Pflegeversicherung Experte warnt vor dem Kollaps

Die Krise der Pflegeversicherung nimmt dramatische Züge an. Der Freiburger Ökonom und Sozialexperte Bernd Raffelhüschen warnt vor dem Zusammenbruch. Weder Regierung noch Opposition hätten geeignete Rettungskonzepte.


Krankenpflege: Jüngere in die private Vorsorge zwingen
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Krankenpflege: Jüngere in die private Vorsorge zwingen

Berlin - "Weder Regierungs- noch Oppositionslager haben derzeit taugliche Reformentwürfe, um den drohenden Finanzkollaps in der Pflegeversicherung zu verhindern", erklärte Raffelhüschen. Im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hatte er zuvor die aktuellen Reformentwürfe von SPD sowie der bayerischen Sozialministerin Christa Stewens (CSU) auf deren Nachhaltigkeit für die nächsten fünf Jahrzehnte untersucht.

Raffelhüschens Fazit: "Die Politik in beiden Lagern rechnet den absehbaren Zusammenbruch der Pflegefinanzen schön. Dabei müsste sie endlich rückhaltlos die Wahrheit auf den Tisch legen." Die vorliegenden Reformentwürfe verschärfen nach seiner Auffassung sogar die Ungerechtigkeit im Verhältnis zwischen den Generationen.

Bis 2050 droht der Pflegeversicherung demnach der "Super-GAU": Durch die Verdoppelung der Zahl der Pflegebedürftigen auf vier Millionen sagte er eine Finanzlücke von 700 Milliarden Euro voraus. Die bei beiden Modellen geplante Einbeziehung aller Demenzkranken würde das Loch auf mindestens 950 Milliarden Euro vergrößern.

Die SPD will die Pflegeversicherung nach dem Modell der Bürgerversicherung umbauen, um so die Basis der Beitragszahler zu vergrößern. Die CSU-Politikerin Stewens will das bisherige Leistungsniveau einfrieren und preisbedingte Kostensteigerungen über eine zusätzliche kapitalgedeckte Pflicht-Vorsorge auffangen.

Sozialexperte Raffelhüschen plädierte stattdessen dafür, die gesetzliche Pflegeversicherung bis 2046 abzuschaffen und zu einer privaten Absicherung überzugehen. Nur die heute über 60-Jährigen sollten in der gesetzlichen Versicherung bleiben, aber statt eines prozentualen Beitrags eine monatliche Pauschale von 50 Euro zahlen.

Das käme deutlich teurer: Raffelhüschen zufolge zahlen die meisten jetzt 200 bis 250 Euro im Jahr, bei seinem Modell wären es 600 Euro. Die Jüngeren werde man zu einer privaten Versicherung "zwingen müssen", die monatlich 45 bis 55 Euro Beitrag koste. Zusätzlich müssten die unter 60-Jährigen noch einen "Solidaritätszuschlag" von 0,6 Prozent des Bruttoeinkommens zahlen, damit die Leistungen für die Älteren abgedeckt sind.



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