Pharmaindustrie US-Behörde will sich aus Griff der Lobbyisten lösen

Neuer Kurs in der US-Gesundheitspolitik: Die oberste Arzneibehörde möchte ihre Unterwanderung durch die Pharmalobby eindämmen. Wer Geld von der Industrie erhält, soll nicht mehr mitreden dürfen.


Washington - Beiratsmitglieder, von der Industrie bezahlt werden, sollen von bestimmten Entscheidungen ausgeschlossen werden. Der Beirat der obersten Arzneibehörde FDA stimmt unter anderem über die Zulassung von Medikamenten ab und gibt seine Empfehlungen an die Behörde weiter. Doch Mitglieder wie Ärzte und Forscher stehen oft auch als Berater bei Pharmafirmen unter Vertrage. Bislang waren diese Interessenskonflikte kaum an die Öffentlichkeit gelangt, da die Mitglieder die Honorare von Unternehmen nicht offen legen müssen. Nun entschied die FDA: Wer 50.000 Dollar oder mehr von einer Pharmafirma erhält, darf nicht über deren Medikamente abstimmen.

Medikamente: Starke Verzahnung zwischen Ärzten und Pharmaindustrie
DPA

Medikamente: Starke Verzahnung zwischen Ärzten und Pharmaindustrie

Der Einfluss der Arzneimittelbranche auf die Zulassungsentscheidungen der FDA ist in den USA ein großes Thema. 2005 beispielsweise votierte der Beirat für eine Wiedereinführung des Schmerzmittels Vioxx, obwohl es starke Bedenken wegen dessen Nebenwirkungen gab. Wie sich später herausstellte, hatten 10 der 32 Mitglieder Geld vom Hersteller Merck erhalten. Letztendlich beugte sich die FDA dem öffentlichen Druck und hielt sich nicht an die Empfehlung - doch in einem Großteil der Fälle folgt sie den Ratschlägen des Gremiums.

Die Regelung ist eine der ersten großen Neuerungen des neuen FDA-Vorsitzenden Andrew von Eschenbach. Es ist auch der Versuch, die Glaubwürdigkeit der Behörde zu steigern. Der Beirat war ursprünglich eingerichtet worder, um Transparenz in die Entscheidungen der FDA zu bringen. Neben Medizinern sind auch Verbraucherschutz-Gruppen dort vertreten.

Erst am Mittwoch hatte die New York Times eine Statistik vorgelegt, die über die enge Verzahnung zwischen Ärzten und Industrie Auskunft gibt: Zwischen 1997 und 2005 erhielten im US-Bundesstaat Minnesota mindestens 20 Prozent der niedergelassenen Ärzte Zahlungen von Pharmaherstellern. Im Durchschnitt waren dies 10.000 Dollar.

Die jetzige Grenze von 50.000 Dollar sei deshalb zu hoch, bemängeln Verbraucherschützer. Diana Zuckerman, Präsidentin des "National Research Center for Women & Families", erklärte gegenüber der Los Angeles Times: "Denken Sie an all die Kongressabgeordneten, die für weit weniger Ärger bekommen haben. Menschen machen verrückte Dinge für weit weniger als 50.000 Dollar - auch Menschen, die sehr viel Geld verdienen."

joh



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.