Aus Shaji berichtet Wieland Wagner
Und so entstehen ständig weitere Jobs in dem einstigen Mülldorf. Anfangs gaben die Bosse der Online-Shops ihre Möbel noch bei lokalen Tischlern in Auftrag. Doch mit eigenen Fabriken seien die Gewinne zu steigern, sagt Chen. In Kürze will er eine größere moderne Fabrik für rund eine Million Yuan bauen, dann werden in Shaji insgesamt fünf größere Betriebe und 30 kleinere Familien-Werkstätten Teile für Do-it-Yourself-Möbel produzieren.
Um zu zeigen, wie sein Neubau aussehen soll, besucht Chen seinen Freund Wang Yue, 26, einen anderen Online-Händler. Wang hat sich kürzlich eine Fabrik gebaut. Bei ihm sägen 17 Arbeiter das Holz mit vier nagelneuen Maschinen zurecht. Am Tor hängt ein Schild: Wang sucht dringend weitere Online-Verkäufer und Packerinnen. Das Geschäft blüht.
Wang kam durch Chen auf die Idee für den Online-Handel, genau wie sein Bruder Pu, 28, der nebenan auch eine neue Fabrik eingeweiht hat. Das nötige Geld haben sie sich von Freunden und Verwandten geliehen. Auf Kredite der staatlichen Banken können sie nicht hoffen, berichtet Wang, auch nicht auf Gelder aus dem Konjunkturpaket, mit dem die Regierung in Peking derzeit vor allem Straßen und Flughäfen bauen lässt. "Für kleine Privatunternehmer wie uns sind die Zinsen viel zu hoch", sagt Wang.
Aber eigentlich sind sie froh, solange Staat und Partei sie in Ruhe lassen. Sie haben schon genug mit Nachbarn und Verwandten zu tun, die an ihrem neuen Reichtum beteiligt werden wollen. Auf dem Rückweg schaut Chen bei Chang Li, 34, vorbei, die Nachbarin betreibt zwei Häuser weiter einen winzigen Kramladen. Bonbons, Buntstifte, Feuerwerksknaller - alles purzelt in Regalen und Vitrinen durcheinander. Doch Chang hat kaum noch Zeit, ihren vollgestopften Laden mal aufzuräumen oder sich länger um ihren kleinen Sohn zu kümmern, der ihr auf dem Schoß herumkrabbelt. Chang hockt auf dem Betonfußboden vor einem verstaubten schwarzen Computer und chattet mit Online-Kunden.
Mehr als bloße Kopien
Seit einem Jahr verdient sie auf diese Weise mit an einem der drei Online-Shops, die Chen inzwischen gegründet hat. Sie hat ihren Nachbarn solange gedrängt, bis er sie endlich einweihte, wie man einen Computer bedient. Zwar beherrscht sie nur die paar nötigen Klicks, um Online-Aufträge entgegenzunehmen - aber das reicht ihr.
Die Gründer-Bosse wie Chen oder die Wang-Brüder denken schon weiter. Sie ahnen, dass sie auf Dauer nicht mit Billigmöbeln bestehen können. In Shaji erwachsen ihnen ständig Nachahmer, der jüngste heißt Sha Wanli, ist 17 und hat erst im Juni die Schule beendet. Mit Ersparnissen, die seine Verwandten im Kunststoff-Recycling verdienten, hat er gerade eine Fabrik für Computertische eröffnet.
Jetzt grübeln Chen und die Wangs darüber, wie sie berühmte Marken aufbauen können. Da haben sie noch viel zu tun - wie manche Kundenkommentare auf Wangs Online-Shop zeigen. Viele loben zwar prompte Lieferung. Aber sie klagen über wacklige Tischbeine, fehlende Löcher für Schrauben oder schlampigen Service.
Die Aufsteiger von Shaji sind stolz, alle möglichen Möbel praktisch aus dem Gedächtnis nachbauen zu können. Sie wollen nicht als bloße Kopierer gelten. Und sie wollen aus ihren Fehlern lernen. Durch das Chatten mit den Kunden wisse er stets, was der Markt neu verlangt, sagt Chen. "Wir werden unsere Möbel stetig verbessern. Wir werden zeigen, wie kreativ wir Chinesen sind."
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