Pharmaskandal um Sanofi-Aventis: Schiffbruch in Panama

Von Markus Grill

Deutsche Pharmakonzerne haben jahrelang Arzneimittel für mehr als 200 Millionen Euro an eine Briefkastenfirma in Panama geliefert, die dann wohl auf dem Graumarkt landeten. Gegründet wurde die Firma von dem Geschäftsmann Siegfried Pulgrabia. Seine Rolle in der Affäre gibt Rätsel auf.

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Arzneimittel-Produktion: "Da sind einige Schweinereien gelaufen"

Der Pharmakonzern Sanofi-Aventis kämpft mit einem neuen Skandal. Und eine der zentralen Fragen dabei ist: Welche Rolle spielte Siegfried Pulgrabia? Der deutsche Geschäftsmann in Venezuela hat sich vor Jahren mit dem Ex-Sanofi-Cheflobbyisten das Modell ausgedacht, mit Hilfe von Sanofi Kreuzfahrtschiffe weltweit mit deutschen Arzneimitteln auszustatten. Doch ob die Medikamente tatsächlich auf den Schiffen landeten, ist nach SPIEGEL-Informationen fraglich. Denn alle angeblich belieferten Reedereien teilten auf Anfrage mit, niemals Medikamente von Pulgrabias Firma Carnival Enterprise bezogen zu haben. Stattdessen gibt es Hinweise, dass die Präparate über den Graumarkt wieder in deutschen Apotheken landeten.

Konzerne wie Pfizer, Lilly, Merck, Boehringer Ingelheim, AstraZeneca und andere lieferten jeden Monat eine riesige Menge rezeptpflichtiger Medikamente an den Konkurrenten Sanofi-Aventis. Sanofi versicherte, die Arzneimittel würden ins Ausland auf Kreuzfahrtschiffe gebracht. Pfizer und Co. verkauften die Pillen deshalb mit 50 Prozent Rabatt an Sanofi. Erlaubt sind solche Preisnachlässe aber nur, wenn die Arzneimittel tatsächlich ins Ausland gehen. In Deutschland sind Rabatte für rezeptpflichtige Präparate verboten. Der Gesetzgeber will damit verhindern, dass Patienten vor allem solche Medikamente bekommen, die Apotheker am günstigsten einkaufen.

An dieser Stelle kommt die von Pulgrabia gegründete Firma Carnival Enterprise ins Spiel: Sanofi lieferte über Jahre hinweg Arzneimittel in Höhe von mehr als 200 Millionen Euro an das Unternehmen, das seinen heutigen Sitz in Panama hat. Pulgrabia räumt auf Nachfrage offen ein, dass es sich bei Carnival Enterprise kaum mehr als um eine Briefkastenfirma handelte. "Wir haben den Sitz nach Panama verlegt, weil uns in Venezuela die linke Regierung von Präsident Chávez zu unsicher war", sagt er. Wenn es um den aktuellen Fall bei Sanofi geht, hält er sich jedoch bedeckt. Wieso die Reedereien dementieren, dass sie Arzneimittel seiner Firma erhalten haben, könne er sich nicht erklären. Der 74-Jährige sagt, dass er Carnival 2006 verkauft und heute nichts mehr mit der Firma zu tun habe. Mittlerweile gehe er aber davon aus, dass "da einige Schweinereien gelaufen sind" - selbstverständlich nach seiner Zeit, wie er betont.

Tatsächlich übergab Pulgrabia die Firma an den Teamchef des Motorrennstalls MC Racing, Harald Böttner, der erst vor wenigen Tagen mit seinen Fahrern die ADAC-GT-Masters gewonnen hat. Böttner lässt alle Fragen zur angeblichen Schiffsbelieferung unbeantwortet und verweist auf Geschäftsgeheimnisse.

Aber hat Pulgrabia wirklich nichts mehr mit der Firma zu tun? Auf dem Briefpapier von Carnival steht bis in die Gegenwart noch die Telefonnummer von Pulgrabias alter Firma Federal S.A. in Venezuela. Auch der für die angebliche Schiffsbelieferung zuständige ehemalige Sanofi-Cheflobbyist Erich Dambacher sagt, dass der Geschäftsmann bis heute "in Beratungsfunktion für Carnival Enterprise S.A. tätig" ist. Pulgrabia bestreitet das.

Auch Sanofi-Geschäftsführer Martin Siewert lehnt es ab, Fragen zu der Briefkastenfirma und zu Pulgrabia zu beantworten. Siewert lässt lediglich mitteilen, dass Sanofi der Staatsanwaltschaft angeboten habe zu kooperieren.

"Ich bin mit Außenminister Westerwelle befreundet"

Pulgrabias Rolle in dem Skandal bleibt undurchsichtig. Eine Recherche in Berlin, wo Pulgrabia kein Unbekannter sein dürfte, wirft eher weitere Fragen auf: Im Jahr 2010 spendete er 20.000 Euro an die FDP, im Jahr zuvor waren es 50.000 Euro. Unter den wenigen Spendern der FDP im Ausland gibt es keinen, von dem die Partei mehr Geld erhält als von Pulgrabia. Dennoch teilte die Partei auf Anfrage mit, dass sie keine Ahnung habe, wer dieser generöse Pulgrabia sei.

Pulgrabia versteht das nicht. "Ich bin mit Außenminister Westerwelle gut befreundet", sagt er. So habe er nach dem FDP-Wahlerfolg 2009 an einer privaten Siegesfeier in der Berliner Wohnung von Guido Westerwelle teilgenommen. Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob das zutreffend sei, ließ der Ex-FDP-Chef Westerwelle unbeantwortet. Pulgrabia war bis vor wenigen Tagen auch Vertrauensmann der deutschen Botschaft in Venezuela. Im Außenministerium bestätigt man, dass er von diesem Amt inzwischen entbunden wurde.

Pulgrabia betont, dass er schon vor dem Schiffsgeschäft mit Sanofi ein vermögender Mann gewesen sei, er sei unter anderem Großaktionär der Reederei Carnival. Als Sanofi-Cheflobbyist Erich Dambacher 2007 seinen Abschied bei Sanofi feierte, dankte er auch seinem Geschäftspartner Pulgrabia: "Ein Wort oder Handschlag von ihm waren mehr Wert als jeder Vertrag, und ich durfte lernen, dass Qualität, Service und Zuverlässigkeit wichtiger ist als jeder Preis. Sparsamkeit am falschen Platz ist das Ende eines jeden Geschäfts."

Knauserig zeigte sich Carnival Enterprise auch gegenüber Dambacher nicht: Für seine Vermittlungstätigkeit bei der angeblichen Schiffsbelieferung überwies Carnival monatlich 85.000 Euro an Dambacher. Auf den Skandal angesprochen lässt Dambacher über seinen Anwalt mitteilen, dass er und die Pharmafirmen getäuscht worden seien.

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1. Einzelfälle
peterbond0815 17.10.2012
Zitat von sysopDeutsche Pharmakonzerne haben jahrelang Arzneimittel für mehr als 200 Millionen Euro an eine Briefkastenfirma in Panama geliefert, die dann wohl auf dem Graumarkt landeten. Gegründet wurde die Firma von dem Geschäftsmann Siegfried Pulgrabia. Seine Rolle in der Affäre gibt Rätsel auf. Pharmaskandal bei Sanofi-Aventis: Welche Rolle Pulgrabia spielt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/pharmaskandal-bei-sanofi-aventis-welche-rolle-pulgrabia-spielt-a-861528.html)
Es fehlen einem die Worte bei dieser Häufung von Einzelfällen. Die Muster sind dabei so einfach wie widerlich: - Man schläft sich durch seine Seilschaften hoch und kassiert dick ab. Man hat ja jede Menge Risiko und Verantwortung. - Wenn die Bombe platzt hat man von nichts gewusst und nichts entschieden. - Man schafft sich die dicke Kohle beiseite und verzieht sich in die Schmollecke. Dann lebt man gemütlich in einer Steueroase und meckern über die Rahmenbedinungen hier in Deutschland. Man hat ja schließlich für seinen Reichtum hart gearbeitet und will die ergaunerte, aehh, erarbeitete Kohle natürlich nicht wieder mit der faulen Allgemeinheit teilen.
2. Heissa
miauwww 17.10.2012
da passt wiedermal alles: Pharmaindustrie plus Bananenstaaten, zwielichtige Gestalten, als Vertrauenspersonen der Botschaften, mit Spenden an unsre Minister und speziell die FDP.
3. Hmmm
honk2511 17.10.2012
Zitat von sysopDeutsche Pharmakonzerne haben jahrelang Arzneimittel für mehr als 200 Millionen Euro an eine Briefkastenfirma in Panama geliefert, die dann wohl auf dem Graumarkt landeten. Gegründet wurde die Firma von dem Geschäftsmann Siegfried Pulgrabia. Seine Rolle in der Affäre gibt Rätsel auf. Pharmaskandal bei Sanofi-Aventis: Welche Rolle Pulgrabia spielt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/pharmaskandal-bei-sanofi-aventis-welche-rolle-pulgrabia-spielt-a-861528.html)
Warum wundert mich es nicht, dass da Westerwelle und die FDP auftauchen?
4.
Thorsten Knuth 17.10.2012
Hier wird doch ein ganz anderes Problem sichtbar, dessen Nicht-zur-Kenntnissnahme bzw. Förderung durch die Politik der eigentliche Skandal ist: die völlig überhöhten Lieferpreise der Pharmakonzerne in das deutsche Apothekennetz. Im europäischen Ausland (nicht Dritteweltländer) sind Arzneimittlel regulär und in ordentlichen Apotheken für 20 - 50 % der deutschen Preise erhältlich. Originale - keine Nachahmerprodukte. Und daran verdienen die Pharmafirmen und die Apotheker immer noch Geld, was sie je auch sollen. Die extrem überhöhten Preise in Deutschland sind nur möglich, da es das anonyme Abrechnungssystem über die Kassen gibt. Da können Lobbyisten und Kartelle machen, was sie wollen. Daß die Kassen da nicht wirklich eingreifen (die offiziellen Rabatte sind ein Witz!) kann nur politisch gesteuert sein. Die Kassenbeiträge zahlen ja die Berufstätigen, an einer Senkung hat niemand wirklich Interesse. Und solche illegalen Machenschaften (s.Artikel) sind nur bei derartigen Preisgefällen überhaupt möglich, die gäbe es bei einem freien Markt mit entsprechenden -preisen gar nicht.
5. Steueroasen
donquichotte2012 17.10.2012
Wann merkt die Welt das Steueroasen das Krebsgeschwwür der Menschheit schlechthin sind Wieviele Menschen verloren den Arbeitsplatz durch solche Geschäfte, wieviel Geld fließt seitdem als Heuschreckengeld durch unversteuerte Lande Verbot aller Steuerosen, Einstellen sämtlicher Beziehungen
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