Datensicherheit und Transparenz Blindflug auf dem Smartphone

Im Internet einkaufen, online Bankgeschäfte erledigen oder Preise vergleichen: Die Möglichkeiten im Netz sind großartig, doch noch oft fehlen Regeln. Einige Punkte geht die neue Regierung nun an.

Szene von der Computermesse Cebit (Archivbild)
DPA

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Eine Kolumne von


Zum Weltverbrauchertag zeigte Consumers International, der Dachverband der Verbraucherorganisationen, in einer Studie, wie global das Einkaufen im Netz inzwischen ist:

Dennoch haben wir Nachholbedarf, um die neuen technischen Möglichkeiten wirklich effizient zu nutzen. Das sieht auch die neue Bundesregierung so, die dafür sorgen will, dass wir bis 2025 alle schnelles, preiswertes Internet erhalten - flächendeckendes Breitband ist das Stichwort.

Stärkung des Verbrauchervertrauens

Das andere, was für eine schnellere Entwicklung fehlt, ist schlicht Vertrauen in die Seriosität vieler Unternehmen im Netz. Und für diesen Mangel an Vertrauen gibt es jede Menge Gründe.

Ich spreche nicht von dem großen Facebook-Skandal, sondern vom Alltag, dem Blindflug auf dem Smartphone: Fast jede App auf Ihrem Handy ist heute mit Allgemeinen Geschäftsbedingungen verbunden, die Ihre Rechte als Verbraucher einschränken und Ihre Daten zur Ware für die Anbieter machen. Und jedes Mal haben Sie entweder die Wahl, sich durch Bedingungen zu scrollen und zuzustimmen oder auf die App zu verzichten. Mit einer in unserem Rechtssystem so eigentlich nicht vorgesehenen Konsequenz: Entweder man liest nicht und akzeptiert ohne Kenntnis die Nachteile im Kundenstatus. Oder man verzichtet auf die Nutzung einer eigentlich doch ganz praktischen App.

Herr der Algorithmen werden

Ein anderer Punkt: Wir müssen beziehungsweise die Koalition muss sich dem Thema Macht der Algorithmen stellen. Schon heute ist es oft so, dass Entscheidungen über Kredite, über Bezahlmöglichkeiten bei Onlinehändlern oder den vom Kunden verlangten Preis durch ein Rechenmodul des Anbieters gesteuert werden. Sogar welche Kreditangebote ich auf Portalen tatsächlich offeriert bekomme, entscheiden manchmal Algorithmen.

Viele von uns kennen Bankkunden, denen gesagt wurde, ihr Kreditantrag wurde abgelehnt. Die Schufa-Bewertung sei zu schlecht. Verstanden wird das nicht, erklärt auch nicht. Es ist für Bankmitarbeiter einfacher zu sagen, die Schufa sei schuld, als zu sagen, der Vorstand habe entschieden, Kreditanträge ohne weitere Prüfung abzulehnen, wenn der Schufa-Score schlecht ist. Die Schufa behält für sich, warum sie einen Kunden so und einen anderen Kunden so bewertet - Geschäftsgeheimnis.

Industrie nennt unterschiedliche Preise "dynamische Preisbildung"

Ein anderer Umgang wäre möglich. Für die Tankstellen gibt es seit Längerem eine Datenanlieferungspflicht und Apps, die den Kunden die Preisentscheidung bei stündlich wechselnden Preisen ermöglichen. Bei Flugpreisen wäre diese Art von permanentem Vergleich im Prinzip möglich, manche Reiseportale arbeiten seit Jahren daran.

Eine Anlieferungspflicht für die Daten gibt es aber noch nicht. Bei den Kosten von Girokonten hat die EU vorgeschrieben, dass die Bundesregierung einen kostenlosen Vergleich in Deutschland möglich machen muss. Bis dahin nutzen Sie vorhandene gute Girokontovergleiche, wie die meiner Kollegen.

Beim Vergleich von Ratenkredit-Angeboten kann das Fehlen besserer Vergleichsmöglichkeiten für Kunden sogar zum gesellschaftlichen Problem werden. Die Ärmeren werden benachteiligt. US-Kritiker der Algorithmenwelt wie die Mathematikerin und ehemalige Investmentbankerin Cathy O'Neil sprechen im Zusammenhang mit solchen Algorithmen inzwischen von "Weapons of Math Destruction"(Mathematik als zerstörerische Waffe): "Sie sind undurchschaubar, werden nicht infrage gestellt, sind niemandem Rechenschaft schuldig und operieren in einem Maßstab, der groß genug ist, Millionen von Menschen zu kategorisieren."

Auch das will die neue Koalition natürlich nicht. Im Vertrag steht explizit: "Diskriminierungsverbote der analogen Welt müssen auch in der digitalen Welt der Algorithmen gelten." Und sogar die Unionsfraktion forderte zum Weltverbrauchertag, "die Auswirkungen von computerbasierten Entscheidungen, etwa auf Kreditnehmer und Jobbewerber, besser überprüfbar" zu machen. Transparent werde müsse auch, wenn "verschiedenen Kunden das gleiche Produkt zu unterschiedlichen Preisen angeboten wird", etwa wenn Apple-Nutzern technische Geräte zu höheren Preisen angeboten werden als Nutzern eines Android-Smartphones. Die Industrie nennt das "dynamische Preisbildung".

Wir werden sie im Auge behalten.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.


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Leser161 24.03.2018
1. Weiter so
Der Artikel erklärt wichtige Problematiken. Das diese Themen mit dem Spiegel die Öffentlichkeit abseits von Involvierten erreichen und das sich die Politik darum kümmern will ist ein wichtiger Fortschritt.
laberbacke08/15 24.03.2018
2. Ironie
Ist es Ironie, dass dieser Artikel ausgerechnet bei SPON erscheint? Gerade SPON hat es doch unmöglich gemacht das eigene Angebot anonym anzusurfen, und verhindert damit den Leuten die sich aktiv um ihre Datensicherheit sorgen den Zugriff auf Informationen und wird selber zur undurchsichtigen Datenkrake.
frenchie3 24.03.2018
3. Also in Kurzform
Beim Einkaufen mit dem Smartphone hat man die gleichen Probleme wie zur "analogen" Zeit. Früher mußte man nur durch die Läden, Banken, Reisebüros schlappen um am Ende festzustellen daß man ausgenommen wurde. Heute geht das vom Sofa aus mit dem gleichen Ergebnis. Verbraucherschutz und Transparenz als Ausrede für die langsame Digitalisierung?? Noch weitere sieben Jahre um beim Netzausbau das Stadium von Indien zu erreichen?
knob-creek 24.03.2018
4. Es gibt bereits mehr Autonomie
Seit Android 6 und unter iOS m. W. schon länger gibt es die Möglichkeit, die Berechtigungen einer App einzustellen. So kann man einer App, die das beim besten Willen nicht benötigt, den gerne verlangten Zugriff auf Adreßbuch oder SMS einfach verbieten. Darüber hinaus gibt es für eine Aufgabe typischerweise nicht eine App, sondern 10 oder 100. Mit etwas Geduld kann man dann statt der erstbesten die auswählen, die die wenigsten Berechtigungen fordert. (Oft ist das dann auch die, die am wenigsten Speicher belegt.)
joG 24.03.2018
5. Ich kann hier auf die technischen....
...Einzelheiten eingehen, aber ein grundsätzlicher Denkfehler im Umgang mit Information ist, dass man sie durch Illegalisierung oder Löschung eliminiert. Das ist aber nicht so. Man sieht sie nur nicht und reduziert sogar die eigene Möglichkeit entstehende Probleme zu erkennen, weil man durch löschen sogar die Häufigkeit der Incedenz nicht einmal mehr erkennt.
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