Ostsee-Pipeline Schröder übernimmt Führungsjob bei Gazprom-Konsortium

Schon in seiner Amtszeit als Kanzler fiel Gerhard Schröder wegen seiner guten Kontakte zum Kreml auf. Nun übernimmt er eine führende Rolle in dem Konsortium, das die umstrittene Ostsee-Pipeline von Russland nach Deutschland baut.


Babajewo - Der Altbundeskanzler werde Aufsichtsratschef des Pipeline-Konsortiums NEGP Company tätig, sagte der Chef des russischen Gaskonzerns Gazprom, Alexej Miller, heute in Babajewo am Rande der Zeremonie zum Baubeginn der Pipeline. Er solle die Interessen der Aktionäre vertreten. Weder Schröders Büro in Berlin noch das Bundeswirtschaftsministerium konnten die Angaben zunächst bestätigen.

Gazprom-Chef Miller: Den Altkanzler angeworben
REUTERS

Gazprom-Chef Miller: Den Altkanzler angeworben

Das Bau-Abkommen zwischen Gazprom und den deutschen Konzernen BASF und E.on war im September im Beisein von Schröder und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Berlin unterzeichnet worden.  An dem Betreiberkonsortium hält Gazprom die Mehrheit von 51 Prozent. BASF und E.on teilen sich den Rest je zur Hälfte. Das Projekt ist für weitere Partner offen.

Kritik aus Polen und dem Baltikum

Ab 2010 wollen der russische Gasriese und die deutschen Konzerne sibirisches Gas nach Westeuropa pumpen. "Deutschland erhält durch die neue Pipeline eine direkte und zuverlässige Anbindung an die riesigen russischen Erdgasvorkommen", sagte E.on-Chef Wulf Bernotat heute bei der Zeremonie.

Die russischen Gasreserven machten mit rund 48.000 Milliarden Kubikmetern gut ein Viertel der weltweiten Gasreserven aus.     Um das russische Gas wird angesichts des steigenden Energiebedarfs weltweit gebuhlt. Aufstrebende Schwellenländer wie Indien oder China konkurrieren darum inzwischen mit Westeuropa.     

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos bezeichnete die Pipeline als einen Meilenstein in der Zusammenarbeit beider Länder im Energiesektor. "Ich betrachte es als eine wichtige gemeinsame Aufgabe, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Unternehmen unserer beiden Länder diese Energiepartnerschaft ausbauen können", sagte der Minister. Glos war auf seiner ersten Auslandsreise als Wirtschaftsminister am Vortag bereits mit Putin zusammengetroffen. Die neue Pipeline sei über die deutsch-russische Bedeutung hinaus auch wichtig für die Energieversorgung Europas, sagte Glos.     

Gazprom-Zentrale Politisch bestimmter Moloch

Gazprom-Zentrale Politisch bestimmter Moloch

Vor allem Polen und die baltischen Staaten kritisieren das Ostsee-Projekt heftig, die neue, dritte Pipeline von Russland nach Europa sollte ursprünglich über ihre Territorien laufen. Das hätte diesen Staaten erhebliche Transitgebühren eingebracht. 

Für BASF-Chef Jürgen Hambrecht ist die neue Pipeline aus Gründen der Versorgungssicherheit in Europa dringend nötig. "Europas Erdgasbedarf wächst, seine Eigenproduktion sinkt. Für die nächsten zehn Jahre ist allein für den nördlichen Teil Europas mit einer Verdoppelung der notwendigen Importe auf 290 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zu rechnen", sagte Hambrecht.     

Schröders umstrittene Russland-Nähe

Die Pipeline durch die Ostsee soll vom russischen Hafen Wyborg unweit von St. Petersburg über gut 1200 Kilometer bis nach Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern verlaufen. Zunächst ist ein Leitungsstrang mit einer Transportkapazität von 27,5 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr geplant. Später soll eine zweite Trasse folgen. Insgesamt werden die Investitionen auf rund vier Milliarden Euro veranschlagt. Deutschland ist der größte Exportmarkt für den weltgrößten Gaskonzern.

Die Deutschen decken über ein Drittel ihres Gasbedarfs aus Russland. Das Gas, das durch die Ostsee-Pipeline fließen soll, kommt größtenteils aus dem westsibirischen Juschno Russkoje, dessen Reserven auf 700 Milliarden Kubikmeter Erdgas geschätzt werden. BASF hat mit Gazprom bereits eine Beteiligung an der Ausbeutung dieses Gasfelds vereinbart, E.on verhandelt noch darüber.

Bereits vor der Bundestagswahl hatte es Gerüchte gegeben, Schröder könne Berater für den staatlich kontrollierten Gazprom-Konzern werden. Damals waren diese kategorische dementiert worden. Gazprom gilt als verlängerter Arm des Kreml und besitzt neben dem Energiegeschäft auch eine Medien-Sparte, die unter anderem den früher regierungskritischen Nachrichtensender NTW übernommen hat.

Wie die "Berliner Zeitung" berichtet, geht Schröders Ernennung auf Initiative der russischen Seite zurück.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.