Operation Warteschleife Mehr als 10.000 Telekom-Mitarbeiter im Ausstand

Ver.di macht seine Drohung wahr, der Arbeitskampf bei der Telekom hat begonnen. Einen Tag nach der Urabstimmung haben bundesweit mehr als 10.000 Mitarbeiter ihre Arbeit niedergelegt. Der Streik dürfte erhebliche Auswirkungen für die Kunden des Konzerns haben.


Hamburg - Einen Tag nach dem Ende der Urabstimmung haben bei der Deutschen Telekom Chart zeigen heute die bundesweiten Streiks gegen den geplanten Konzernumbau begonnen. Der Protest richtet sich gegen die geplante Auslagerung von 50.000 Mitarbeitern in Service-Gesellschaften. Sie müssen dort für weniger Geld mehr arbeiten.

Streikbeginn (in Düsseldorf): Bundesweiter Protest gegen Auslagerung von 50.000 Jobs
DPA

Streikbeginn (in Düsseldorf): Bundesweiter Protest gegen Auslagerung von 50.000 Jobs

Im bayrischen Weiden in der Oberpfalz traten um sechs Uhr 120 Beschäftigte der Frühschicht in den Ausstand, teilte ein Sprecher der Gewerkschaft Ver.di mit. In Düsseldorf begann der Arbeitskampf eine halbe Stunde später.

Insgesamt hatte Ver.di 10.000 Beschäftigte in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen sowie in Niedersachsen und Bremen zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen waren laut Ver.di zudem rund 500 Telekom-Mitarbeiter aufgerufen, die Arbeit niederzulegen. Gestreikt werden soll in Dresden, Chemnitz, Halle, Magdeburg, Suhl und Gera.

Privat- und Geschäftskunden der Telekom müssen sich ab heute auf Einschränkungen beim Service und bei der Beseitigung von Störungen einstellen. Der Streik ist der größte Arbeitskonflikt seit der Privatisierung des Bonner Konzerns vor zwölf Jahren. In einer Urabstimmung sprach sich eine überwältigende Mehrheit von 96,5 Prozent der Mitarbeiter für einen Streik aus. Ver.di will auf dem Streikweg die geplante Auslagerung der 50.000 Mitarbeiter verhindern.

Ver.di-Bundesvorstand Lothar Schröder hatte bereits gestern zu SPIEGEL ONLINE gesagt, die Gewerkschaft rechne mit einem mehrere Wochen andauernden Streik. Der Arbeitskampf werde sich "auf das ganze Bundesgebiet" erstrecken. Welche Bereiche wann und mit wie vielen Leuten bestreikt würden, verriet er nicht. Die Gewerkschaft befürchtet, dass die Telekom sonst Streikbrecher aus anderen Regionen in den Arbeitskampfgebieten einsetzen könnte.

Ver.di wolle mit dem Streik nicht die Kunden, sondern den Konzern treffen, sagte Schröder. Allerdings werde es sich nicht vermeiden lassen, dass es zu "deutlichen Verzögerungen" kommt. In erster Linie gelte das für Geschäftskunden, aber auch private Haushalte seien betroffen.

Die Telekom zeigte sich skeptisch, dass es in dem Konflikt noch zu einer Einigung kommt. "Der Streik ist für uns ein klares Signal, dass Ver.di derzeit nicht zu Gesprächen bereit ist. Aber unsere Tür steht weiter offen", sagte Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick der Nachrichtenagentur Reuters. Eick hatte die Verhandlungen mit Ver.di als kommissarischer Personalvorstand geführt.

Eick warf der Gewerkschaft vor, sie verkenne die Wirklichkeit und die Notwendigkeit, schnell zu handeln. Stattdessen wolle Ver.di am alten Tarifgefüge festhalten. "Wir müssen dies korrigieren, weil der Markt uns dazu zwingt." Dass die Telekom bereits zwei Gewinnwarnungen ausgegeben habe, zeige, wie ernst die Lage sei. "Die Zeiten des Monopols sind Gott sei Dank vorbei", sagte Eick. "Die Telekom müsse und wolle sich dem Wettbewerb stellen, müsse dabei aber auf der Kostenseite konkurrenzfähig sein.

Den 50.000 von der Auslagerung betroffenen Mitarbeitern soll nun Eick zufolge bis Ende Mai ein Angebot vorgelegt werden. Dies solle sich an Tarifverträgen orientieren, die mit Ver.di bereits für andere Unternehmensbereiche ausgehandelt worden seien. Die Mitarbeiter hätten dann vier Wochen Zeit, auf das Angebot einzugehen. Theoretisch bliebe auch die Möglichkeit, die Mitarbeiter ohne Tarifvertrag zu beschäftigen oder die neu gegründeten Gesellschaften zu verkaufen. "Wir hatten gehofft, dass wir keine bestehenden Verträge übernehmen müssen, sondern mit Ver.di neue abschließen. Und so ganz gebe ich diese Haltung nicht auf", sagte Eick.

SPD-Arbeitsmarktexperte Rainer Wend kritisierte den Ausstand als kontraproduktiv. "Der Konzern steckt in großen Schwierigkeiten. In so einer Situation ist ein Arbeitskampf keine Hilfe", sagte er der Oldenburger "Nordwest-Zeitung". Die Unternehmensführung könnte jedoch nicht erwarten, dass ihre Pläne "einfach so geschluckt" würden. FDP-Partei- und Fraktionsvize Rainer Brüderle nannte den Streik "in jeder Hinsicht verantwortungslos". Er warnte vor einem erheblichen Imageverlust "nicht nur für die Telekom, sondern auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland". Kritik am Streik kam auch aus der CSU: Arbeitsmarktexperte Max Straubinger nannte ihn in der "Passauer Neuen Presse" den "falschen Weg". "Mann kann nur an Unternehmensleitung und Gewerkschaft appellieren, die Verhandlungen wieder aufzunehmen."

kaz/wal/dpa/ddp/Reuters



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