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S.P.O.N - Die Spur des Geldes: Hurra, er fällt!

Eine Kolumne von

Der Ölpreis sinkt, Scheichs und Oligarchen leiden, Geringverdiener profitieren. Das hilft unserer Konjunktur - wenn auch nur für kurze Zeit.

Der fallende Ölpreis ist das beste globale Konjunkturprogramm, das uns derzeit zur Verfügung steht. Am stärksten sieht man den Effekt in den USA. Da die Steuern auf Benzin dort geringer sind als in Deutschland, sind die Endverbraucherpreise an den Zapfsäulen viel stärker gefallen als bei uns. Der durchschnittliche Preis lag noch im April bei umgerechnet 78 Euro-Cent pro Liter. Zuletzt waren es 55 Cent.

Der Spritverbrauch macht bei den unteren Einkommensschichten ungefähr 15 Prozent des Gesamtkonsums aus. Der Fall des Ölpreises hat somit den Effekt einer großen Steuersenkung für Geringverdienende. Der Erfahrung nach werden diese das freigewordene Geld nicht sparen, sondern ausgeben - und so den Konsum und in Folge die Konjunktur ankurbeln.

Bei uns in Europa ist der Effekt durch die hohen Steuern auf Benzin und Diesel geringer. Am Ende kommt es aber in der gesamtwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Kalkulation nur auf eines an: Länder, die wie Deutschland Öl importieren, sind Nutznießer eines fallenden Ölpreises. Ölexporteure sind die Leidtragenden. Für Russland ist der fallende Ölpreis ein Riesenproblem, schlimmer als alle bislang beschlossenen Sanktionen. Aufgrund ihrer ökonomischen Monokultur ist die russische Wirtschaft voll und ganz vom Energieexport abhängig.

Und die Preisanpassung ist möglicherweise noch nicht vorüber. Wenn die Sanktionen gegen Iran aufgehoben werden, dann würde der Preis nochmals kräftig fallen - in Iran ist von 40 Dollar pro Fass die Rede, also noch einmal rund ein Drittel weniger als derzeit. Für die russische Wirtschaft wäre das eine Katastrophe. Auch die Schiefergasförderung würde sich bei dem Preis nicht mehr lohnen. Der deutschen Chemieindustrie wird die Preissenkung hingegen ebenso guttun wie den Herstellern großer, benzinfressender Limousinen. Im Grunde verschiebt der sinkende Ölpreis also lediglich Profite von Hinz zu Kunz. Wir in Deutschland sind Kunz.

Die makroökonomischen Vorteile sind hauptsächlich kurzfristig

Anders ausgedrückt: Für die Weltwirtschaft insgesamt ist der Verfall der Ölpreise fast ein Nullsummenspiel. Wenn ein Preis fällt, verliert der Verkäufer, und es gewinnt der Käufer. Verteilungsfragen spielen aber schon eine gewisse Rolle. Es ist weniger effizient für die Weltwirtschaft, wenn ein Ölscheich oder ein russischer Oligarch auf dem Geld sitzt, als wenn klamme Konsumenten in den USA oder Europa plötzlich mehr in der Tasche haben.

Die direkten volkswirtschaftlichen Vorteile sind allerdings hauptsächlich kurzfristig. Unsere Wirtschaftsleistung wird sich einmalig erhöhen. Der Effekt wird ein Jahr später weitgehend verpufft sein. Was bei uns allerdings eine gewisse Rolle spielen könnte, sind die indirekten Effekte. Wenn jetzt die Gewerkschaften wegen der dank des Ölpreises geringeren Inflation Lohnzurückhaltung üben, dann tragen sie dazu bei, dass die Inflation auch im nächsten Jahr unter den Zielwerten bleiben wird. Ein geringer Ölpreis kann also eine Preisspirale nach unten auslösen - so wie in den Siebzigerjahren, nur in umgekehrter Richtung.

Der fallende Ölpreis ist aber auf keinen Fall Ursache für die Deflation, die derzeit die Eurozone bedroht. Deren Auslöser ist vielmehr die fehlende Nachfrage. Und die wiederum ist primär bedingt durch eine auf Überschüsse angelegte Haushaltspolitik bei uns in Deutschland und in Europa insgesamt.

Der Ölpreisverfall hat somit zwei wichtige positive Effekte. Er sorgt für eine massive Verschiebung von wirtschaftlicher und politischer Macht zugunsten des Westens. Und er zeigt uns die Fratze einer auf Deflation ausgelegten Wirtschaftspolitik.

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1. Auf dem Geld sitzende Ölscheichs
satissa 15.12.2014
Weniger Geld in der Kasse der "Ölscheichs" hat direkte Konsequenzen für die deutsche Industrie: Es werden weniger Autos und Maschinen bestellt. Es kommt also zurück. Vielleicht ist das Geld bei den Scheichs doch besser aufgehoben als wenn es für Klamotten von KiK ausgegeben wird.
2.
marthaimschnee 15.12.2014
Und wenn der Ölpreis wieder anziehen sollte, ist das wie ein Schlag mit der Keule für die Konjunktur. Wie schnell sowas gehen kann, haben die Spekulanten ja schon öfter bewiesen.
3. Die Botschaft ist angekommen
Sal.Paradies 15.12.2014
Zitatanfang--"""Wenn jetzt die Gewerkschaften wegen der dank des Ölpreises geringeren Inflation Lohnzurückhaltung üben, dann tragen sie dazu bei, dass die Inflation auch im nächsten Jahr unter den Zielwerten bleiben wird."""----Zitatende-----Wie jetzt? Fordert Münchau nicht immer wieder "höhere" Löhne, damit dieses "mehr" verkonsumiert werden kann? Jetzt also doch Lohnzurückhaltung? Dann können wir ja alle nur hoffen, dass z.B. die GDL ganz genau hingehört hat... ;-)
4. Klar,
erasmus89 15.12.2014
die Börsen der Golf-Staaten stürzen rasant ab, Venezuela ist kurz vor der Pleite, Russland, Norwegen, Iran und Norwegen sind zumindest dem näher gerückt. Ich verzichte lieber auf den kurzfr. Aufschwung als die größte Pleitewelle/Sparwelle wichtiger Industriestaaten zu riskieren, die die Weltwirtschaft noch tiefer in den Abgrund reißen, als es die EU mit ihrer Kamikaze-Austeritätspolitik bereits getan hat.
5. Lohnzurückhaltung?
derwahredemokrat 15.12.2014
Statt und Wirtschaft verdienen sich an der Arbeit der Menschen im Land dumm und dämlich. Und die einzigen, die Zurückhaltung üben sollen, sind die, die von allen Seiten abgezockt werden. Steuern und Abgaben runter, Unternhemensgewinne besteuern, so geht Sozialpolitik. Lasst den Menschen das zum Leben, was sie sich erarbeitet haben.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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