Pessimistische Prognosen Konjunkturerwartungen so niedrig wie nie, Euro so teuer wie nie

Der Dax rutscht ab, deutsche Finanzexperten sehen die Konjunkturerwartungen so düster wie noch nie. Jetzt ist auch noch der Euro auf einem Rekordhoch gegenüber dem Dollar angelangt - was fatal ist für die Exportwirtschaft.


Mannheim - Hohe Energiepreise, die Krise in den USA und eine schwache inländische Konsumnachfrage - die Gründe für den verbreiteten Pessimismus sind vielfältig. Ebenso dramatisch sind ihre Auswirkungen: Kaum noch ein Experte geht davon aus, dass die Aussichten für die Wirtschaft in den kommenden Monaten besser werden. Das Barometer für die ZEW-Konjunkturerwartungen fiel um 11,5 auf minus 63,9 Punkte, teilte das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mit - das ist der niedrigste Stand seit Einführung der ZEW-Umfrage im Dezember 1991.

Dunkle Wolken über dem Hamburger Hafen: Konjunkturpessimismus macht sich breit
DPA

Dunkle Wolken über dem Hamburger Hafen: Konjunkturpessimismus macht sich breit

Die schlechten Werte übertrafen selbst die Schätzungen der Skeptiker: Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte hatten im Schnitt lediglich mit einem Rückgang auf minus 55 Zähler gerechnet.

"Bei der aktuellen Datenlage kann es nicht überraschen, dass die Erwartungen schlechter ausfallen", sagte Heinrich Bayer von der Postbank Chart zeigen. "Der hohe Ölpreis und schlechte Nachrichten aus der US-Finanzbranche sind alles andere als geeignet, ein optimistisches Bild zu zeichnen. Das sorgt für schlechte Stimmung und große Unsicherheit bei den Börsianern." Das ZEW-Barometer liefere allerdings nur einen Hinweis darauf, dass es schlechter wird, ergänzt der Experte. "Es sagt aber nicht, wie schlecht es werden wird."

Andreas Rees von UniCredit Chart zeigen bemüht sich dagegen, die Gefahr einer Rezession zu relativieren. "Nach unseren Berechnungen signalisiert das ZEW-Barometer eine Rezessionswahrscheinlichkeit von 91 Prozent", erklärt der Experte. "Wir glauben aber nicht daran. Erstens hat der ZEW schon in den letzten zwei Jahren eine Rezession signalisiert, und nichts ist passiert. Zweitens dürfte die Konjunktur zwar deutlich schwächer werden, doch haben die Unternehmen weiter hohe Auftragsbestände. Die Produktion dürfte deshalb nicht abstürzen."

Dax stürzt auf niedrigsten Stand seit Oktober 2006

Die Anleger gehen zurzeit offensichtlich eher vom schlechteren Fall aus. Zwar mochten Händler angesichts vergleichsweise geringer Umsätze noch nicht von einem Ausverkauf oder gar Panikverkäufen sprechen. Trotzdem fiel der Dax Chart zeigen bis zum späten Vormittag in der Spitze um zwei Prozent auf 6070 Punkte und markierte damit einen so niedrigen Stand wie seit Oktober 2006 nicht mehr.

Seit Jahresanfang hat der Leitindex fast 25 Prozent verloren. "Die Bankenkrise in den USA ist längst nicht ausgestanden", sagte ein Händler. Vor allem die Finanzwerte bekamen dieses Misstrauen zu spüren, allen voran die Aktien der Deutschen Bank Chart zeigen, die auf ein Fünfjahrestief einbrachen. Papiere der Allianz Chart zeigen verloren zeitweise mehr als fünf Prozent. Die der Commerzbank Chart zeigen fielen um über drei Prozent und die der Postbank um über zwei Prozent.

"Selbst die Übernahme-Saga zu Dresdner Bank und Postbank zieht heute nicht", kommentierte ein Händler. Spekulationen um eine Konsolidierung der deutschen Bankenlandschaft hatten zuletzt die Titel gestützt.

Der Kursverfall des Dollar habe ebenfalls zu der schlechten Stimmung beigetragen, sagten Händler. Der Euro in Dollar Chart zeigen markierte mit 1,6038 Dollar am Vormittag ein neues Allzeithoch.

Erneut rutschten auch die Aktien der Deutschen Börse Chart zeigen an das Dax-Ende. "Zum einen sind die Umsätze schwach und zum anderen bekommt die Börse ja bald Konkurrenz", sagte ein Händler mit Blick auf den für Mitte August geplanten Start der paneuropäischen Handelsplattform Turquoise.

Die Aktien von Henkel Chart zeigen verloren nach einem negativen Analystenkommentar rund sieben Prozent auf 21,81 Euro und notierten damit auf dem niedrigsten Stand seit Januar 2005. "Der starke Euro ist ein weiterer Grund für den Kursrutsch", sagte ein Händler. "Erst vor kurzem hat Henkel gesagt, dass jeder Cent, den der Dollar verliert, sie viel Geld kostet."

Kann die US-Regierung Hypothekenfinanzierer noch retten?

Börsianern zufolge fürchten viele Anleger, dass das von der US-Regierung und der Notenbank geschnürte Rettungspaket für die ins Trudeln geratenen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac Chart zeigen nicht ausreicht, um der Finanzkrise Herr zu werden. "Es geht um unvorstellbare Summen", spielte ein Händler auf das Volumen der Schuldverschreibungen von Fannie Mae und Freddie Mac an. Dieses entspricht mit fünf Billionen Dollar mehr als einem Drittel des US-Bruttoinlandsprodukts.

Gegen den Trend stemmten sich die Aktien des Reifenherstellers Continental Chart zeigen, die in der Spitze mehr als sieben Prozent auf 70,64 Euro zulegten. Der fränkische Autozulieferer Schaeffler hat sich nach Medienberichten über Optionen bereits Zugriff auf ein großes Aktienpaket an Conti gesichert. "Einige setzen wohl darauf, dass der Preis angehoben wird. Andere gehen von einem Bieterkampf aus", erklärte ein Händler das Plus.

Im MDax Chart zeigen brachen die Hochtief-Aktien Chart zeigen um über neun Prozent auf 52,70 Euro ein, was Händler auf charttechnische Faktoren und ein schlechtes Branchenumfeld zurückführten.

Gleichwohl glauben Experten, dass die Finanzmarktkrise eine geringere Gefahr für die Konjunktur darstellt als die hohen Energiepreise. Der Chefvolkswirt Europa der Bank of America Chart zeigen, Holger Schmieding, und der Chefvolkswirt von Union Investment, David Milliker, sehen die größte Gefahr für die Konjunktur in den hohen Rohölkosten.

Dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger zufolge steht die deutsche Wirtschaft vor einer Phase der Stagnation. "Wir haben den Höhepunkt des Aufschwungs hinter uns", sagte Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat der Regierung, der "Passauer Neuen Presse". Die Hoffnung, der private Verbrauch könne den Konsum beleben, habe sich trotz Lohnerhöhungen in den jüngsten Tarifrunden nicht bewahrheitet. "Unter dem Strich bleibt für viele Privathaushalte eher weniger als mehr übrig. Der Hauptgrund dafür sind die gestiegenen Energiepreise", sagte Bofinger.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie rechnet für das kommende Jahr mit einer deutlich schwächeren Konjunktur. Hauptgründe für die erwartete Abschwächung der deutschen Konjunktur seien eine sinkende Auslandsnachfrage, die hohen Ölpreise und nachlassende Investitionsneigung. "Der Abschwung ist schon eingeleitet, 2009 werden wir zurückfallen in die alte Wirtschaftsschwäche", sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf im ZDF-"Morgenmagazin".

mik/AP/Reuters/dpa-AFX/ddp



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