Organhandel in Indien Eine Niere für 500 Euro

Indische Slums sind ein Eldorado für Organhändler. Um ihre Schulden zu tilgen, verkaufen viele Bewohner ihre eigenen Innereien. Doch nur die wenigsten können sich so aus der Armut befreien.

Von Thomas Schmitt, Bangalore


Der Zettel hängt an einem Baumstamm, gegenüber dem Zentral-Krankenhaus im Süden der südindischen Großstadt Madras. In krakeliger Schrift bietet der Verfasser der Annonce eine "Eins-A-Niere" für 30.000 Rupien an, umgerechnet 500 Euro. Auf Nachfrage sagt der Verkäufer, ein 30-jähriger Tamile, dass "kein Zwischenhändler" in den Deal verwickelt sei. Das Geld benötige er dringend, "um Schulden zu tilgen".

Indischer Slum (in Bombay): 90 Prozent der Spender leben unter der Armutsgrenze
REUTERS

Indischer Slum (in Bombay): 90 Prozent der Spender leben unter der Armutsgrenze

Angebote wie diese sind in Madras kein Einzelfall. Im Gegenteil: Die Millionenmetropole hat den zweifelhaften Ruf, Dreh- und Angelpunkt des Organhandels zu sein. Verkauft werden vor allem Nieren - schließlich hat jeder Mensch zwei und kann zur Not auf eine verzichten.

Bisweilen nimmt der Handel obskure Formen an. Villivakkam, ein Slum in Madras' Norden, ist unter den Einheimischen als "Kidneyvakkam”, als "Nieren-Dorf", bekannt. Befragungen im Auftrag des Gesundheitsamtes ergaben, dass fast jede Familie jemanden vorweisen kann, der seine Niere verkauft hat. Ähnlich ist es im angrenzenden "Tsunami Nagar", einem Flüchtlingslager, das für Opfer der Flutkatastrophe errichtet wurde. Hier sind Nieren von gesunden Patienten "für 20.000 bis 40.000 Rupien zu haben", wie ein ehemaliger Zwischenhändler erzählt.

"Die Nierenspender sind häufig junge und mittellose Frauen", berichtet George Kurian vom Christian Medical College Hospital in Vellore. "Die Käufer sind dagegen meist ältere und wohlhabende Herren." Presseberichten zufolge benötigen rund 100.000 Inder pro Jahr eine Nierentransplantation. Hinzu kommen rund zwei Millionen mit gravierenden Nierenproblemen. Eine exorbitante Nachfrage - bei der am ehesten diejenigen zum Zuge kommen, die über die nötigen Mittel verfügen.

Geldverleiher, Zwischenhändler, korrupte Beamte

Schon 1994 hat die indische Regierung versucht, die Entnahme und Vergabe von Organen mit einem Gesetz zu regeln. Doch stoppen konnte sie den illegalen Handel nicht. Laut dem Gesetz wird es den Spendern nämlich ermöglicht, auch völlig Fremden Organe unentgeltlich zu "überlassen", wenn sie in irgendeiner "Beziehung" - welcher Art auch immer - zu den Interessenten stehen.

Dass unter der Hand natürlich doch Geld fließt, kann niemand kontrollieren. Dabei müsste eigentlich ein ausgesuchtes Gremium aus Medizinern und anderen Sachverständigen jede Transplantation genehmigen. Aber unter dem Druck der enorm gestiegenen Nachfrage werden immer öfter Organspenden bewilligt, bei denen nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, ob es sich wirklich um eine unentgeltliche "Überlassung" handelt. "Wir wissen, dass es einen organisierten Organhandel gibt", sagt C. Ravindranath, der ehemalige Vorsitzende des Authorisation Committees. "Wir können nur keine Beweise vorlegen."

Einer, der die Zustände kennt, ist Jogesh Amalorpavanathan, der Transplantations-Koordinator am staatseigenen Zentral-Krankenhaus in Madras. Er erzählt, dass der illegale Organhandel nur funktioniert, weil es ein eingespieltes Team aus gewieften Geldverleihern, dubiosen Zwischenhändlern und bestechlichen Staatsdienern gibt. Während letztere gefälschte Identitätsnachwiese erbringen, seien die Zwischenhändler für den "Kundenkontakt" und die Geldverleiher für die finanzielle Abwicklung zuständig.

Von dem Geld bleibt nicht viel übrig

Weil das Thema in der Presse derzeit heiß diskutiert wird, hat die Regierung des Bundesstaats Tamil Nadu eine Untersuchung angeordnet. Die mit der Verbrechensbekämpfung beauftragte Abteilung der Polizei wies den Ermittlungsauftrag jedoch postwendend zurück. Begründung: Nur das Authorisation Committee sei berechtigt, Unregelmäßigkeiten im Handel mit Organen nachzugehen. Den Akteuren des Organhandels ringt das nur ein müdes Lächeln ab: Nun können alle Beteiligten weitermachen wie bisher.

Und das Angebot ist groß: 500 bis 700 Euro sind für indische Verhältnisse kein Pappenstiel, entsprechend viele Menschen sind bereit, eine Niere herzugeben. Doch auf lange Sicht profitieren die Organverkäufer nicht. Eine Studie des Gesundheitsministeriums belegt, dass die Organstransplantationen mit enormen gesundheitlichen Risiken verbunden sind. Außerdem hätten sie die wirtschaftliche Situation der Spender keineswegs verbessert.

"90 Prozent der Organspender leben unter der Armutsgrenze", sagt Gesundheitsexperte Thiru V. K. Subburaj. "Bis aber die Schulden getilgt und ausreichend Nahrung und Kleidung für die Familie gekauft sind, ist von dem einmal gezahlten Geld nicht viel übrig."

Regelrechte Exportindustrie

Das ist aber noch nicht alles. Viele Organspender klagen über mangelnde Nachsorge und geben an, dass sie nach der Operation über lange Zeit geschwächt seien. Ihre alltäglichen Arbeiten können sie nicht mehr wie gewohnt verrichten. Dadurch sind die gesundheitlichen Folgekosten auf lange Sicht wesentlich höher, als der Verkauf eines Organs eingebracht hat. Nicht selten "sterben die Spender sogar an den Folgen einer fahrlässig durchgeführten Operation", sagt Ravindranath vom Authorisation Committee.

Die Empfänger der Organe waschen ihre Hände in Unschuld. In einer Umfrage gaben gerade einmal drei Prozent an, jemals etwas vom lukrativen Handel auf Kosten der Ärmsten der Armen gehört zu haben.

Eine Lösung erhoffte sich die Öffentlichkeit von einem kürzlich in Madras abgehaltenen Kongress. Die Debatte unter den Fachleuten fiel allerdings ernüchternd aus. Gesundheitsminister Thiru Ramachandran plädierte zwar mehrmals für mehr Kontrollen - doch er blieb ungehört. Im Gegenteil: Die meisten der 50 Teilnehmer forderten unter vorgehaltener Hand, den Organhandel gleich ganz zu liberalisieren. "Wenn die Wohlhabenden alles Mögliche mit ihrem Geld kaufen können, warum nicht auch menschliche Organe?", fragte einer.

Mittlerweile ist aus dem Handel mit Organen sogar eine regelrechte Exportindustrie entstanden. Jährlich werden von Indien aus mehr als 1000 Nieren nach Europa und Übersee, vor allem aber in die arabischen Länder verkauft. Und das, obwohl der inländische Bedarf keinesfalls gedeckt ist. Angesichts dieser Nachfrage ist ein Ende des schmutzigen Geschäfts kaum abzusehen.



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