Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Personalabbau-Pläne: Bahn-Gewerkschafter werfen Überläufer Hansen Verrat vor

Von

Erst wechselt Gewerkschaftsboss Hansen in den Bahn-Vorstand - dann kündigt er neue Stellenstreichungen an. An der Basis herrscht blankes Entsetzen: "Wir fühlen uns verraten und verkauft." Da hilft nur wenig, dass der Konzern dementiert. Die Mitarbeiter wittern eine Verschwörung.

Hamburg - Norbert Hansen galt schon immer als zahm. Der langjährige Boss der Bahn-Gewerkschaft Transnet ging Konflikten mit der Unternehmensführung meist aus dem Weg, Streitigkeiten klärte er dezent in Hinterzimmergesprächen. Am vergangenen Donnerstag wurde der Arbeitnehmervertreter belohnt: Konzernchef Hartmut Mehdorn ernannte Hansen zum neuen Personalvorstand der Bahn.

Ex-Transnet-Chef Hansen: "Wir müssen rationalisieren"
AP

Ex-Transnet-Chef Hansen: "Wir müssen rationalisieren"

Das allein hätten die Transnet-Mitglieder wohl noch geschluckt. Doch an diesem Freitag ging Hansen einen Schritt weiter: Nur wenige Tage nach Bekanntwerden seines Seitenwechsels kündigte er in der "Bild"-Zeitung neue Stellenstreichungen an. "Wir werden bei der Bahn weiter rationalisieren müssen. Und das wird in einigen Bereichen nicht ohne Personalabbau gehen."

An der Basis rumort es jetzt gewaltig. Nicht nur bei Transnet, überall in Deutschland fragen sich Millionen Arbeitnehmer: Kann man den Gewerkschaftsbossen überhaupt noch trauen? Oder haben sie nur ihre eigenen Interessen im Sinn?

Tatsächlich sind Personalwechsel von der einen zur anderen Seite keine Seltenheit:

  • Beispiel Vattenfall: Der Energiekonzern machte den IG-BCE-Funktionär Alfred Geißler zu seinem Personalvorstand.
  • Beispiel Post Chart zeigen: Für die Mitarbeiterpolitik des Unternehmens ist Ex-Gewerkschafter Walter Scheuerle zuständig.
  • Beispiel ThyssenKrupp Chart zeigen: Der Stahlkonzern hat mit Ralph Labonte einen Arbeitsdirektor, der zuvor jahrelang Gewerkschaftssekretär der IG Metall war.
  • Beispiel Telekom Chart zeigen: Das Unternehmen berief jahrelang Arbeitnehmervertreter in den Vorstand. Dass der jetzige Personalchef keine Gewerkschaftsvergangenheit hat, gilt geradezu als Ausnahme.
  • Beispiel E.on Chart zeigen: Der Stromgigant beschäftigte bis 2002 den ehemaligen IG-Chemie-Mann Manfred Krüper als Personalvorstand.

Dabei sind das nur die "normalen" Fälle. In anderen Unternehmen ging die Verquickung von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen noch viel weiter. Volkswagen Chart zeigen zum Beispiel schickte seine Betriebsräte zu Lustreisen nach Brasilien - selbstverständlich auf Firmenkosten. Und Siemens Chart zeigen baute sich gleich eine eigene Gewerkschaft auf: Die Betriebsräteorganisation AUB, die nach derzeitigem Ermittlungsstand mit Konzerngeldern aufgepäppelt wurde, verhielt sich stets loyal zum Vorstand.

Transnet-Mitglieder befürchten mittlerweile das Schlimmste: Ist mit ihrer Gewerkschaft das Gleiche passiert wie mit der AUB? Ist die Transnet vielleicht nur ein Konstrukt des Bahn-Vorstands? Und vor allem: Sind die Funktionäre käuflich?

Nach Hansens Wechsel in den Bahn-Vorstand hält die Basis alles für möglich. "Wir brauchen eine Untersuchungskommission, die aufklärt, wie es dazu kommen konnte", sagt Hans-Gerd Öfinger von der Initiative "Bahn von unten" zu SPIEGEL ONLINE. Die Gruppe besteht aus Transnet-Mitgliedern, die den Privatisierungskurs der Gewerkschaftsführung nicht mittragen.

Die Untersuchungskommission müsse aufdecken, "wie es zu dem Schmusekurs gegenüber Mehdorn kam", fordert Öfinger. Andernfalls könne man "nicht ausschließen, dass eventuell Gelder geflossen sind". Mit anderen Worten: Die Basisinitiative hält es für möglich, dass die Transnet-Führung für die Zustimmung zur Bahn-Privatisierung Gegenleistungen angenommen hat.

Der Konzern weist den Vorwurf zurück. "Das sind nur Spekulationen", sagt ein Bahn-Sprecher. "Die sollen mal Beweise bringen." Die Transnet-Führung war für eine Stellungnahme bislang nicht zu erreichen.

Erst am gestrigen Donnerstag hat der Bahn-Aufsichtsrat die Privatisierung abgenickt. Auch die Arbeitnehmervertreter votierten mit Ja. "Bahn von unten" fordert nun den gesamten geschäftsführenden Transnet-Vorstand zum Rücktritt auf.

Dass Hansen auch noch Stellenstreichungen ankündigt, bringt das Fass zum Überlaufen. "Jetzt ist die Maske gefallen", sagt Öfinger. "Wir fühlen uns verraten und verkauft." Da hilft auch nicht, dass Mehdorn seinen neuen Personaldirektor sogleich zurückpfiff. Von betriebsbedingten Kündigungen könne keine Rede sein, ließ der Bahn-Chef mitteilen. Bei den Mitarbeitern hat Hansen seinen Ruf trotzdem verspielt. "Er will wohl zeigen, dass er das neoliberale Geschäft versteht", schimpft Öfinger.

Selbst Hansens Nachfolger an der Gewerkschaftsspitze geht auf Distanz: Er sei "stinksauer", sagt der neugewählte Transnet-Vorsitzende Lothar Krauß. "Das war kein genialer Auftritt für das neue Amt."

Bei Politikern löst Hansens Interview ebenfalls Empörung aus. "Ich habe dafür überhaupt kein Verständnis", sagt Renate Pepper, SPD-Landtagsabgeordnete in Rheinland-Pfalz und selbst Transnet-Mitglied, zu SPIEGEL ONLINE. "Vielleicht hat sich Herr Hansen über sein neues Berufsbild nicht richtig informiert." Generell hält Pepper einen Wechsel von der Gewerkschaft zur Arbeitgeberseite für tragbar. "Man darf aber seine Wurzeln nicht vergessen."

Schon zu Hansens Zeiten als Gewerkschaftsboss stießen sich viele Transnet-Mitglieder an seiner Nähe zum Konzern. "Wer sich kritisch zur Privatisierung äußerte, wurde abgesägt", berichtet Öfinger. "Es gab eine regelrechte Gleichschaltung innerhalb der Gewerkschaft. Eine freie Diskussion über die Privatisierung war nicht möglich. Wir nannten dies 'das System Hansen'." Die Gewerkschaftsführung selbst hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht geäußert.

Bahn-Experten warnen vor einer Zerreißprobe für Transnet. "Die Gewerkschaft wird über kurz oder lang auseinander fliegen", sagt Winfried Hermann, der verkehrspolitische Sprecher der Grünen. "Die Mitglieder fühlen sich verschaukelt."

Häme von der Konkurrenz

Dass Hansen jetzt sogar Stellen streichen möchte, hält Hermann für entlarvend. "Das ist der Beleg, dass er schon länger Politik für den Arbeitgeber gemacht hat." Bisher habe die Transnet-Führung die Privatisierung damit verteidigt, dass sie für den Erhalt der Arbeitsplätze nötig sei. "Und jetzt das."

Pure Häme kommt von der konkurrierenden Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL): "Hut ab. Norbert Hansen hat seine Rolle als Arbeitsdirektor der Bahn bestens verinnerlicht", sagt der neue GDL-Chef Claus Weselsky. Mit dem angekündigten Personalabbau setze er "die bisherige Politik des Bahn-Vorstands nahtlos fort".

Selbst die Beamtengewerkschaft GDBA, sonst treu auf Seiten der Transnet, kündigt Widerstand an. "Viele Kollegen gehen auf dem Zahnfleisch, da kann kein einziger Arbeitsplatz mehr abgebaut werden", sagt GDBA-Chef Dieter Hommel. Sollte die Bahn den Hansen-Plan weiter verfolgen, werde es Ärger geben: "Dann droht Krach, aber richtig."

Transnet-Mitglied Öfinger glaubt trotzdem an seine Gewerkschaft. Auszutreten komme für ihn nicht in Frage. "Ein Neuanfang ist möglich. Aber dafür müssen wir die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote
Rollenwechsel

Erst Gewerkschafter, dann Manager: Norbert Hansen hat die Seiten gewechselt. Der frühere Chef der Gewerkschaft Transnet ist jetzt Personalvorstand der Bahn. Finden Sie das anrüchig?

Die Abstimmung ist beendet. Klicken Sie hier, um das Ergebnis zu sehen.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: