Patriotische Kampagne China soll chinesischer werden

Sie heißen Upper East Side oder Park Avenue, nun will die chinesische Regierung ausländische Namen von Wohnanlagen und Shoppingmalls verbieten. Damit wird sie nicht weit kommen.

AP/Imaginechina

Von , Peking


Als wir vor gut drei Jahren nach Peking kamen und auf unseren Hausstand warten mussten, zogen wir erst einmal in ein möbliertes Apartment. Die Adresse lautete: Park Avenue, chinesisch Gongyuan Dadao. Wir hatten uns auch in Wohnanlagen namens Central Park, Upper East Side und Yosemite umgesehen, aber da waren uns die Apartments zu teuer, zu groß oder, offen gesagt, zu opulent.

Nicht nur die Deutschen, auch die Chinesen haben ein merkwürdiges Verhältnis zum Ausland. Auf der einen Seite finden sie vieles toll, was von draußen kommt - Autos, Filme, Milchkaffee. Auf der anderen Seite finden viele von ihnen, dass sie schon selbst die Größten sind. Auf eine Weise stimmt das ja. Als Volk sind sie die Größten.

Als Volkswirtschaft, als Militärmacht, als Internetstandort aber sind sie nur die Zweitgrößten, da haben sie einen Rivalen, der noch etwas größer ist. Kein Land bewundern und beneiden die Chinesen so sehr wie die Vereinigten Staaten. Die USA sind ihr Referenzpunkt, an Amerika misst China seine Größe.

Wohnanlagen, die so heißen wie in Las Vegas

Dass sich mit dieser Obsession auch Geld verdienen lässt, hat niemand so schnell verstanden wie Chinas Immobilienunternehmer. Die Chinesen leben nicht nur wie Amerikaner gern in bewachten Wohnanlagen, sogenannten Gated Communities. Sie wollen auch, dass die so heißen wie in Las Vegas oder Miami Beach.

Das ist der Grund, warum so viele neue Hochhausparks, Bürotürme und Shoppingmalls in China auch englische Namen tragen. In Shanghai gibt es Siedlungen, die Springdale Gardens, Grand Plaza oder Lakeside Villas heißen, in Peking Einkaufs- und Geschäftszentren, die als Soho Galaxy, als The Village oder schlicht als The Place bekannt sind. In den Hügeln zwischen der Hauptstadt und der Großen Mauer hat ein Entwickler ein Resort errichtet, das auf Englisch Jackson Hole und auf Chinesisch etwa Vaterstadt Amerika heißt.

So etwas soll es künftig nicht mehr geben. Am Dienstag kündigte Li Liguo, Minister für zivile Angelegenheiten, an, dass Namen von Gebäuden, welche "die Souveränität und nationale Würde schädigen, im Gegensatz zu sozialistischen Kernwerten stehen, als unmoralisch gelten oder Anlass für die meisten Beschwerden aus dem Volk waren", geändert werden müssen. Die Inspektoren sind angeblich schon unterwegs.

Man könnte sich fragen, ob ein Land, dessen Wachstumsraten sinken, dessen Wirtschaft vor einem tiefgreifenden Umbau steht und dessen Staatspartei offenbar an der Loyalität ihrer Bürger und Bürgerrechtler zweifelt, keine anderen Sorgen hat.

Doch genau da liegt wahrscheinlich der Grund für die etwas weltfremde Maßnahme von Minister Li. Sie passt in einen Trend, der schon seit ein paar Jahren anhält und den man zurückhaltend als Neuen Patriotismus und kritischer auch als Neuen Nationalismus bezeichnen könnte. Was immer in der Welt passiert, spiegelt die staatlich gelenkte Öffentlichkeit heute im Licht der Größe Chinas oder, wie eine Lieblingsformulierung des chinesischen Präsidenten Xi Jinping lautet, der "Wiedergeburt der chinesischen Nation".

Der Bildersturm von Minister Li wird nicht weit führen

China ist in den vergangenen 30 Jahren ja auch gewachsen und auf eine Weise wiedergeboren worden. Aber es schmerzt die Führung, dass die Chinesen, je wohlhabender sie werden und je mehr sie in der Welt herumkommen, auch immer mehr Gefallen an allem Nicht-Chinesischen finden. Dass sie zum Beispiel immer noch lieber europäische Autos fahren - obwohl chinesische SUVs inzwischen auch ganz passabel sind. Dass sie sich immer noch gern iPhones kaufen - obwohl Huawei und Xiaomi inzwischen auch sehr gute Smartphones bauen. Und dass sich ein Wohnpark namens Chateau Regalia immer noch besser verkauft als einer, der einen schlichten chinesischen Namen trägt.

"Sollen wir unsere Siedlung vielleicht Verbotene Stadt nennen?" fragte ein Blogger. "Und das Verwaltungsgebäude dann vielleicht Ministerium des Inneren?"

Wie sehr die Chinesen exotisches Kulturgut schätzen, wurde mir klar, als ich vor zwei Jahren im Perlflussdelta den Nachbau eines Alpendorfs aus meiner Heimat besuchte. Hashitate heißt die Wohnanlage auf Chinesisch. Das ist eine phonetische Übersetzung von Hallstatt,einer Welterbegemeinde im Inneren Salzkammergut.

Roter Teppich für Chinas neue Alpendorfbewohner: Im Reich der Mitte ist ein österreichisches Städtchen nachgebaut worden. Es handelt sich um eine Nachbildung...

...des Dorfes Hallstatt, das im Salzkammergut liegt. Das Alpenidyll zählt zum Unecso-Weltkulturerbe und hat die Chinesen so entzückt,...

...dass sie es in der Stadt Huizhou detailgetreu nachbauten. Die Häuser wurden in rosé, himmelblau und anderen Pastelltönen angestrichen, sogar...

...der Hallstätter See wurde imitiert. Das Foto zeigt einen Gärtner, der damit beschäftigt ist, die Pflanzen zu bewässern. Die Dorf-Kopie...

...wurde in der subtropischen Provinz Guangdong eingeweiht.

Europäischer Stil in China: Goldfische und Blumenkästen verpassen dem Dörfchen einen alpenländischen Charakter.

Kinder posieren vor einer Haustür im Hallstatt-Nachbau: Dass die roten Telefonzellen mehr mit Großbritannien als mit Österreich zu tun haben, war der chinesischen Baufirma Minmetals möglicherweise nicht bekannt, als sie die Dekoration für Chinas neues Alpendorf ausgewählt hat.

Staunende Besucher: Der seitenverkehrt angelegte Nachbau der österreichischen Tourismusgemeinde mit rund 800 Einwohnern dient Medienberichten zufolge als Investorenprojekt...

...und soll wohlhabende Einwohner nach Huizhou locken. Einen Kirchturm gibt es auch in der Hallstatt-Replik,...

...er hat verblüffende Ähnlichkeit mit dem Original in Österreich.

Baustelle im Jahr 2011: Nicht mal ein Jahr hat es gedauert, einen Klon von Hallstatt in China zu errichten. Ganz so schön...

...wie das Original ist das Dorf-Double aber nicht geworden. Wer echte Alpenidylle sucht,...

...muss schon nach Europa fahren.

Sie hätten auch Nachbauten von Innsbruck (Yinsibuluke), Neuschwanstein (Xintianebao) und der Innenstadt von München (Munihe) erwogen, berichtete mir der Marketingchef des Immobilienunternehmens. Hallstatt sei ihnen am Ende einfach als am lukrativsten erschienen.

Der Bildersturm von Minister Li wird nicht weit führen, das wage ich vorauszusagen. Dass es eine neue Vorschrift gibt, heißt auch in autoritären Staaten nicht immer, dass sich alle daran halten werden. Vor allem nicht, wenn es um Prestige und große Namen geht.

Die Tochter des Staatspräsidenten, Xi Mingze, kam kürzlich erst aus Amerika zurück. Dort hatte sie ihr Studium abgeschlossen. Nicht an der Peking-Universität, sondern in Harvard.

Haus mit Loch: China ist für viele Architekten eine Spielwiese. Hier dürfen sie Pläne verwirklichen, die anderswo auf der Welt wohl an Stadtplanern gescheitert wären. Das an ein Hufeisen erinnernde Sheraton Hot Spring Resort in Huzhou wurde im Juli 2015 eröffnet. Gebäude mit solch besonderen Formen sollen künftig nicht mehr gebaut werden, hat die chinesische Regierung beschlossen.

Auch das Sunrise Kempinski Hotel am Yanqi-See bei Peking ist eine runde Sache. Das 97 Meter hohe Gebäude soll die aufgehende Sonne symbolisieren - und für Einheit, Unendlichkeit und Harmonie stehen. In einer Direktive fordert die chinesische Regierung nun ein urbane Architektur, die "angemessen, wirtschaftlich, nachhaltig und angenehm fürs Auge" ist - und damit im Kontrast steht zu den "überdimensionierten und bizarren" Gebäuden, die in den vergangenen Jahren gebaut wurden.

Die Welt ist keine Scheibe - dieses Gebäude schon: Das Guangzhou Circle Building in der Provinz Guangdong soll eine alte chinesische Jade-Scheibe darstellen. 33 Stockwerke gibt es hier, jeweils unterbrochen von dem Loch in der Mitte des Hauses.

Kunst mit Kessel: In der Stadt Wuxi in der Provinz Jiangsu wurde 2014 dieses Gebäude eröffnet, das wie eine Teekanne aussieht. Darin befindet sich ein Ausstellungszentrum.

Nein, dieses Gebäude in Huainan ist kein Konzerthaus, auch wenn es so aussieht. 2007 eröffnete es als Regierungsgebäude, inzwischen ist hier ein Ausstellungszentrum für Stadtplanung untergebracht. Besucher betreten das Haus über eine Treppe in der gläsernen Geige.

Fällt es oder fällt es nicht? In der mongolischen Stadt Ordos entstanden diese ungewöhnlichen Gebäude - sie beherbergen eine Bücherhalle und ein Museum. Der Ort gilt als Geisterstadt. Er wurde für 1,5 Millionen Menschen hochgezogen - aber nur wenige wohnen hier.

Hier passen sogar chinesische Drachen durch: Das "Tor des Orients" in Suzhou wirkt auf die Chinesen nicht nur majestätisch - viele machen sich über die ungewöhnliche (Unter-)Hosenform des 302 Meter hohen Gebäudes lustig.

In diesem ausgefallenen Gebäude ist das Staatsfernsehen CCTV untergebracht. Das Bürohaus ist 230 Meter hoch und eins der Wahrzeichen der chinesischen Hauptstadt.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
fraumarek 29.03.2016
1. Lächerlich
Hat die chinesische Führung nichts anderes zu tun? Sie könnte z. B. mal ein paar im Gefängnis sitzende Regierungskritiker entlassen oder sich um die Einhaltung von Menschenrechten, die Schließung von Arbeitslagern und Abschaffung der Zwangspsychiatrie für Regierungskritiker kümmern.
pauleschnueter 29.03.2016
2. Mia san mia auf Chinesisch
So Sprüche kennt man i.w. schon aus dem Süden. Und ich find' das immer gruselig. Was ist denn bitte an mehr "Ching-Chong" besser als an "Yeeeeeeeehaaa!" ? China sollte mal mehr werded wie ... na ja wie ... also wie so eigentlich nicht wie Deutschland? Sagen wir mal Schwein Süß-Sauer mit Krautsalat. Aber wehe meine Computerteile werden dann teurer. Dann wähle ich AfD, das sei euch gesagt!
florian29 29.03.2016
3. auch wenn die Wohnanlagen so heißen,
Sie werden immer noch in China stehen, wo megastaus und luftverschmutzung ein angenehmes Leben unmöglich machen. ich sehe China nicht als das Maß der Dinge. im Gegenteil. so wie in China will doch in Wirklichkeit niemand leben! bittere Armut auf dem land. in den Städten kollabiert alles.
Europa! 29.03.2016
4. Feng Shui
Ein Haus "mit Loch" ist keine "Gaga-Architektur", sondern entspricht der durchaus chinesischen Vorstellung, dass den Geistern (dem Wind) nicht der Weg vom Meer zum Gebirge versperrt werden darf.
Hoss_Cartwright 29.03.2016
5. Ich liebe diese Architektur
die in unseren Städten gänzlich unmöglich wäre, weil zu viele Spiesser an den entscheidenden Stellen sitzen. statt dessen langweilt sich Deutschland in Raumeffizienz zu Tode. Schade, dass dieses Eldorado für Architekten nun geschlossen wird. Bleibt also nur noch Dubai als großer Freizeitpark. Lustig sollten wir uns über die chinesischen Nachbauten auch nicht machen. Schließlich gibt es in unseren Freizeitparks ja auch chinesische Tempel oder das, was wir dafür halten.
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