Online-Poker-Manager John O'Malia "Obama ist ein guter Pokerspieler"

Jahrelang boomte Poker im Internet - nun schwächelte das Wachstum. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt John O'Malia, Geschäftsführer von PartyGaming, wie er im Markt bestehen will, welche Probleme das Glücksspielverbot bereitet - und warum er auf den künftigen US-Präsidenten hofft.


SPIEGEL ONLINE: Herr O'Malia, bevor Sie mit Online-Glücksspiel Karriere gemacht haben, waren Sie Banker: Gibt es eine Ähnlichkeit zwischen Poker und dem Finanzgeschäft?

O'Malia: Die gibt es. Ein guter Pokerspieler zeichnet sich durch ein gewisses Maß an Risikobereitschaft und vor allem durch Disziplin aus. Wenn er einmal verloren hat, setzt er beim nächsten Match nicht alles auf eine Karte, um das Minus wieder auszugleichen. Das gilt auch für die Finanzmärkte. Wenn der Dax fällt oder die Märkte kollabieren, darf ein guter Händler nicht hektisch werden. Man muss cool bleiben - beim Pokern und bei Anlagegeschäften.

SPIEGEL ONLINE: Dann haben die Experten an den Finanzmärkten zuletzt offenbar die falschen Blätter gespielt oder die Nerven verloren. Durch die Finanzkrise wurden an den Märkten Milliardenwerte vernichtet.

O'Malia: Ich habe vor allem die Disziplin vermisst. Seit 2006 haben die Banker mit Summen hantiert, die mit gesunden Geschäften nicht mehr viel zu tun hatten. In Bereichen wie dem amerikanischen Immobilienmarkt ging es ja nicht mehr um Milliarden, sondern um Billionen. Entsprechend gigantisch fielen die Verluste aus. Wenn du so pokerst, bleibst du nicht lange am Tisch.

SPIEGEL ONLINE: Können Finanzgeschäfte überhaupt ohne ein gewisses Risiko funktionieren?

O'Malia: Spekulation gehört zur Marktwirtschaft wie Umsatz und Ergebnis. Jedes Geschäft lebt von der Erwartung an die Zukunft. Das kann man den Menschen nicht nehmen, ohne das marktwirtschaftliche System zu zerstören. Auch Zyklen des Auf- und Abschwungs hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. Wenn es jetzt einen Lerneffekt gibt, dann den: Sicherungen sind nötig, um die Ausschläge einzudämmen. Aber Business ohne Spekulation? Genauso gut könnte man Poker mit offenen Karten spielen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt ist die Krise da. Und auch bei PartyPoker schwächeln die Geschäfte. Nach Jahren des ungebremsten Wachstums mussten Sie im vergangenen Quartal Umsatzverluste hinnehmen. Hat es sich ausgepokert?

O'Malia: In den Boomjahren von 2003 bis 2007 hat das Geschäft befeuert durch Poker im Fernsehen quasi von selbst funktioniert. Unser Umsatz hat sich pro Quartal zeitweise verdoppelt. Wir haben uns hauptsächlich darauf konzentriert, ausreichend Server-Kapazität bereitzustellen, um dem Ansturm gerecht zu werden. Größer und schneller, darum ging es. Damit kommen wir jetzt nicht mehr weiter. Die Märkte sind gesättigt.

SPIEGEL ONLINE: Eines Ihrer Hauptprobleme ist weiterhin die Regulierung. Das Online-Pokerverbot in den USA hat ihnen dort das Geschäft verdorben. In Europa und auch in Deutschland agieren Sie in einer rechtlichen Grauzone.

O'Malia: Die Lage ist schwierig, weil viele Regierungen über das Glücksspielmonopol mitverdienen wollen. Es gibt allerdings Liberalisierungszeichen in einzelnen Ländern, beispielsweise in Italien und auch in Spanien. Ich rechne damit, dass die EU in den kommenden Jahren den einzelnen Staaten klarmacht, dass wir uns mit Recht auf den Vertrag von Rom berufen, wonach wir unser Produkt überall in Europa anbieten können. Was die USA angeht: Wir warten ab, ob das Verbot gelockert wird. Barack Obama ist ein guter Pokerspieler. In einzelnen Staaten wie Kalifornien gibt es bereits Anzeichen für eine Liberalisierung. Dann wollen wir auch in den Vereinigten Staaten wieder mitmischen.

SPIEGEL ONLINE: Einige TV-Sender haben bereits die Sendezeit für Poker reduziert. Damit geht Ihnen ein wichtiges Marketinginstrument verloren.

O'Malia: In den ersten Jahren haben uns die Sender bezahlt, damit wir die Poker-Shows produzieren. Heute müssen wir zahlen, um eine Sendung ins Programm zu bekommen. Der Poker-Boom hat zahllose Anbieter an den Markt gebracht, die Preise fallen. Wir müssen unser Geschäft neu ausrichten.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie?

O'Malia: Marketing rückt in den Hintergrund. Wir investieren daher vermehrt in unser Angebot. Wir müssen den vorhandenen Kunden etwas bieten. In den vergangenen Jahren war es egal, wie lange ein Spieler uns treu bleibt. Jetzt geht es darum, ihn bei PartyPoker zu halten. Beispielsweise durch neue Software. Wir haben jüngst die Spieloberfläche renoviert. Aber auch durch Dienstleistungen außerhalb des Online-Pokers für unsere Stammspieler. Wir bieten denen jetzt beispielsweise Reisen an zu großen Turnieren.

Full House: Marktanteile im Web-Poker
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SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie angesichts der schwächelnden Märkte mit einer Übernahmewelle unter den Poker-Anbietern?

O'Malia: Die kleineren Plattformen werden verschwinden. Nur die größten fünf Anbieter verfügen über ausreichend Liquidität, um ein stabiles Geschäftsmodell bereitzustellen. Die anderen dürften kaum genug Spieler auf ihr Angebot bringen, um mittelfristig bestehen zu können. Wir haben im Schnitt rund 4000 Echt-Geld-Teilnehmer gleichzeitig an unseren Tischen, die kleinen Anbieter kommen auf vielleicht 600. Entsprechend müssen sich die Leichtgewichte zusammenschließen oder ausscheiden.

SPIEGEL ONLINE: In Europa ist der Markt gesättigt. Gibt es Pläne, in neue Märkte zu expandieren?

O'Malia: Asien hat Potential. Poker kann dort funktionieren. Allerdings ist die Marktlage außerordentlich komplex. In China gibt es beispielsweise ähnlich strenge Regulierungen wie in den USA. Ein anderer spannender Zukunftsmarkt ist Indien. Aber wir müssen vorsichtig sein und kontrolliert vorgehen. Sehr schnell wird Asien die Stammmärkte in Europa also nicht ersetzen können.

SPIEGEL ONLINE: Weil es beim Poker in ihren Stammmärkten nicht mehr so gut läuft, setzen Sie zunehmend auf neue Online-Angebote. PartyGaming bietet auch Backgammon oder Casinospiele wie Roulette und Blackjack an. Können Sie damit die Einbußen beim Poker wettmachen?

O'Malia: Die Online-Industrie hat lange nach einem Nachfolger für Poker gesucht - ohne Erfolg. Es gibt kein Angebot mit mehr Potential. Andere Spiele können neue Nutzer anlocken, die neben Poker Alternativen suchen. Aber wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir vor allem Qualität und Service unsere Poker-Plattform verbessern. Da liegt der Fokus.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neuestes Projekt heißt PartyMarkets. Spieler können dort in Eigenregie und ohne Bank auf steigende Börsenkurse oder fallende Rohstoffnotierungen wetten. Glauben Sie nach den vergangenen Marktturbulenzen ernsthaft, dass die Menschen dafür ihr Geld noch ausgeben?

O'Malia: Gerade jetzt, gerade nach den Marktturbulenzen erkennen die Menschen doch, dass es nicht nur nach oben gehen kann, sondern auch sehr rasant bergab. Also ist ein Produkt wie PartyMarkets interessant - denn dort können die Leute von einem Bullenmarkt genauso profitieren wie von einem Bärenmarkt. Den meisten Anlegern wurden doch bisher nur Fonds oder eben komplizierte Optionen angeboten. Bei PartyMarkets handelt man jetzt aber genau die Indexwerte, die man kennt.

SPIEGEL ONLINE: Die aufziehende Wirtschaftskrise dürfte es Ihnen dennoch nicht leichtmachen. Wird es für Online-Poker-Anbieter im kommenden Jahr noch schwerer?

O'Malia: Was uns höchstens zu schaffen macht, ist der schwächelnde Dollar. Wechselkurseffekte haben zuletzt unseren Gewinn geschmälert. Dass die Leute jetzt aber ihr Geld zusammenhalten und mit dem Pokern aufhören, glaube ich nicht. Jedenfalls spüren wir von der Wirtschaftskrise noch nicht viel. Spiele wollen die Leute immer - gerade in schweren Zeiten.

Das Interview führte Jörn Sucher



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Mischa, 04.12.2008
1.
Zitat von sysopJahrelang boomte Online-Poker. Jetzt stagniert das Wachstum, die Branche steht vor der Konsolidierung. Hat Poker im Web seine besten Zeiten hinter sich?
Klar, ausgepokert. Und nicht nur im Web.
lateral 04.12.2008
2.
Zitat von MischaKlar, ausgepokert. Und nicht nur im Web.
Mit dem 500 Euro Konsumgutschein wird sich das wieder ändern. Ähnlich wie in den USA: "Sex nehmen, Sex geben: Die Steuerentlastungen in den USA haben zu einem Boom in der Porno-Branche geführt, nachdem diverse Arbeitnehmer per Scheck..." http://www.20min.ch/unterhaltung/dossier/dahm/story/26300309
Mischa, 04.12.2008
3.
Zitat von lateralMit dem 500 Euro Konsumgutschein wird sich das wieder ändern. Ähnlich wie in den USA: "Sex nehmen, Sex geben: Die Steuerentlastungen in den USA haben zu einem Boom in der Porno-Branche geführt, nachdem diverse Arbeitnehmer per Scheck..." http://www.20min.ch/unterhaltung/dossier/dahm/story/26300309
Danke für diesen Anlagevorschlag, sollte ich 500 € bekommen, werde ich ihn beherzigen ;-)
malbec freund 04.12.2008
4.
Zitat von sysopJahrelang boomte Online-Poker. Jetzt stagniert das Wachstum, die Branche steht vor der Konsolidierung. Hat Poker im Web seine besten Zeiten hinter sich?
Seit Beginn des online Poker booms öffneten unzählig viele web-sites. Ich spiele fast täglich und sehe das die wirklich guten, das sind nicht mehr als eine Hand voll, einen steten Zuwachs verbuchen. Was ich nicht beurteilen kann, aber sehe es als gegeben an, das viele andere dann eben schwindende Besucherzahlen haben. Ob das Wachstum insgesamt stagniert möchte ich bezweifeln. Gruß
Roodpart13 08.12.2008
5. wird weiter abnehmen
Online Poker hat zwar einen Boom ausgelöst, kann aber m.E. nach als Fad abgestempelt werden - Das Niveau wird sich bei einer (immer noch recht hohen) "Stammspielerschaft" bzw. kritischen Masse an Süchtigen einpegeln, aber die Hoch Zeiten sind vorbei. Beobachte das selbst in meinem Bekanntenkreis und darüber hinaus, von vielen langjährigen Pokerspielern (auch vor der Onlinezeit) spielt kaum noch einer Online. Mein Account gammelt seit min. Frühjahr dahin, interessiert mich nicht mehr - Warum : Man hat relativ schlechte Gewinnausichten, auch ist gegen die Flag-Software der Betreiber ist kein Kraut gewachsen; Hinzu kommen vermehrt Dienste und Seiten im Internt, die unredliches Spielen & Tricksen ermöglichen was mir gehörig die Lust verdorben hat. (An alle Nochspieler da draussen: Wenn ihr einmal auf einschlägigen Seiten eure klare Statistik über bisher eingezahltes Geld / Verlust / Spielweisen FÜR JEDEN EINSEHBAR (ein paar Dollar subscription Fee vorausgesetzt) gesehen habt, geht euch auch die Lust verloren. - Nein, URLs gibts hier nicht - Summa Summarum: Eigentlich kann man (als Casual Spieler) kaum gewinnen und investiert einen Haufen Zeit&Geld für nichts, das schnallen die Leute langsam. Bin ich froh dass ich hier Suchtresitent war und das Thema abgehakt habe :)
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