Müllers Memo Öl schockt

Erst steigt der Ölpreis drastisch, dann fällt er rasant: Verbraucher und Produzenten rund um den Globus fallen von einem Schockzustand in den nächsten. Höchste Zeit, die Märkte wieder in Ordnung zu bringen.

Eine Kolumne von

Öllieferung (in den USA): Von einem Extrem ins andere
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Öllieferung (in den USA): Von einem Extrem ins andere



Es quietscht laut in der Mechanik der Weltwirtschaft: Der wichtigste Preis steigt und fällt und steigt wieder. Märkte und Regierungen fallen von einem Schockzustand in den nächsten. Öl der Sorte Brent kostete im Sommer 2014 mehr als hundert Dollar pro Fass. Dann halbierte sich der Preis binnen sechs Monaten. Seit Anfang 2015 steigt er nun kontinuierlich und mit großem Tempo; vorigen Mittwoch kratzte er an der 70-Dollar-Marke.

Wie geht es weiter? Treffsicher lässt sich das nicht vorhersagen: Möglich, dass Öl demnächst wieder billiger wird. Möglich auch, dass sich am Ölmarkt die nächste Kursblase aufbläht. Für beides gäbe es gute Gründe, dazu unten mehr.

Das abrupte Auf und Ab ist alles andere als eine Kleinigkeit. Die Unsicherheit über den Ölpreis schadet der Wirtschaft insgesamt, gerade in einer Zeit aufgeputschter Finanzmärkte. Diese Woche war das zu beobachten: Vom Ölmarkt sprang die Nervosität über auf die Märkte für Staatsanleihen, wo die Kurse, durch die Notenbanken auf extrem hohe Niveaus getrieben, einbrachen.

Geht es so weiter, könnten sich für hochverschuldete Länder, gerade innerhalb der Eurozone (achten Sie auf das Finanzministertreffen am Montag), erneut die Aussichten eintrüben, denn damit verschlechtern sich auch die Bedingungen, unter denen sie sich Geld leihen können. Die Energieminister der G7-Staaten, die Montag und Dienstag dieser Woche in Hamburg zusammenkommen, sollten deshalb Wege suchen, die brutalen Schwankungen einzudämmen.

Es ist schon verrückt: Eben noch ging die Angst vor Deflation um, verschärft durch fallende Ölpreise - was extrem niedrige Zinsen rechtfertigen würde. Nun lassen steigende Ölpreise ein bisschen Inflation erwarten - was höhere Zinsen rechtfertigen würde. Was denn nun?

Wie die Notenbanken auf das teurere Öl reagieren werden, ist völlig offen. Verschärft die US-Notenbank Fed ihren Kurs zur Abkehr vom billigen Geld, oder drosselt sie das Tempo der Zinserhöhungen? Versucht die EZB nun erst recht, die langfristigen Zinsen niedrig zu halten, oder bremst sie die Geldschwemme durch höhere Leitzinsen? Und was bedeutet beides für die weltweiten Wechselkurse? Große Fragen von weitreichender Bedeutung - nicht nur für die Finanzmärkte, sondern auch für den Arbeitsmarkt und die Staats- und Rentenkassen in vielen Staaten der Welt. Gespannt warten die Märkte deshalb auf die Begründung des Zinsentscheids der Bank of England am Montag.

Chancen und Risiken werden ständig neu verteilt: Bis vor Kurzem konnten sich ölimportierende Länder - von Deutschland bis Indien - noch auf der Gewinnerseite wähnen, während Ölexporteure - von Venezuela bis Russland - für längere Zeit auf die Verliererseite verbannt schienen. Nun könnte sich Blatt abermals wenden - binnen nicht mal eines Jahres.

Ölschocks gab es zwar auch früher schon: Die beiden Krisen der Siebzigerjahre sind noch im Gedächtnis, ebenso der rapide Preisanstieg während des globalen Booms der Nullerjahre. Dazwischen gab es aber immer wieder längere Phasen relativer Ruhe. So pendelte der Preis zunächst über Jahre in einem Band zwischen 60 und 80 Dollar, dann ab 2011 zwischen 100 und 120 Dollar - bis zum Absturz vorigen Sommer.

Nun droht eine ausgedehnte Phase heftiger Schwankungen. Zwei Faktoren spielen zusammen:

  • Fracking: In den vergangenen Jahren haben sich die Strukturen am Ölmarkt völlig verändert. Früher griff der Anbieterklub Opec, vor allem seine Vormacht Saudi-Arabien, steuernd ein, indem sie Preisziele formulierte und Fördermengen anpasste. Das ist vorbei. Der Fracking-Boom in den USA hat die Macht des Kartells gebrochen. Jetzt sind Angebot und Nachfrage in einem ungleichgewichtigen Zyklus gefangen: Niedrige Preise veranlassen insbesondere US-Fracking-Firmen, ihre Förderanlagen stillzulegen. Die Zahl der weltweit aktiven Anlagen ist seit Juli vorigen Jahres von 3608 auf heute nur noch 2268 gesackt. Derzeit sind so wenige Anlagen in Betrieb wie seit der Weltrezession 2009 nicht mehr, so die Analysten von Baker Hughes.

    Kein Wunder, dass der Ölpreis wieder gestiegen ist. Falls der Trend sich fortsetzt, wird die Förderung wieder steigen, was den nächsten Preisrückgang hervorrufen dürfte. Es ist wie beim klassischen Schweinezyklus-Phänomen: Zeitverzögerungen bei der Anpassung des Angebots sorgen für fortwährende Preisschwankungen.

  • Spekulation: Zusätzlich verstärkt werden die Schwankungen durch Spekulation. Das Mittel dafür haben die Notenbanken über Jahre ins System gepumpt. Als Folge der Geldflut sind inzwischen viele Vermögenswerte - von US-Aktien über europäische Staatsanleihen bis zu deutschen Großstadtimmobilien - überbewertet. Springen nun Anleger auf den Öltrend auf, bläht sich die nächste Blase auf. Eine Ölrallye ist in diesem Umfeld alles andere abwegig.

Soviel Unsicherheit ist schlecht für die Wirtschaft. Am Ende hat niemand etwas davon, weder produzierende noch konsumierende Länder.

Die Energieminister der G7-Staaten sollten deshalb neue Instrumente entwickeln, mit denen sich die Schwankungen begrenzen ließen. Große strategische Reserven aufzubauen, könnte eine Komponente sein. Auch Regulierungen zur Verstetigung der Produktion in den USA wären denkbar.

Klar ist aber auch: Solange die Notenbanken die Welt mit Liquidität überschwemmt halten, solange werden auch die Schwankungen an den Rohstoffmärkten heftig bleiben.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

BRÜSSEL - Immer wieder Griechenland - Treffen der Finanzminister der Eurogruppe. Wichtigstes Thema? Wie gehabt.

HAMBURG - Auf der Ölschaukel - Die Energieminister der G7-Staaten treffen sich in der Hansestadt (bis Dienstag). Für Deutschland in Gastgeberrolle dabei: Sigmar Gabriel.

LONDON - Nachgeholte Öffentlichkeit - Die Bank of England veröffentlicht, was sie vor der Unterhauswahl bereits beschlossen hat.

DIENSTAG

BRÜSSEL - Juncker unchained - Die Finanzminister der EU-Staaten beraten über den Fonds für strategische Investitionen, der Teil der Investitionsoffensive ist, die Kommissionspräsident Juncker angestoßen hat.

ATHEN - Zahltag - Griechenland muss die nächste Rate an den Internationalen Währungsfonds zusammenkratzen und überweisen.

STUTTGART/MÜNCHEN/KASSEL - Demokratie im Kapitalismus - Hauptversammlungen von Hugo Boss, Linde und K+S.

MITTWOCH

MÜNCHEN - Reithofer geht (ein bisschen) - Hauptversammlung von BMW: Erfolgreich hat Norbert Reithofer den Münchner Autobauer geführt. Nun möchte er sich zum Aufsichtsratschef wählen lassen. Nicht alle Aktionäre sind begeistert.

PARIS/PEKING/etc. - Wirtschaftsdaten, weltweit - Jede Menge Zahlen zur Lage der Weltkonjunktur: Französisches, italienisches, deutsches BIP, chinesische Industrieproduktion, Verbraucherpreise aus Deutschland.

DONNERSTAG (HIMMELFAHRT)

PEKING - Glorreiche Giganten - Modi in China: Die Regierungschefs der beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt, Indiens Premier Modi und Chinas Staatschef Xi, gleichen ihre Interessen ab.

FREITAG

ATHEN - Zitterpartie - Wie stark hat die Syriza-inspirierte Unsicherheit die Hellas-Wirtschaft beeinträchtigt? Zahlen zum BIP im ersten Quartal.

TOKIO - Untergehende Sonne - Neues vom Verbrauchervertrauen im alternden Japan.

BRÜSSEL - Überschüsse! - Zahlen zur Handelsbilanz der Eurozone im April.

DORTMUND - Knapp vorbei oder gerade noch drin? - Zur Abwechslung bangen die BVB-Fans mal nicht um Abstiegs- oder Euroleague-Plätze. Die Klub-AG vermeldet Quartalszahlen.

SAMSTAG

BERLIN - Verzwergung - Die einst stolze liberale Partei begeht den FDP-Bundesparteitag (bis Sonntag).

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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