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Personalführung: Die Macht der Maestros

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Leonard Bernstein führte riesige Orchester mit seinem Mienenspiel, Carlos Kleiber feuerte Musiker durch Naserümpfen: Der israelische Dirigent Itay Talgam hat die subtilen Führungstricks seiner Zunft analysiert. Auf SPIEGEL ONLINE zeigt er, warum die Meister die besseren Manager sind.

Hamburg - Er galt als Vulkan am Opernpult. Sein Taktstock zerschnitt heranbrandende Sound-Wellen, sein schlohweißes Haar wallte im Rhythmus der Musik auf und ab. Carlos Kleiber dirigierte sich in höchste Leidenschaft hinein, auf dem Podest schuftete er bis zum Rand des Zusammenbruchs.

Unter Klassikkennern galt der 2004 im slowenischen Konjšica verstorbene Maestro als vielleicht bester Dirigent des 20. Jahrhunderts. Nur er, Leonard Bernstein und wenige andere haben es in der Szene der Musikgenies zu Weltruhm gebracht. Glaubt man Itay Talgam, der in Israel selbst zu den Top-Dirigenten zählt, haben Kleiber & Co. ihren Ausnahmestatus vor allem einer Fähigkeit zu verdanken: ihrem unwiderstehlichen Führungsstil.

Talgam muss es wissen. Er schrieb eine Diplomarbeit über den freien Willen und lernte, so sagt er, im Libanon-Krieg 1982, wie wichtig es ist, dass man seinem Vorgesetzten vertrauen kann. Sein Mentor war Leonard Bernstein, Talgam selbst hat mehrere weltberühmte Orchester dirigiert.

Inzwischen lebt der dünne Mann mit den barocken Locken und der runden Brille allerdings hauptsächlich von der Lehre. Sein Spezialgebiet, die Parallelen zwischen Musik und Macht, gibt er an Manager weiter. Auch auf Konferenzen über Kommunikation, Medien oder Internet spricht Talgam oft - Veranstalter bereiten ihm gerne als hippem Querdenker die Bühne. Zuletzt sprach Talgam unter anderem auf der Londoner Zeitgeist-Konferenz (siehe Video), in Deutschland dozierte er Anfang Mai auf der Next09.

Talgam sagt, dass er gerne unterrichtet. Das Dirigentengeschäft sei eine aufzehrende Arbeit, das Vorträgehalten ein Weg, wieder etwas Rollendistanz zu gewinnen. Seine Dirigentenkollegen hält er für "gut lesbar". Anders als Manager, die ihre Manipulationsmethoden ja gerade zu kaschieren versuchten, müssten sich die Orchesterchefs weitgehend auf die Wirkung ihrer Körpersprache verlassen. "Einem Großmeister reichen wenige Gesten", sagt Talgam. "Er kann 110 Musiker mit einem Lächeln kontrollieren."

Wie man Krach in Musik verwandelt

Seine Macht zeigt der Dirigent schon zu Konzertbeginn. Er steigt aufs Podium, während unten im Orchestergraben die Streicher ihre Violinen und Celli stimmen, während die Bläser ihre Posaunen und Tuben auf Raumtemperatur pusten.

Der Dirigent tippt mit dem Taktstock aufs Pult, und wie von Zauberhand verwandelt sich Krach in Musik: Das kakophonische Gefiedel und Getröte weicht dem ersten geordneten Ton der Symphonie.

"Als Dirigent spürt man in diesem Moment, wie verführerisch Macht ist", sagt Talgam. "Fast könnte ich mir einbilden, ich bin es, der die Symphonie erzeugt. Die Musiker sind meine Instrumente, und die Partitur stammt von meinem Zuarbeiter Ludwig van Beethoven."

Das Konzert aber ist freilich das Erzeugnis vieler Menschen. Der Job des Maestros ist es nun, die Symphonie zu interpretieren. Er muss eine musikalische Vision haben - und diese an sein Personal, die Musiker, weitergeben, damit sie sie zum Leben erwecken. Das Produkt, die Musik, braucht sodann eine Kundschaft: Ohne Publikum würde die Symphonie ungehört verhallen.

Schafft es der Dirigent, seine Vision im Konzertsaal zu Leben zu erwecken, wird er beklatscht, bejubelt, mit Blumen überschüttet. Das "Da Capo" ist die Messlatte seines Erfolgs, ähnlich wie die Gewinn- und Umsatzzahlen oder der Aktienkurs bei Wirtschaftsbossen.

"Die großen Maestros kommen durch ganz unterschiedliche Dirigierstile ans Ziel", sagt Talgam. "Wer sie beobachtet, lernt viel über die hohe Kunst der Menschenführung."

Auf SPIEGEL ONLINE verrät Talgam, wie Ricardo Muti, Carlos Kleiber und Leonard Bernstein ihre Orchester dirigieren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1. Geschwurbel
Listerholm 08.06.2009
über einen überschätzten Beruf. Man tue 60 verständige Musiker zusammen. Die wählen sich einen Dirigenten, bzw. kommen ohne den Kasper aus. Abbado, Kleiber, Karajan - meine Güte! Kasper! Aber das begierige Publikum braucht Gallionsfiguren. Anderenfalls ist ihm Musik keine Musik. Nun ja! L.
2. Don Giovanni
dasky 08.06.2009
Bei Google mutiert, was Muti dirigiert, kurzerhand zur 'Sinfonia'. Ich wäre doch sehr dafür, es bei der 'Ouverture' zu Don Giovanni zu belassen. MfG Dasky
3. tatsächlich gibt es nur wenige exquisite dirigenten,
avianusfabulus 08.06.2009
orchester mit homogenem und spezifischem klangkörper sind noch rarer. die vorurteile gegenüber dirigenten sind gross: von show-master bis hin zu gott-vater. bernstein war ausgezeichnet, in mehrfacher hinsicht. karajan war gar nicht so schlecht, wie immer behauptet wird. kleiber war genial. und nicht zu vergessen der gürzenich-chef, der später in hh dirigierte: g.wand. die orchester sind inhomogen besetzt: vergleich gewandhaus 1970 zu 2009 u.a. und was soll man mit 3 proben oder selbst 5 erreichen? zumal bei musikern, die scheinbar alles wissen? allerdings ist der starkult unerträglich und das dilemma mit den intendanten.
4. Sinfonia
Separatist, 08.06.2009
Zitat von daskyBei Google mutiert, was Muti dirigiert, kurzerhand zur 'Sinfonia'. Ich wäre doch sehr dafür, es bei der 'Ouverture' zu Don Giovanni zu belassen. MfG Dasky
"Sinfonia" als Bezeichnung der Ouvertüre ist keineswegs unüblich.
5. Schon wieder?
Quinten Quist 08.06.2009
Also wieder ein Dirigent, der mir sagen will, wie ich am besten meine Mitarbeiter führe?!? Habe doch schon von z.B. Christian Gansch das ähnliche/gleiche gelesen (war übrigens gar nicht so schlecht...!). Muss ich vielleicht ein Zusatzstudium "Musikwissenschafen" in Angriff nehmen um (noch) erfolgreicher zu werden? Stelle morgen mal einen Antrag bei meinem Arbeitgeber, denn die Studiengebühren sind ja auch nicht mehr so gering, wie früher...
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