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Oxfam-Studie: Aldi und Co. tragen Mitschuld an Hungerlöhnen

Billige Ananas, preiswerte Bananen: Verbraucher können Südfrüchte zu Tiefstpreisen kaufen - weil deutsche Supermärkte ihre Marktmacht ausspielen und die Preise der Produzenten drücken. Laut einer Studie leiden darunter Kleinbauern und Arbeiter in Entwicklungsländern.

Hamburg - "Kleine Preise" gibt es bei Plus, "billiger" ist es bei Lidl, "konstant niedrige Preise" bietet Aldi Süd, und selbst Edeka wirbt mit Preisen, die "dauerhaft niedrig auf Discounterniveau" sind: Der deutsche Lebensmittelmarkt ist umkämpft wie kaum ein anderer, und im Streit um Kunden und Marktanteile zählt hierzulande vor allem eins - der Preis.

Bananen mit dem Fair-Trade-Siegel: Verbraucher haben die Wahl
DPA

Bananen mit dem Fair-Trade-Siegel: Verbraucher haben die Wahl

Dass dieser Preiskrieg auf Kosten der Mitarbeiter geht, hat nicht zuletzt der Skandal um heimliche Videoüberwachung bei Lidl und anderen Discountern gezeigt. Was jedoch wenige Konsumenten wissen: Die billigen Nahrungsmittel - und hier besonders Südfrüchte - gehen insbesondere zu Lasten der Arbeiter in Entwicklungsländern, die das Obst und Gemüse anbauen, ernten und verpacken. "Den Preis dafür zahlen die Menschen, die mit den süßen Früchten als erste in Berührung kommen", so das Fazit einer Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam, die an diesem Montag veröffentlicht wurde.

"Preisdruck führt zu Menschenrechtsverletzungen"

Denn die billigen Preise für Bananen und Ananas sind nur möglich, weil die fünf größten Supermärkte in Deutschland den Markt zu rund 70 Prozent abdecken. "Die Supermärkte setzen ihre Einkaufsmacht massiv dazu ein, die Lieferanten im Preis zu drücken", sagt Marita Wiggerthale, Handelsexpertin und Autorin der Studie. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Lieferanten von Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Metro immer billiger produzieren müssen - zu Lasten ihrer Beschäftigten. "Bereits jetzt führt der Preisdruck dazu, dass die Lieferanten Arbeits- und Menschenrechte verletzen, um in dem harten Wettbewerb gut abzuschneiden", sagt Wiggerthale.

Dies bedeutet nicht nur, dass die Arbeiter für sehr wenig Geld arbeiten müssen - so verdienen Ananas-Pflücker in Costa Rica bei Zwölf-Stunden-Schichten etwa neun Euro am Tag. "Gleichzeitig sind sie in hohem Maße gesundheitlichen Pestiziden ausgesetzt, leiden an Augenschäden, Nasenbluten, Reizungen oder Verbrennungen der Haut, Übelkeit und Erbrechen", heißt es dazu in der Studie.

Ändern wird sich nach Meinung von Oxfam daran so schnell nichts, denn die Produzenten behindern gleichzeitig systematisch die Bildung von Arbeitnehmervertretungen: So boykottiere zum Beispiel die Compania Bananera Atlantica, die zum Großkonzern Chiquita gehört, die Arbeit von Gewerkschaften. Ein Tochterunternehmen des Frucht-Multis Del Monte verstoße gegen das Rahmenabkommen, das Del Monte selbst vor mehr als zehn Jahren mit den Gewerkschaften abgeschlossen hat. Und der Ananasproduzent Pina Frut drohe seinen Mitarbeitern mit schwarzen Listen, Gehaltskürzungen, Massenentlassungen und Plantagenschließungen. Das Fatale: All diese Hersteller beliefern die führenden Südfruchtimporteure wie Dole, Chiquita, Del Monte, Fyffes, Cobana-Fruchtring, Edeka Fruchtkontor und Dürbeck.

Top 20 Fruchthandelsunternehmen in Deutschland
Unternehmen Land Umsatz in Mio. Euro (2006)
Pomona Consolidé Frankreich 2412
Univeg Groupe Belgien 2200
Fyffes PLC Großbritannien 1984,8
The Greenery Niederlande 1448,4
Edeka Fruchtkontor Deutschland 1400
GF Group Italien 1200
Atlanta Scipio Deutschland 1200
Groupement Creno Frankreich 845,5
Fresca Großbritannien 484,8
Bakker Beheer Barendrecht Niederlande 475
Agrial Frankreich 462
Groupement Hexagro Frankreich 458
Anecoop Sociedad Cooperativa Spanien 422
Bonduelle Frankreich 362
OGL Deutschland 359
Cobana-Fruchtring Deutschland 352
Redbridge Holdings Limited Großbritannien 348
Capespan International Großbritannien 346
Paul Kempowski Deutschland 332
Quelle: Oxfam

Gleichzeitig spielt die Optimierung der Lieferkette bei der Wachstumsstrategie der Supermärkte eine immer wichtigere Rolle. Deshalb erwartet Oxfam, dass die großen Lebensmitteleinzelhändler immer enger mit den multinationalen Konzernen zusammenarbeiten werden. "Wertschöpfungspartnerschaften von zwei bis drei Lieferanten oder Dienstleistern je Produktkategorie werden die Zukunft bestimmen, Verträge werden direkt mit Erzeugern oder Importeuren abgeschlossen", heißt es dazu in der Studie. Das bedeute nichts anderes, als dass der "Preis- und Kostendruck entlang der Lieferkette nach unten weitergegeben" werde.

Oxfam appelliert deshalb einerseits an Verbraucher, Bioprodukte beziehungsweise Produkte aus fairem Handel zu kaufen. Andererseits fordert die Entwicklungsorganisation das Bundeskartellamt auf, die Einkaufsmacht der Supermarktkonzerne unter die Lupe zu nehmen.

sam

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