Offenbarungseid-Rekord Gläubiger gehen härter gegen Schuldner vor

Immer mehr deutsche Konsumenten sind überschuldet, und vor allem im Osten des Landes verlieren ihre Gläubiger die Geduld. Die Zahl der Offenbarungseide und die der Haftandrohungen haben ein Rekordhoch erreicht.


Hamburg - Im ersten Halbjahr 2004 habe es in Ostdeutschland rund 104.200 Offenbarungseide wegen Überschuldung gegeben, teilte die Hamburger Auskunftei Bürgel mit. Das seien 18,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Westen habe es ein Plus um 4,4 Prozent auf über 450.300 Fälle gegeben. Beides seien Rekordzahlen.

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Die Zahl der Haftandrohungen stieg im Osten um 18,9 Prozent auf 44.300 Fälle. In Westdeutschland erhöhte sich der Einsatz dieses Mittels, mit dem Gläubiger die Eidesstattliche Versicherung eines Schuldners vor Gericht oder durch Beugehaft durchzusetzen versuchen, gleichzeitig um 5,6 Prozent auf fast 250.000 Fälle.

Während Offenbarungseide und Haftandrohungen besonders im Osten zunahmen, nutzten Schuldner im Westen zunehmend die Privatinsolvenz als letzten Ausweg aus der Schuldenspirale. Bürgel zählte im ersten Halbjahr 41.158 Privatinsolvenzen, was einem Anstieg um 28,4 Prozent entspricht. Während die Zahl im Westen um 33,9 Prozent auf knapp 33.700 zugenommen habe, sei sie in den östlichen Ländern um 8,4 Prozent auf fast 7500 gestiegen.

Tückische Kredite

Inkasso-Unternehmen erwarten, dass in diesem Jahr erstmals mehr Verbraucher als Unternehmen Insolvenz anmelden werden. Der Bundesverband der Inkasso-Unternehmen führt dies früheren Angaben zufolge darauf zurück, dass immer mehr überschuldete Haushalte von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Firmenpleiten, weil die Konjunktur anspringt.

Bürgel stützt sich bei der Studie auf eine Auswertung der Schuldnerregister bei Gericht. Als einen Grund für die wachsenden Schulden führte die Auskunftei verlockende Kredit- und Ratenangebote an, mit denen der Handel den Absatz anzukurbeln versuche. Dabei werde von den Kreditgebern oftmals der finanzielle Spielraum der Schuldner zu wenig geprüft. Zugleich griffen Gläubiger schneller zur gerichtlichen Durchsetzung ihrer Forderung.

Viele Schuldner unterschätzten zudem die tatsächlichen Kosten einer Anschaffung auf Kredit, bei denen zum Kaufpreis Zinsen und Bearbeitungsgebühren hinzukämen. Entsprechend resultiere ein Großteil der privaten Schulden aus Kreditverträgen für Immobilien, Leasing, Möbel und Reisen. Aber auch Forderungen aus Handy-Rechungen oder Handwerksleistungen würden immer öfter per gerichtlicher Zwangsmaßnahme eingetrieben, berichtete Bürgel.



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