öl - was heißt das für Deutschland?
insgesamt 3200 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hercules Rockefeller, 23.05.2008
1. Keine Panik
Als Expertenexperte der Bundesregierung ehrenhalber sage ich Ihnen, nix davon, was im Artikel steht wird so eintreten. Was die Möchtegernexperten nämlich völlig ausser Acht lassen ist, dass es durchaus nicht beim Status Quo bleiben muss und die ein oder andere bahnbrechende Efindung im Energiegewinnungsbereich anfallen könnte. Die Solartechbranche ist doch nur eine Bastelgruppe für Ökogören, keine relevante Energietechnik. Da werden noch andere Dinge hinzukommen. Auch das Auto wird sich noch auf Jahrzehnte jeder leisten können, és wird nur weniger gefahren. Ganz aufgegeben werden muss da garnix, alleine weil bei sehr vielen der Arbeitgeber zuschießen wird-andernfalls fahren die Arbeitskräfte eben bei der Konkurrenz auf den Hof. Alle können nicht in der Stadt wohnen. Mieten werden steigen, aber nicht explodieren. Der Markt macht den Preis. Und da die Leute nicht mehr verdienen, kann man sich dann als Vermieter aussuchen, ob man die Immobilie leer haben will oder wenigstens so vermietet, das man nahe Null bei den Kosten wieder rauskommt. Immobilien taugen schon heute nicht mehr als Anlage, das wird sich nicht mehr ändern und hat mit der Energieproblematik so garnix zu tun. Wärmepumpenpreise werden auch nicht explodieren. Glauben die Experten wirklich, ein ganzes Volk würde lieber erfrieren, als einfach ein Patent zu brechen? Selber machen geht immer und das wird auch passieren. Bis zu einem gewissen Grad kann man den Preis hochdrehen, danach wird man selber höher gehängt! Und so weiter... Im Gegenteil, es wird schön werden. Regionale Wirtschaft wird aufblühen, Verkehr wird zurückgehen und damit die Ruhe und Entspannung, es wird mehr miteinander geben und das Wetter wird endlich auch wärmer in Deutschland. Wir gewinnen auf der ganzen Linie!
apira 23.05.2008
2.
Zitat von sysopDer Ölpreis steigt und steigt, und trotz wachsender Nachfrage kommen die Konzerne bei der Förderung nicht hinterher. Geht das fossile Zeitalter zu Ende? Und wenn ja: Was heißt das für Deutschland?
Es ist toll. Ökonomen und pragmatische Umweltpolitiker erzählen das seit 20 Jahren, aber auf einmal ists für alle ne große Überraschung. Wurden Befürworter einer Ökosteuer einst verlacht, dringt die Erkenntnis heute in den letzten Winkel vor, dass ein vernünftiges Modell einer solchen Abgabe die Zukunft sichert, während ich die großen Verschwender untergehen sehe. Klar, über kurz oder lang wird der Markt sich auf die veränderte Situation einstellen, und sich anpassen. Gewinnen werden aber diejenigen, die heute die Rahmenbedingungen des Marktes vorausschauend setzen. Entsprechend halte ich Ideen, gerade jetzt mit einer staatlichen Senkung der Energiepreise zu reagieren für den ganz falschen Ansatz. In diesen sauren Apfel werden wir beissen müssen, wenn unsere Gesellschaft verhältnismäßig weich landen will.
Eiermann 23.05.2008
3. Steigende Ölnachfrage aus Schwellenländern
Zwischen beidem muß kein Gegensatz bestehen. Die Unterschiede der Schwellenländer zu den etablierten Industrieländern sind natürlich insgesamt nach wie vor gewaltig. Was daran liegt, dass der beschleunigte Aufstieg dieser Länder gerade erst ein, zwei Jahrzehnte währt. Sie heißen schließlich nicht umsonst Schwellenländer. Was China angeht, habe ich neulich glaube ich sogar in einer Fernsehsendung von einem Rückgang oder gar Umkehr dieses Auswanderungsdrangs von Studenten gehört. Also dass chinesische Studenten, die im Ausland studieren, bereits viel weniger als früher im Ausland bleiben wollen, sondern viel bereitwilliger wieder nach China zurückkehren. Die nach wie vor bestehenden großen Unterschiede zwischen Schwellen- und Indusstrieländern ändern nichts daran, dass mit der Globalisierung neue große ökonomische Player auf den Weltmarkt getreten sind, die mit China, Indien und weiteren asiatischen Ländern bereits ganze Industrien aus den bisherigen Industrieländern abziehen und als zusätzliche ökonomische Akteure und Konsumenten entsprechend mehr Energie, darunter Öl verbrauchen. Ein zur Neige gehender Rohstoff führt zum Ausschluß von immer mehr Konsum und Konsumenten dieses Rohstoffs über steigende Preise. Um so mehr, wenn keine gleichwertigen Alternativen bereitstehen. Die millionenfach steigende Nachfrage aus den Schwellenländern stößt hier schlicht an physische Grenzen eines nur begrenzt vorhandenen Rohstoffs. Weil das Öl von immer mehr Produzenten und Konsumenten nachgefragt wird, wird diese Nachfrage logisch einer immer größer werdenden Zahl dieser Nachfrager über steigende Preise verwehrt. Naheliegend auch, dass das die Konsumenten mit geringeren Einkommen in eben jenen Schwellenländern zuerst trifft. Die Globaliserung mit Hunderten Millionen neuen Produzenten und Konsumenten stößt hier auf den Flaschenhals einer nur begrenzt vorhandenen und förderbaren Energieflüssigkeit und deshalb steigen die Preise entsprechend. Es kommt halt nur raus aus der Pulle, was drin ist und durch kommt. Was soll sich denn bei der stetig steigenden Nachfrage nach einem zu Ende gehenden Rohstoff zum Besseren ändern? Das finde ich lustig, wenn ich Öl- und Wirtschaftsexperten nur von Gefahren für die Konjunktur reden höre, sollte der Ölpreis länger als ein halbes Jahr so hoch bleibt wie jetzt. Ich fürchte, in einem halben Jahr ist er angesichts dieser Konstellationen noch viel höher als jetzt. Beunruhigend finde ich zumindest, dass diese reale Möglichkeit von den Experten noch kaum ins Auge gefasst wird.
Triakel 23.05.2008
4.
Ja, die Verfügbarkeit von Öl auf dem Weltmarkt wird jedes Jahr deutlich zurückgehen, mit steigenden Rückgangsraten. Währenddessen gilt für ein paar Förderländer noch business as usual, denn die haben noch für wenige Jahrzehnte genug Öl zum Verschwenden. Wir als eines der vielen Habenichts-Länder werden vermutlich 2030 kaum noch Öl importieren können. Etwas zeitversetzt wird dann auch der Import von Erdgas einbrechen, beginnend mit dem Ende der nächsten Dekade. In der Folge wird auch die Kohle sich stark verteuern. Folgen: geschlossene Theater, die die Heizkosten nicht mehr bezahlen können, kalte Wohnungen von Menschen bis in den Normalverdiener-Bereich hinein, drastisch zurückgehende Mobilität, Zusammenbruch vieler industrieller Wertschöpfungsketten, die besonders stark auf Öl basieren, drastischer Rückgang des Tourismus mit Insolvenz vieler Tourismus-Einrichtungen, erheblicher Rückgang des Steueraufkommens, was praktisch einem Staatsbankrott gleichkommt. Das wiederum bewirkt einen Niedergang der staatlich finanzierten Infrastruktur, der sozialen Transferleistungen (z.B. Renten) usw. Nun ja, ich möchte keinen Roman schreiben. Die detail-Auswirkungen soll sich jeder selbst ausmalen. Aber vielleicht naht von irgendwoher die Rettung und irgendjemand stellt uns in 10 Jahren eine kompltte Solar-Infrastruktur hin, die wir eigentlich in den letzten 40 Jahren hätten errichten müssen. Inklusive der Lösung des Speicherungsproblems für Solarstrom. Dann sind wir fein raus...
slugs, 23.05.2008
5.
Zitat von sysopDer Ölpreis steigt und steigt, und trotz wachsender Nachfrage kommen die Konzerne bei der Förderung nicht hinterher. Geht das fossile Zeitalter zu Ende? Und wenn ja: Was heißt das für Deutschland?
Ist doch toll. Not macht erfinderisch. Das hat für uns Menschen schon immer gegolten. Also soll die Panikmache ruhig weiter ausgebaut werden, dann werden wir auch schneller innovativ :)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.