Pharmaskandal Gesundheitsexperten wettern gegen Ärztebestechung

Laptops, iPods, Fernseher: Der Pharma-Konzern Trommsdorff hat nach SPIEGEL-Informationen Hunderte Ärzte mit Unterhaltungselektronik dazu bewegt, bestimmte Medikamente zu verschreiben. Gesundheitsexperten sind empört - das Vertrauen der Patienten sei zutiefst erschüttert worden.


Hamburg - Das Pharmaunternehmen Trommsdorff sorgt seit dem Wochenende massiv für Negativ-Schlagzeilen: Nach SPIEGEL-Informationen hat der Konzern Ärzte mit Unterhaltungselektronik bestochen - die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen im ganzen Bundesgebiet gegen 480 Ärzte, die sich korrumpieren ließen. "Ich kann nicht ausschließen, dass sich diese Zahl noch erheblich ausweitet", so der Leitende Oberstaatsanwalt Robert Deller.

Gesundheitsexperte Lauterbach: "Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten zerstört"
DDP

Gesundheitsexperte Lauterbach: "Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten zerstört"

Politiker zeigen sich über die Praktiken entrüstet: "Die Praxis der Pharma-Unternehmen muss verboten und bestraft werden", sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der "Bild"-Zeitung. "Sie sorgt dafür, das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten zu zerstören. Es ist ein Drama: Patienten werden nicht selten Medikamte verschrieben, die nicht die besten für sie sind, sondern den meisten Gewinn für den Arzt abwerfen."

Thomas Volk, CDU-Landesvorstand Baden-Württemberg, äußerte sich ähnlich deutlich. "Es kann nicht sein, dass Patienten die Sorge haben müssen, dass der Arzt nicht an die beste Versorgung, sondern an iPods und Flachbildfernseher denkt. Jeder Patient hat Anrecht auf die Behandlung, die ihm am meisten hilft", sagte er.

Die Ermittler werfen den Ärzten Betrug und Untreue zu Lasten der Krankenkassen vor. Sie hatten unter anderem an Anwendungsbeobachtungen (AWB) für Trommsdorff-Medikamente teilgenommen. In einem Formular konnten sie ankreuzen, welche Belohnung sie wollten:

  • Für fünf Patienten gab es einen Flachbildschirm oder einen iPod,
  • für sieben Patienten einen DVD-Recorder,
  • für zwölf Patienten einen Jura-Kaffee-Vollautomaten,
  • für 14 Patienten das Navigationssystem TomTom Go,
  • für 18 Patienten konnten sie auswählen zwischen Laptop, Beamer oder Computer mit Drucker.

Trommsdorff hatte den Ärzten die Artikel als Gegenleistung für die Teilnahme an AWB zwischen 2004 und 2007 angeboten. Bei AWB handelt es sich formal um Studien, die Nebenwirkungen eines Medikaments beobachten sollen. Sie stehen in zweifelhaftem Ruf, weil viele AWB vor allem dazu dienen, den Absatz anzukurbeln.

Trommsdorff wollte gegenüber dem SPIEGEL nicht beantworten, wie viele Ärzte bundesweit derartige Elektrogeräte erhalten hatten. Das Unternehmen versicherte aber, "vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft Aachen" zu kooperieren. Die hat inzwischen die ersten zehn Verfahren gegen Außendienstler gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt.

ssu



Forum - Harte Strafen für korrupte Ärzte?
insgesamt 679 Beiträge
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Seite 1
Gebetsmühle 20.07.2009
1.
Zitat von sysopComputer, iPods, Flachbild-Fernseher: Der Pharma-Konzern Trommsdorff hat nach SPIEGEL-Informationen Hunderte Ärzte mit Unterhaltungselektronik dazu bewegt, bestimmte Medikamente zu verschreiben. Sollten die Mediziner hart bestraft werden?
ja. es handelt sich um korruption und persönliche vorteilsnahme zum schaden von kassen, patienten und steuerzahlern. das gehört hart bestraft. was sonst?
lupenrein 20.07.2009
2.
Die Öffentlichkeit wird nicht erfahren, ob und wie die Beschuldigten bestraft wurden. Das ist usus in diesen Fällen...
Knippi2006 20.07.2009
3.
Zitat von Gebetsmühleja. es handelt sich um korruption und persönliche vorteilsnahme zum schaden von kassen, patienten und steuerzahlern. das gehört hart bestraft. was sonst?
Als wenn das etwas neues wäre. Oder wird das jetzt hochgespielt um von den anderen korrupten abzulenken?
Jochen Binikowski 20.07.2009
4.
Mit ihrer kriminellen Raffgier untergraben Ärzte und Pharmaindustrie nicht nur das Vertrauen der Patienten. Die schützenden Hände der Politik-Marionetten über die Weißkittel-Mafia werden ganz schnell weggezogen, wenn ein genügewnd großer Teil der Wähler richtig sauer wird. Dann werden es Politiker sehr schwer haben, die Verhinderung von Positiv-Listen sowie angemessene strafrechtliche Verfolgung (gewerbsmäßiger Betrug, Bildung einer kriminellen Vereinigung usw.) zu rechtfertigen. Politiker ohne Mandat haben für die Lobbyisten-Mafia keinen wirklichen Wert.
hausarzt 20.07.2009
5. Am besten alle Ärzte abschaffen...
Zitat von sysopComputer, iPods, Flachbild-Fernseher: Der Pharma-Konzern Trommsdorff hat nach SPIEGEL-Informationen Hunderte Ärzte mit Unterhaltungselektronik dazu bewegt, bestimmte Medikamente zu verschreiben. Sollten die Mediziner hart bestraft werden?
Ja, bestimmt, ganz hart. Bei 100000 & X niedergelassenen Ärzten, davon nach der Größenordnung 50% " Zielgruppe " der Fa. Trommsdorf - mindestens alle Allgemeinmediziner und Internisten -, laufen hunderte Ermittlungsverfahren...also liegt die Zahl der zu Strafenden im einstelligen Prozentbereich... Man kann auch sagen, daß sich rund 95 % nicht korrumpieren ließen... Ich habe noch nie an einer AWB teilgenommen, muß man auch nicht. - Was noch auffällt, ist die Taktung der Ärzte-Bashing-Threads hier, und das Timing... In wenigen Tagen erwarten wir die Abrechnung des 1. Quartals 2009 mit der Ärzteflatrate nach Euro und Cent - wahrscheinlich will man im Vorfeld mögliche Proteste schon mal diskreditieren.
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