Wirtschaftsgeschichte Als Luther das gute Geschäft verdarb

Einer musste den Job ja machen! In den bizarren Tätigkeiten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte spiegelt sich der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Autorin Michaela Vieser und die Illustratorin Irmela Schautz porträtieren ausgestorbene Berufe - wie etwa den Paternostermacher.

Das Geheimnis des Paternostermachens: anspruchslos und doch gut gehütet
Irmela Schautz

Das Geheimnis des Paternostermachens: anspruchslos und doch gut gehütet


Paternostermacher bzw. Bernsteindreher: Verarbeitete Bernstein zu Gebetsketten

Erkennungszeichen: lebte nicht da, wo der Bernstein herkam

Aktive Zeit: ab dem 12. Jahrhundert

Laut dem "Allgemeinen Deutschen Reimlexikon" von 1826 reimt sich Bernsteindreher, zusammen mit Beindreher, Nasendreher, Pillendreher und insgesamt vierundzwanzig weiteren Drehern auf Fleher, Geher, auf einundvierzig Versionen von Seher, wie Schulaufseher oder Unglücksseher, aber auch auf Wonnenweher und Kirchenvorsteher. Wer sich inspiriert fühlt, könnte nun das eine oder andere Gedicht verfassen. Letztendlich aber diente das Hauptprodukt der Zunft der Bernsteindreher - der Paternoster oder Rosenkranz - zum Runterleiern von Gebeten, nicht von Gedichten. Ganz im Sinne von "Die Tränen frommer Seelen, faßt Gott und läßt sie zählen", wie die Aufschrift eines Kupferstichs lautet, auf dem der Paternostermacher abgebildet ist.

Dass so viele Rosenkränze ausgerechnet aus Bernstein gearbeitet wurden, kommt nicht von ungefähr. Dem baltischen Gold, das sich so leicht und weich anfühlt und zudem auf dem Salzwasser schwimmt, werden seit jeher magische Fähigkeiten nachgesagt. Jäger trugen Amulette aus Bernstein, Tierfiguren aus Bernstein wurden in Gräber gelegt, und auch heute werden Kleinkindern Halsketten aus Bernstein gegen die Schmerzen des Zahnens umgehängt.

Auch die Griechen kannten ihn und nannten ihn "Elektron" - den aus der Sonne entstandenen Stein. Die Ithaker wussten wohl, dass sie es mit keinem gewöhnlichen Stein zu tun hatten, wie die Sage von Phaeton, dem Sohn des Sonnengottes Helios, verrät: Als Phaeton, dem der Sonnenwagen seines Vaters entgleiste und damit großes Feuer entfachte, von Zeus mit dem Tod bestraft wird, verwandelte der Göttervater die weinende Mutter und die trauernden Schwestern in Pappeln, ihre Tränen in Bernstein. Heute wird alles Baumharz, das mindestens eine Million Jahre alt ist, als Bernstein bezeichnet.

Das Gold des Nordens

Dank der Texte des Römers Plinius (23 bis 79 n.Chr.) wissen wir auch von einem Bernsteinmodeboom: "Eine aus Bernstein erzeugte, noch so kleine Figur übersteigt die Preise lebendiger, kräftiger Menschen [Sklaven]."

Auf phönizischen, römischen und etruskischen Handelsstraßen wurde bereits in der Antike das Gold des Nordens bis zum Mittelmeer und weiter hinein in den Orient befördert. Der Anziehungskraft dieses Un-Steins konnte keiner widerstehen. Homer setzte den Harztropfen ein literarisches Vermächtnis, indem er in seiner "Odyssee" ein Halsband aus Bernstein beschreibt: "Es war golden, besetzt mit Elektron, der strahlenden Sonne vergleichbar."

Ja, Bernstein war wirklich das Gold des Nordens.

Es sollte für edle Dinge verwendet werden wie zum Beispiel für Rosenkränze, die im Mittelalter zum Massenprodukt werden sollten.

Auffallend an den Paternostermachern der ersten Stunde ist, dass ihre Werkstätten weit entfernt von den Fundorten des Bernsteins lagen, nämlich in Lübeck und Brügge, und eben nicht in Königsberg oder Danzig, wo man sie vermutet hätte. Der Grund: Seit dem 13. Jahrhundert regierten die deutschen Ordensritter über das Samland, die Gegend um Königsberg, wo der meiste Bernstein auf die Strände gespült wurde. Um eine Zahl zu nennen: Nach einem Herbststurm im Jahre 1862 konnten die Bewohner von Palmnicken, unweit von Königsberg, zweitausend Kilogramm Bernstein aufsammeln. "Strandsegen" nannte man dieses Phänomen.

Lange galt der Besitz von Bernstein als verboten

Die Ritter erklärten es zu ihrem Anliegen, den höchstmöglichen Gewinn aus diesem Schatz zu schlagen und seinen Handel zu kontrollieren. Als deutscher Ordensritter hatte man dazu das eine oder andere Druckmittel. Während zuvor die Bevölkerung frei am Strand das in aller bekannten Welt begehrte Gut auflesen durfte, musste man es jetzt an von den Ordensrittern gestellte Händler abgeben, die dafür lediglich in Salz bezahlten: ein schlechtes Tauschgeschäft. Als diese Maßnahme nicht griff, wurde es untersagt, sich ohne Erlaubnis an der Küste aufzuhalten oder gar mit Rohbernstein zu handeln. Jeder Küstenbewohner musste einen sogenannten "Bernsteineid" schwören, in dem er sich dazu verpflichtete, keinen Bernstein aufzulesen, zu besitzen oder gar zu verkaufen. In der Kirche wurde das sonntäglich von der Kanzel herab nochmals eindrücklich gepredigt. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts - mittlerweile regierten die Preußen - säumten Galgen den Weg zum Strand, und 1693 wurde das erste Gefängnis für Bernsteindiebe errichtet.

Das Verbot hielt sich lange: Noch 1794 berichtet der Schriftsteller Ludwig von Baczko in seinem Buch "Nankes Wanderungen durch Preußen": "Ich hatte die Erlaubnis erhalten, längs dem Seestrande gehen zu dürfen."

Um der Bevölkerung erst gar nicht die Möglichkeit zu geben, illegal gefundenen Bernstein zu verkaufen, siedelte man die Bernsteindreherwerkstätten weit entfernt am anderen Ende der Ostsee oder gleich an der Nordsee an. Dort, in Brügge und Lübeck, schufteten die Bernsteindreher im Akkord. In Lübeck wurde deshalb 1360 von der Stadt Nachtarbeit verboten.

Rohbernstein vom Handelsmonopol

Mit nur zwei Standorten und jeder Menge Christenvolk gab es viel zu tun. 1420 sollen in Brügge siebzig Meister mit insgesamt vierhundert Personen das Bernsteindrehergewerbe ausgeübt haben. In Lübeck lebten nicht ganz so viele von diesem Gewerbe, man geht von zirka vierzig Meistern mit jeweils zwei Gesellen im gleichen Zeitraum aus.

Den Rohbernstein bezogen die Bernsteindreherzünfte direkt vom Handelsmonopol der Ordensritter und später, seit 1524, von den preußischen Herzögen. Um Streit ob seiner Qualität auszuschließen, verteilten diese den Bernstein per Los an die einzelnen Betriebe.

Zunächst musste der rohe Bernstein aufgrund seiner Qualität sortiert werden. Dann wurden daraus perlengroße Stücke geschnitten. Mittels eines von einer Kurbel betriebenen Schleifsteins wurde geschliffen und später poliert. Dabei war darauf zu achten, dass der Bernstein nicht zu heiß wurde: "Weil der Bernstein bei der Bearbeitung, besonders beim Polieren, heiß wird und dadurch leicht springt, so arbeitet man, um dies zu verhüten, pausenweise, bis er wieder kalt wird", wie das Lehrbuch der -Lithurgik Auskunft gibt. Dann wurden die Löcher in die Perlen gebohrt und die Bernsteinperlen aufgezogen.

"Die Gesellen wurden anscheinend nach Akkord bezahlt: Für tausend geschnittene Perlen wurden acht Pfennige lübsch [Lübecker Währung, d. Verf.] bezahlt, für Tausend durchbohrte Perlenrohlinge vier Pfennige und für Tausend gedrehte gab es neun Pfennige."

Keine besonders anspruchsvolle Tätigkeit

Es gab viele Versionen von Paternosterketten, nachweisbar seit 1085, die mit einer unterschiedlichen Anzahl von Perlen bestückt waren. In Lübeck wurden vor allem die Fünfziger-Perlenketten hergestellt, andere hatten drei mal zehn Perlen. Auch wenn die Arbeit der Bernsteindreher eine monotone war, so verdienten die Lübecker und Brüggener Zünfte gut an ihrem Gewerbe. Sie hatten Exklusivverträge mit Händlern, die ihnen jährlich eine bestimmte im Voraus ausgemachte Stückzahl abnahmen und die Ware in den Süden exportierten: nach Venedig, Nürnberg, Frankfurt und Köln. Den Raum um Lübeck belieferten die Bernsteindreher selbst. Als die den Bernsteinfundorten so nahen Danziger 1477 darauf bestanden, eine eigene Bernsteindreherzunft aufzubauen, reagierten die Lübecker und Brüggener mit Protesten und setzten alles daran, es ihnen zu verbieten. Doch zu spät! Zu diesem Zeitpunkt gehörte Danzig seit elf Jahren nicht mehr zu Preußen; mit Fug und Recht beanspruchte die Stadt einen Teil dieses lukrativen Geschäfts. Schnell stellte sich heraus, dass die Befürchtung der Lübecker und Brüggener berechtigt gewesen war: Danzig war eine Handelsmetropole mit prächtigen Standortfaktoren und dazu von internationaler Ausrichtung. Die Danziger Bernsteindreherzunft wuchs rasant, während die Zahl der Bernsteindreher in Lübeck stetig schrumpfte: Im 17. Jahrhundert arbeiteten dort nur noch zwei Meister. Der Erfolg machte Schule, und Zünfte in Pommern und Königsberg folgten.

Solange die Bernsteindreher nur ihre Rosenkränze fertigten, war ihre Tätigkeit keine besonders anspruchsvolle:

"Im Allgemeinen bemerke ich nur, dass die gewöhnlichen Bernsteindreher eine nicht sehr vollkommene Kunst, mit einfachen mangelhaften Werkzeugen ausüben; dass aber jeder Kunstdrechsler und Bildschnitzer, der mit Feile, Meißel und Grabstichel geschickt umzugehen versteht, jedes Kunstwerk, das er aus anderen feinen Materialien, als Elfenbein, Perlmutter u.s.w. anzufertigen vermag, ebenso vollkommen aus Bernstein darstellen kann."

Erste Gebrauchsgüter aus Bernstein nach der Reformation

Die Bernsteindreher besaßen ein Monopol auf etwas, das offensichtlich nicht besonders schwierig zu erlernen war. Desto akribischer achteten sie darauf, dass das Wissen um ihr Handwerk ihren eigenen Kreis nicht verließ. Die Bernsteindreherzünfte sprachen sich bereits im 15. Jahrhundert gegen die Walz aus, weil sie verhindern wollten, dass ihre Gesellen das Know-how in andere Regionen trugen. Der Streit gegen die Bönhaserei, also die unbefugte Arbeit solcher, die nicht der Zunft angehörten, war ähnlich engstirnig.

"Es zeigt sich auch die Entartung des Zunftwesens besonders in den immer erbitterter werdenden Kämpfen gegen die Bönhasen. So sind die Beschwerden, welche deswegen von der Zunft zu Danzig an den Staat gelangen, äußerst zahlreich, und der krasse Egoismus, welcher sich in diesen Beschwerdeschriften dokumentiert, lässt uns die Institution des Zunftzwanges in nicht sehr rosigem Lichte erscheinen."

Die Bernsteindreher, die sich auf die Paternoster versteift hatten, ereilte ein jähes Ende, als Martin Luther auf die Weltbühne trat und danach Rosenkränze nur noch von den katholischen Gläubigen benutzt wurden. Die reformierten, preußischen Städte des Samlandes ereilte das reformierte Schicksal auch darum, weil die eingeschworenen Katholiken ihre Bernsteinrosenkränze nun nicht mehr von den religiös Abtrünnigen bezogen, sondern aus anderen Gebieten, die eben katholisch waren. Der erste preußische Herzog, Albrecht I. von Brandenburg-Ansbach, der 1524 die Reformation eingeführt und das Ordensland in ein weltliches Herzogtum umgewandelt hatte, ließ sich davon nicht beirren und begann auch profane Gebrauchs- und Luxusgüter bei den Bernsteindrehern zu bestellen: Kompasse, Pulverflaschen, Würfel, Schmuck, kleine Kästchen. Diese wurden gerne als diplomatische Geschenke eingesetzt und finden sich noch heute in den Kunstkammern von Sankt Petersburg bis Bologna. Den Höhepunkt dieser diplomatischen Aufmerksamkeiten aus Bernstein bildete wahrscheinlich das Bernsteinzimmer, mit dem der preußische König Friedrich Wilhelm 1716 den russischen Zaren beglückte.

Heute gibt es in Deutschland nur noch einen Bernsteindreher: an der Ostseeküste auf dem Darß.


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Michaela Vieser "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreissern", illustriert von Irmela Schautz; erschienen im C. Bertelsmann Verlag.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Peter Werner 15.07.2012
1.
Zu folgenschweren Fehlentwicklungen kommt es immer dann, wenn "aussterbende" Berufe künstlich am Leben erhalten werden, als purer Selbstzweck. Ein Musterbeispiel hierfür ist der Bergarbeiter: bereits seit den 70ern war klar, dass der Bergbau in Deutschland keine Zukunft besitzt. Dennoch wurde dieser mit zig Milliarden Subventionen weiter am Leben erhalten, das Saarland beispielsweise ging daran fast pleite. Unvorstellbar, aber bis vor kurzem wurden sogar neue Bergarbeiter ausgebildet. Letztendlich geholfen war hiermit keinem. Wesentlich besser angelegt wären diese Milliarden in Umschulungen sowie der Ansiedlung aktueller Industrien gewesen.
Krokodilsträne 15.07.2012
2. grübel, grübel...
... aber ich komme nicht dahinter, was ein Nasendreher macht, ist mir eine etwas beunruhigende Vorstellung.
Oberleerer 15.07.2012
3.
Wirklich schlimm finde ich, dass sich die Gutsbesitzer herausnehmen konnten, jemanden zu töten, der Bernstein sammelt, obwohl es einfach aus der Natur kommt und nichtmal einen Schaden verursacht (wie z.B. Holzdiebstahl / Wilderei). Genau diejenigen, die den Bernstein nicht ernten durften, waren aber sicherlich hoch willkommen in der Armee um diese Ländereien mit ihrem Leben zu verteidigen. Auch wenn es altbacken klingt, zeigt es, wie wichtig es ist, dass Resourcen (Flächen, Rohstoffe, Wasser, Luft) demokratisch verwaltet gehören. (Marx sagte "Eigentum an Produktionsmitteln).
kaiser-wilhelm 15.07.2012
4. Subvention
@Peter Werenr(1.) - Zustimmung! Haben sie die aktuellen Summen noch parat? Mir ist aus der Erinnerung heraus der Wert 72.000 DM pro Arbeitsplatz / Jahr noch haften geblieben. Kann ich an sich nur aus DER SPIEGEL haben. Grübelte damals, warum man sie nicht alle (egal wie alt) in Rente nach Mallorca entlässt. Alternative, wie von ihnen erwähnt, wäre wahrlich dienlicher gewesen.
Manitou-01@gmx.de 15.07.2012
5. Einige Fragen
Zitat von Peter WernerZu folgenschweren Fehlentwicklungen kommt es immer dann, wenn "aussterbende" Berufe künstlich am Leben erhalten werden, als purer Selbstzweck. Ein Musterbeispiel hierfür ist der Bergarbeiter: bereits seit den 70ern war klar, dass der Bergbau in Deutschland keine Zukunft besitzt. Dennoch wurde dieser mit zig Milliarden Subventionen weiter am Leben erhalten, das Saarland beispielsweise ging daran fast pleite. Unvorstellbar, aber bis vor kurzem wurden sogar neue Bergarbeiter ausgebildet. Letztendlich geholfen war hiermit keinem. Wesentlich besser angelegt wären diese Milliarden in Umschulungen sowie der Ansiedlung aktueller Industrien gewesen.
Was hat Bergbau mit (Kunst-)Handwerken zu tuen, die in kleinem Rahmen (evtl. auch nur im Nebenberuf) erhalten werden? Als Bestandteil der Kultur sollten alte Handwerke schon deshalb erhalten bleiben, um Museumsstücke zu restaurieren. Schön, wenn jemand sich der Mühe unterzieht. Und zur Frage der Wirtschaftlichkeit des Bergbaus: Nur Steinkohle wird mit Subvention gefördert. Braunkohle im Tagebau und Salze werden eigenwirtschaftlich und gewinnbringend abgebaut, Kupfervorkommen sollen sogar neu erschlossen werden. Dafür braucht man Bergleute. Aus strategischen Gründen sollte aber im Steinkohlenbergbau ein Rest zwecks Technologie- und Wissenerhalt bleiben (1-2 Bergwerke). Wenn der Kohlepreis auf dem Weltmarkt steigt bzw. Kohle knapp wird, müssen wir in der Lage sein die Produktion wieder hochzufahren. Außerdem benötigt die Maschinenbauindustrie zur Erprobung von Bergbautechnik (profitables Exportgut) Test-Bergwerke (natürlich auf eigene Rechnung). Deshalb sollte ein kleiner, aber gut qualifizierter Stamm von Bergleuten erhalten bleiben.
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