Peter Hartz vor Gericht Ein Alpha-Tier zeigt Schwäche

Der Prozess gegen Peter Hartz beendet eine außergewöhnliche Karriere. Der Ex-VW-Personalvorstand hat vor Gericht Verfehlungen pauschal eingestanden. Doch die Richter wollen mehr wissen - nur dann kommt er mit einer milden Strafe davon.

Aus Braunschweig berichtet


Braunschweig - Den Auftritt im Blitzlichtgewitter beherrscht Peter Hartz wie in alten Zeiten. Mit demonstrativer Gelassenheit betritt er am Morgen den Gerichtssaal 141 des Braunschweiger Landgerichts, zerteilt den ihn umringenden Journalistenpulk und ignoriert dabei jede Frage, jeden Zuruf. Der Auftritt soll gleichsam seine letzte Hauptversammlung werden, auf der er Rechenschaft ablegt - über seine Amtszeit als Personalvorstand bei Volkswagen Chart zeigen und die Dinge, die dabei abseits der regulären Geschäfte geschehen sind.

Hartz im Gericht: Der Angeklagte habe stets die Interessen des Konzerns im Blick gehabt, sagt der Verteidiger
DDP

Hartz im Gericht: Der Angeklagte habe stets die Interessen des Konzerns im Blick gehabt, sagt der Verteidiger

Dass da längst nicht mehr der Top-Manager eines Weltkonzerns auf der Bühne steht, ist gleichwohl an einigen Details abzulesen. Hartz lächelt weniger gewinnend in die Kameras, der Assistententross ist wesentlich kleiner.

Genau genommen besteht er aus einem einzigen Mann - dem Anwalt Egon Müller. Auch rein äußerlich fallen Details auf, die den Statusverlust andeuten. Die Manager der Großkonzerne treten bei öffentlichen Anlässen regelmäßig auf wie aus dem Ei gepellt. Das Jackett des Saarländers weist dagegen Knitterfalten auf, als hätte er schon den zweiten Tag darin verbracht.

Doch für solche Äußerlichkeiten hat Justitia sowieso kein Auge. Vielmehr wird alles darauf ankommen, ob Hartz die Richter und Schöffen mit seinem Geständnis überzeugen kann. Mit der schlichten Erklärung, dass Hartz die in der 63-seitigen Anklageschrift aufgelisteten Vergehen einräumt, ist es nicht getan - das betonte die Vorsitzende der sechsten Großen Strafkammer, Gerstin Dreyer, sehr klar: "Zu einigen Punkten erwarten wir noch genauere Ausführungen von Ihnen", sagte sie an Hartz gewandt. Nur wenn diese Bedingung erfüllt sei, lasse sich die Kammer auf das von Staatsanwaltschaft und Verteidigung vorgeschlagene Verfahren und die Absprache über ein mögliches Strafmaß ein.

Wie dieses Strafmaß ausfallen würde, verkündet Dreyer nach kurzer Beratung mit ihren Beisitzern und den Schöffen: zwei Jahre Freiheitsentzug auf Bewährung, sowie 360 Tagessätze Geldstrafe wären das Maximum, das Hartz zu erwarten hätte. Die Summe taxiert Gerichtssprecher Ingo Groß später - auf Basis der von Hartz gemachten Angaben über sein monatliches Einkommen und den Zinseinkünften aus seinem Vermögen - auf knapp 300.000 Euro. Die endgültige Höhe wird erst zum Schluss festgelegt, wenn es zum Schuldspruch kommt.

Hartz-Anwalt: Das System VW trägt Mitschuld

Möglich, dass die Strafzahlung noch ein bisschen höher ausfällt, denn Hartz erhält nach eigenen Angaben noch 60.000 Euro Honorar für ein Buch, dass er zusammen mit der Journalistin Inge Kloepfer verfasst hat, und das im März auf den Markt kommen soll. Hartz will es für die von ihm gegründete Stiftung verwenden, hat aber bislang nicht mehr als eine Absichtserklärung dafür zu bieten. Das Gericht erwartet da eine rechtsverbindliche Verpflichtung.

Gegen Mittag schließlich kommt das Gericht dann zum wichtigsten Programmpunkt des Tages: Hartz' Auftritt und das Geständnis. Den strengen Vorgaben der Strafprozessordnung folgend, macht der Ex-Manager zunächst Angaben zu seinem persönlichen Werdegang. Etwas unbeholfen und für seine Verhältnisse ungewohnt leise liest er seinen tabellarischen Lebenslauf vor, haspelt über Jahreszahlen und hält sich strikt an seine Vorlage. Dass er seine Ausbildung über den zweiten Bildungsweg abgeschlossen hat, vergisst er ebenso wenig zu erwähnen, wie die Verleihung der Ehrendoktorwürde und die Ernennung zum Professor.

Danach, als es um die Sache geht, ergreift Anwalt Müller das Wort. Er betont wiederholt, dass es seinem Mandanten nicht um Rechtfertigung gehe. Er wolle aber zumindest eine Erklärung dafür liefern, wie es zu den Schmiergeldvergehen kommen konnte. Die entscheidende Ursache sieht Müller im System VW, in dem die Mitbestimmung der Belegschaft stets weit über das gesetzlich geforderte Maß hinausging. Entsprechend selbstbewusst seien die Betriebsratsmitglieder aufgetreten.

Hinzugekommen sei das spezielle Verhältnis von Hartz zum Betriebsratschef Klaus Volkert. Er war es, der durch seine Empfehlung dafür sorgte, dass der damalige Konzernchef Ferdinand Piëch überhaupt auf Hartz aufmerksam wurde. Volkert habe schon bald auf eine bessere Bezahlung gedrängt, weil er die hohen Salärs der Jungmanager um den damaligen Einkaufschef Ignazio Lopez als ungerecht empfunden habe, erklärte Müller. Volkert als der Urheber der VW-Affäre?

Hartz habe dem Druck nachgegeben, nachdem er sich mit Piëch und Finanzchef Neumann besprochen habe, erklärt Müller weiter. Es habe Einigkeit darüber bestanden, dass Volkert so behandelt werden solle, wie ein Top-Manager, genauerer Ausführungen habe es nicht bedurft. Auch sonst wartet Müller nicht mit Überraschungen auf. Er hält sich streng an die Vorgaben der Anklageschrift. Was dort niedergelegt sei, sei seinem Mandanten vorzuwerfen, sagt er. Hartz habe jedoch stets nur die Interessen des Konzerns im Blick gehabt. Seine Gutgläubigkeit müsse er sich vorwerfen lassen.

Dem Gericht ist das Schuldeingeständnis allerdings doch ein wenig zu pauschal. Richterin Dreyer fordert noch genauere Erklärungen zu verschiedenen Details, ebenso Staatsanwältin Elke Hoppenworth. Die Gefahr einer unbedachten Einlassung vermeidet Hartz jedoch gekonnt - ähnlich wie er es ehemals als VW-Vorstand auf Hauptversammlungen praktiziert hat: Er notiert sich die Fragen und verweist auf die Beantwortung am nächsten Verhandlungstag. Hartz wirkt jetzt wieder souverän, unverkrampfter. Er hat die Routine des großen öffentlichen Auftritts wiedergefunden.

Es ist wohl trotzdem sein letzter.



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