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Online-Unternehmer: Neues Network will Xing attackieren

Von , San Francisco

Zwei britische Ex-Banker wollen den Markt für Business-Netzwerke aufrollen. An Selbstbewusstsein mangelt es ihnen nicht. Den Platzhirschen Xing und Linkedin sagt das Duo den Kampf an.

San Francisco – Die Burger auf ihren Tellern müssen längst kalt sein. Ohne Punkt und Komma reden sie, bringen Zahlen, Daten und Fakten an, stellen rhetorische Fragen und beantworten sie selbst. Und zwischendrin, ja zwischendrin beißen sie immer mal wieder hektisch in ihren Burger, um mit vollem Mund weiterzuerzählen. Von ihrer Idee, ihrem Projekt, ihrem Traum.

Talkbiznow-Macher Mark Parker (l.) und Martin Warner: "Größer als Google"
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Talkbiznow-Macher Mark Parker (l.) und Martin Warner: "Größer als Google"

Der heißt talkbiznow.com. Und wenn Selbstbewusstsein zum Geschäftserfolg beiträgt, dann wartet auf Talkbiznow.com eine glänzende Zukunft. Denn tatsächlich sind die beiden Burger-kauenden Gründer Martin Warner und Mark Parker so überzeugt von ihrer Idee, wie man es vielleicht sein muss, wenn man innerhalb weniger Wochen viele Millionen an Startkapital einsammeln will.

Dabei ist die Idee eigentlich simpel: Hinter Talkbiznow.com verbirgt sich ein neues Netzwerk im Internet, das sich gezielt an ein Publikum in der Wirtschaft richten will. Neben den üblichen Möglichkeiten, ein eigenes Profil anzulegen und sich mit anderen Mitgliedern zu vernetzen, soll es vor allem all das bieten, was man im modernen Berufsalltag braucht: Neben praktischem Service wie E-Mail, Kurznachrichten und Kalenderfunktion auch die Möglichkeit, Online-Schaltkonferenzen abzuhalten oder Firmendokumente auf einem Online-Server abzulegen, so dass Mitarbeiter weltweit Zugriff darauf haben.

"Bei Talkbiznow geht es nicht darum, mit dem Kollegen, der drei Straßen weiter arbeitet, die Verabredung für den Freitagabend klarzumachen", stichelt der 36-jährige Warner, der lange als Investment-Banker bei JP Morgan gearbeitet hat, gegen bisherige Network-Seiten wie Facebook. "Wir wollen die globale Business-Community vernetzen, damit sie schneller und besser Kontakte knüpfen können und ihre Arbeit damit produktiver machen."

Kosten soll das die Nutzer allerdings nichts, finanzieren wollen die beiden Briten das Ganze mit Hilfe von personalisierten Anzeigen auf den jeweiligen Profilseiten. Der Nutzer selbst soll darüber abstimmen können, welche er sehen will und welche er selbst schalten will. "Interaktive Werbung" nennen die beiden das und hoffen darauf, dass vor allem kleinere Firmen das Modell nutzen.

Umstrittene Banner-Werbung

"Den Großteil des Ertrags durch Werbung aufzubringen, ist eine Herausforderung", sagt Rebecca Jennings, Analystin bei Technologieberatung Forrester Research. "Business-User wollen in einer solchen Umgebung nicht als Werbeziele missbraucht werden, deshalb muss sich Talkbiznow interessante und anspruchsvolle Wege überlegen, sie zu überzeugen. Mit normaler Banner-Werbung wird das nicht funktionieren."

Trotzdem ist auch sie überzeugt, dass das Konzept funktionieren kann: "Business Netzwerke sind ein wachsender Markt. Allerdings hängt der Erfolg hier nicht von der Anzahl der Mitglieder, sondern von deren Qualität ab: Wichtig ist, wie viele Führungskräfte es dann tatsächlich regelmäßig nutzen." Es gebe immenses Potential für solche Netzwerke, da der Prozentsatz an Geschäftsleuten in den bestehenden Netzwerken immer noch gering sei.

Und es ist ein Markt, der lukrativ ist: Die derzeit wohl erfolgreichste Networking-Seite Facebook wird momentan mit über 15 Milliarden Dollar bewertet. Linkedin, wie Talkbiznow auf Wirtschaftskontakte spezialisiert, verzeichnete im Dezember 2007 mit 3,2 Millionen Besuchern im Monat 485 Prozent mehr Traffic als im Jahr davor – und wird derzeit mit über einer Milliarde Dollar bewertet.

"Wir werden eines Tages größer sein als Google"

Kein Wunder also, dass Warner und Parker auf diesen Zug aufspringen wollen. Laut eigenen Angaben haben sie bereits zwei erfolgreiche Finanzierungsrunden in Europa hinter sich, derzeit klappern sie mögliche Geldgeber im Silicon Valley ab und wollen so auf mindestens 25 Millionen Dollar kommen. Ihr Ziel ist es außerdem, innerhalb der ersten sechs Monate auf drei Millionen registrierte Nutzer zu kommen. "Nicht jeder braucht soziale Netzwerke, aber jeder muss Geschäftskontakte pflegen", sagt der 43-jährige Parker, der lange als Geschäftsführer bei der Halifax Bank of Scotland (HBOS) gearbeitet hat. Deshalb sei das ein Milliardenmarkt, fünfmal größer als der Markt für soziale Netzwerke und sogar größer als das Geschäft mit Suchmaschinen. "Wir werden eines Tages größer sein als Google."

Das bleibt abzuwarten. Klar ist allerdings, dass das in San Francisco und London angesiedelte Unternehmen nicht nur Linkedin mit seinen mehr als 24 Millionen Mitgliedern, sondern vor allem dem europäischen Marktführer Xing Konkurrenz machen wird. Das ebenfalls auf Berufskontakte spezialisierte Netzwerk verfügt derzeit nach eigenen Angaben über mehr als sechs Millionen registrierte Nutzer in über 190 Ländern. Nach Akquisitionen in Frankreich, Spanien und der Türkei plant das Unternehmen derzeit seine Expansion nach Großbritannien.

"Xing und Linkedin bieten nichts anderes als Unterhaltung"

"Xing ist momentan der absolute Marktführer in Europa", sagt Analystin Jennings, "aber Talkbiznow wird Konkurrenz machen." Gerade weil die neue Seite neben den üblichen Netzwerkfunktionen zusätzliche Serviceleistungen anbiete. "Der Erfolg von Talkbiznow wird davon abhängen, ob sie es schaffen, die versprochenen Leistungen von Anfang an anzubieten – denn die sind vor allem für kleinere Firmen und Selbständige interessant, die im Gegensatz zu den großen Firmen nicht über interne Möglichkeiten verfügen."

Bei Xing reagiert man nicht auf die Anfrage, sich zu der neuen Konkurrenz zu äußern. Nach Branchenangaben überlegen aber sowohl Linkedin als auch Xing bereits, welche zusätzlichen Features sie auf ihren Seiten anbieten können.

Das aber stört Warner und Parker wenig. Für die Konkurrenz haben sie bislang nur ein müdes Lächeln übrig. "Was Xing und Linkedin bisher anbieten, ist nichts anderes als Unterhaltung, die Funktionalität fehlt völlig", sagt Warner. "Wir dagegen machen es erstmals möglich, wirklich mit dem Netzwerk zu arbeiten, eine Hilfe im Geschäftsalltag zu sein. Und wir sind die einzigen, die wissen, wie das funktioniert."

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