Neue Serie Was wurde eigentlich aus... dem Pferdefleischskandal?

Pferd in der Lasagne, Pferd in den Tortelloni: Vor anderthalb Jahren ekelten sich Millionen Verbraucher über als Rind deklariertes Pferdfleisch in Lebensmitteln. Hat sich seitdem etwas geändert? Das Ergebnis einer Recherche ist bestürzend.

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DPA

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Das Pferdefleisch im Kalbsdöner mussten die Schüler des Bochumer Schiller-Gymnasiums nicht lange suchen. Drei Sandwiches zufällig ausgewählter Buden genügten - schon wurden sie fündig. Und natürlich hatten die Imbisse kein Wort über die Zutat Pferd verloren. Man habe den Schülern nur eine molekularbiologische Methode zum Nachweis verschiedener Fleischsorten zeigen wollen, sagt der Laborbetreuer Florian Schaller. "Unser Ansatz war es nicht, erneut einen Skandal aufzudecken." So aber wurde die Projektarbeit des Bio-Leistungskurses zum Stadtgespräch.

Pferdefleisch ist offensichtlich noch immer allgegenwärtig in deutschen Lebensmitteln - knapp anderthalb Jahre nach dem großen Betrugsskandal. Damals, im Februar 2013, ekelten und empörten sich Millionen Verbraucher in Europa über als Rind deklariertes Ross: in Lasagne, Tortelloni, Döner oder Leberwurst. Hunderte Tonnen Pferdefleisch hatten Händler umetikettiert und an die Lebensmittelindustrie verkauft. Ikea musste seine Köttbullar-Frikadellen zeitweise aus den Regalen entfernen, Aldi nahm Dosengulasch aus dem Verkauf, der Lebensmittelgigant Nestlé zog Ravioli zurück. In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Innofact erklärten fast 60 Prozent der deutschen Konsumenten, sie hätten Bedenken gegen Fertiggerichte und Tiefkühlprodukte.

Politiker echauffierten sich um die Wette. EU-Kommission und Bundesregierung kündigten Aktionspläne an, von härteren Strafen war die Rede. Die damalige Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner versprach unter anderem eine Internetseite für zurückgezogene Produkte sowie ein internationales Frühwarnsystem zum grenzüberschreitenden Kampf gegen Lebensmittelpanscher.

Dann legte sich die Aufregung, verschwand das Thema aus den Hauptabendnachrichten und den Köpfen - obwohl die Behörden seither mehrmals als Rind deklariertes Pferdefleisch zurückrufen mussten. Oft war das Corpus Delicti da schon gegessen.

Und was wurde nun wirklich getan, was hat sich geändert?

"Lebensmittelbetrügereien wie diese können jederzeit wieder passieren", sagt Thilo Bode, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch. "Wir Konsumenten sind heute kein bisschen besser geschützt als vor dem Pferdefleischskandal." Schließlich sind viele der angekündigten Maßnahmen bis heute nicht umgesetzt:

  • Die gesetzlichen Strafen für Lebensmittelbetrüger sind nicht erhöht worden. "Dafür sind die Mitgliedstaaten zuständig", sagt ein Sprecher von EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg. Und Bundesregierung und Bundestag zeigen wenig Neigung, die Gesetze zu verschärfen. Bislang schöpfen die Gerichte noch nicht einmal den bestehenden Strafrahmen aus, sagt ein Sprecher des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.
  • Forderungen nach besserer Kennzeichnung kontert die Brüsseler Behörde mit den hohen Kosten. Laut einer von ihr beauftragten Studie würden Verbraucher zwar gerne wissen, wo ihr Fleisch herkommt. Aber schon bei einem Preisaufschlag von 10 Prozent sinke ihre Zahlungsbereitschaft um 60 bis 80 Prozent.
  • Beim Aufbau von Frühwarnsystemen im Fall von Verstößen geht es kaum voran. Auf EU-Ebene gibt es zwar ein Konzept, aber keinen Zeitplan. Und: "in Deutschland gibt es keine Fortschritte bei der Meldepflicht", klagt Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Grüne). "Unternehmen müssen den Behörden Probleme nur bei einer möglichen Gesundheitsgefährdung melden, nicht aber bei Verdacht auf Verbrauchertäuschung, wie im Pferdefleischskandal." In solchen Fällen informieren auch die Behörden ihrerseits die Bürger oft nur zögernd, weil sie Regressansprüche der Unternehmen befürchten.
    Die Website pferdefleisch-rueckruefe.de, auf der die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung einst alle zurückgezogenen Produkte auflistete, ist schon seit Monaten abgeschaltet.
  • Die Kontrollen sind weiter lückenhaft. In Großbritannien gingen die Kennzeichnungsprüfungen mangels Geld nach dem Pferdefleischskandal sogar um rund 16 Prozent zurück. In Deutschland sind sie zwar gestiegen, "das Netz ist aber sehr grobmaschig", räumt NRW-Minister Remmel ein. "Wir können nicht jeder Lasagne hinterherlaufen. Das System kann nicht ohne standardisierte Eigenkontrollen der Wirtschaft funktionieren." Aber auf die dafür nötigen Vorschriften haben sich Bund und Länder noch immer nicht geeinigt. Bislang können Handelskonzerne bequem die Verantwortung für ihre Produkte auf ihre Lieferanten abwälzen - selbst wenn sie Lasagne, Tortelloni oder Frikadellen unter Eigenmarken verkaufen.

Und so haben sich auch in der Fleischindustrie viele Strukturen nur oberflächlich verändert. Der französische Handelsbetrieb Spanghero, der Hunderte Tonnen Pferd als Rind an den französisch-luxemburgischen Lasagne-Hersteller Comigel verkaufte, erklärte sich zwar Mitte 2013 für insolvent. Gründer Laurent Spanghero kaufte die Überreste aber für kleines Geld auf und führt die Firma unter dem Namen La Lauragaise fort. Und Abnehmer Comigel, der einst Discounter wie Aldi und Tesco belieferte, taufte sich in Cookup Solutions um und macht weiter Fertiggerichte. Über seine heutigen Kunden schweigt sich der Betrieb aus.

Spanghero wie auch Comigel hatten abgestritten, wissentlich Pferdefleisch verkauft zu haben und auf ihre Sublieferanten verwiesen. "Die Handelsunternehmen müssen bei ihren Eigenmarken durch eine gesetzliche Prüfpflicht für den korrekten Inhalt der Packungen haftbar gemacht werden", fordert Bode. "Dann ist endlich Schluss mit dubiosen Lieferketten wie beim Pferdefleischskandal." Doch davon ist die Politik noch weit entfernt.

Den Käufern von Fertigprodukten scheint es egal zu sein. Köttbullar, Rindfleisch-Tortelloni, Dosengulasch - alles ist zurück in den Regalen. "Wir haben im Skandal eine deutliche Delle gesehen, gerade bei Lasagne und Ravioli, aber das Gros der Kundschaft ist wieder da", sagt Ilona Beuth von der Gesellschaft für Konsumforschung zu SPIEGEL ONLINE. "Viele Leute sind schnell in die alten Ernährungsmuster zurückgefallen", der Handel habe die Produkte bald wieder eingelistet. 2013 ist der Absatz von Tiefkühlfertiggerichten insgesamt sogar leicht gewachsen. "Für die Hersteller von Tiefkühlkost ist diese Sache heute kein Thema mehr", sagt Beuth. Und auch von den Dönerbuden rund um Bochum sind trotz des neuerlichen Pferdefleischfundes keine Umsatzeinbrüche bekannt.

Für die Schüler des Schiller-Gymnasiums hat sich ihre Entdeckung trotzdem auszahlt. Sie haben einen Preis bekommen, von "Jugend forscht". Und vielleicht ernähren sie sich und ihre Kinder einmal bewusster als viele Erwachsene von heute.


Der nächste Teil der Serie wird sich mit Dominique Strauss-Kahn befassen.

Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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Milkyslice 16.07.2014
1. nice
nette Serie :) zum Thema: Die Leute wollen anscheinend verarscht werden, anders kann man das nicht erklären^^.
yast2000 16.07.2014
2. Journalismus forscht...
Zitat von sysopDPAPferd in der Lasagne, Pferd in den Tortelloni: Vor anderthalb Jahren ekelten sich Millionen Verbraucher über als Rind deklariertes Pferdfleisch in Lebensmitteln. Hat sich seitdem etwas geändert? Das Ergebnis einer Recherche ist bestürzend. http://www.spiegel.de/wirtschaft/pferdefleischskandal-viele-lebensmittel-immer-noch-betroffen-a-981159.html
Wieso 'einmal'? Hoffentlich doch wohl immer... ;-)
MitKohlensäure 16.07.2014
3. Scheinheiligkeit - pro Pferdefleisch ;)
Schon mal jemand etwas von einer Pferde-Massentierhaltung gehört? Schon mal ein Antibiotika-Skandal bei Pferden aufgedeckt worden? Ganz ehrlich: Bei unseren Produktionsproblemen bei Geflügel, Rind und Schwein ist es völlig daneben, sich über das Pferdefleisch auszulassen, als wäre es ein Unding. Als ob der Verbraucher in Deutschland sonst so massives Interesse bezüglich der Inhaltsstoffe hätte. Das Pferdefleisch ist mit großem Abstand unser kleinstes Problem.
mdietric 16.07.2014
4. Ilse Aigners Frühwarnsystem
Lies nach bei: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/pferdefleisch-skandal-aigner-will-fruehwarnsystem-a-883977.html Tja, mal wieder ein x-Punkte-Plan von Frau Aigner, aus dem leider leider leider nichts geworden ist.
markus_wienken 16.07.2014
5. .
Zitat von MitKohlensäureSchon mal jemand etwas von einer Pferde-Massentierhaltung gehört? Schon mal ein Antibiotika-Skandal bei Pferden aufgedeckt worden? Ganz ehrlich: Bei unseren Produktionsproblemen bei Geflügel, Rind und Schwein ist es völlig daneben, sich über das Pferdefleisch auszulassen, als wäre es ein Unding. Als ob der Verbraucher in Deutschland sonst so massives Interesse bezüglich der Inhaltsstoffe hätte. Das Pferdefleisch ist mit großem Abstand unser kleinstes Problem.
Damit haben Sie sicher Recht, es gibt durchaus auch andere Probleme, aber kein Grund dieses Thema nicht aufzugreifen. Es sollte gekennzeichnet sein, wenn irgendwo Pferd verarbeitet wurde, alles andere ist eine Täuschung des Verbrauchers.
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