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Pingelige Chefs 2005: Wer Eichhörnchen rettet, fliegt raus

Manche Chefs scheinen zu denken, dass sie ihren Angestellten alle möglichen abwegigen Regeln zumuten können. Das jedenfalls legt die "Liste der unglaublichsten Arbeitsplatz-Ereignisse" nahe, die eine US-Beratungsfirma zusammengestellt hat. Auch eine deutsche Firma tat sich unrühmlich hervor.

Hamburg/Chicago - Ein Highlight schon mal vorweg: Ein Mitarbeiter einer amerikanischen Bierfirma ist im vergangenen Jahr fristlos gefeuert worden, obwohl er sich bis dato als besonders zuverlässig hervorgetan hatte. Die Gründe für die Entscheidung wurden ihm nicht mitgeteilt.

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Offensichtlich sind sie trotzdem: Der Mann wurde nämlich noch am selben Tag entlassen, an dem er auf einem Foto in der Lokalzeitung zu sehen war - mit der Bierdose einer Konkurrenzfirma in der Hand. Die reichlich humorlose Reaktion seines Arbeitgebers auf das Bild hat ihn kalt erwischt.

Der Fall des unvorsichtigen Biertrinkers ist einer von insgesamt neun, den die Arbeits-Vermittlungsfirma Challenger, Gray & Christmas (CGC) in einer Liste mit dem Titel "Die unglaublichsten Arbeitsplatz-Ereignisse 2005" zusammengestellt hat. Darin hat sie Anekdoten von besonders willkürlich wirkenden oder absurd drakonischen Chef-Entscheidungen gesammelt, die den CGC-Mitarbeitern in den vergangenen zwölf Monaten zu Ohren kamen. Meistens geht es in den Beispielen um befremdliche Regeln - mit gesundem Menschenverstand hätten die Fälle jedenfalls nichts mehr zu tun, deutet der Sprecher von CGC, James Pedderson, an.

Gleich an Platz eins der Liste steht eine IT-Firma aus Deutschland: Sie hat per Arbeitsvertrag klar definierte Nicht-Jammern-Regeln fürs Büro eingeführt. Wer öfter als zwei Mal beim Klagen, Mosern oder Nörgeln ertappt werde, wird entlassen. Zwei Angestellte seien bereits wegen Verstoßes gegen die "Zwei Mal jammern und raus"-Regel entlassen worden, berichtet CGC - andere seien freiwillig gegangen. (Dass es sich bei dem Unternehmen um die aufstrebende Leipziger Nutzwerk GmbH handelt,verschweigen die amerikanischen Listen-Kompilatoren.)

Beten verboten

Namentlich genannt wird dagegen DaimlerChrysler Chart zeigen. Im Chrysler-Werk in der Stadt Kokomo in Indiana, so heißt es in der Liste, haben die Werksleiter keinerlei Verständnis für Mitarbeiter, die lieber mit Autos anderer Marken zur Arbeit pendeln. Erstaunliche 80 Prozent der Parkplätze rund um das Werk seien für Chrysler-Autos reserviert. Gemeiner noch: Wenn auf einem dieser Exklusiv-Stellplätze etwa ein fehlgeparkter Ford gesichtet werde, lasse das Management diesen prompt und ohne Vorwarnung abschleppen, so CGC. Der Park-Delinquent müsse dann nicht nur 200 Dollar Strafe zahlen, sondern obendrein auch noch nach Indianapolis fahren. Dorthin nämlich, immerhin 50 amerikanische Meilen entfernt, würden die abgeschleppten Wagen überführt.

Dass die Toleranz gegenüber nicht-amerikanischen Arbeitnehmern bei manchen US-Firmen zu wünschen übrig lässt, legen zwei weitere Beispiele nahe: So sollen in Chicago zwei Spanisch sprechende Friseurinnen von ihrem Boss entlassen worden sein, weil sie im Haar-Salon ihre Muttersprache benutzten - wohlgemerkt nicht einmal in der Arbeitszeit, sondern bloß während der Pausen. Der Chef verstand auch das offenbar als dreiste Provokation. Am Arbeitsplatz hatte er extra ein Schild mit der klaren Ermahnung aufgehängt: "Eine andere Sprache als Englisch zu sprechen, ist nicht nur respektlos, sondern auch untersagt." Die Angelegenheit beschäftigte inzwischen die Gerichte, so CGC.

In einem weiteren Fall habe ein namhafter Computerhersteller in der Country-Kapitale Nashville 30 muslimische Arbeiter vor die Werkstore gesetzt - sie hatten sich an die Glaubensdoktrin gehalten, allabendlich bei Sonnenuntergang zu beten.

Fortsetzung folgt

Dass Tierliebe der Karriere schaden kann, hat dagegen eine Ex-Mitarbeiterin einer Bibliothek erfahren müssen: Sie sei zwangsbeurlaubt worden, berichtet sie, weil sie sich aus Chef-Sicht "übertrieben lange" bemüht habe, ein Eichhörnchen zu befreien. Das arme Tier hatte sich in der Decke der Bücherei verfangen.

Manchmal werden auch offizielle Stellen zu Komplizen der Willkür: Eine Sicherheitsfirma, so heißt es im CGC-Bericht, habe eine Regel eingeführt, die es all ihren Mitarbeitern verbiete, sich in privaten Situationen zu treffen. Es ist demnach nicht erlaubt, mit Kollegen essen zu gehen, geschweige denn sie zu Hochzeiten oder anderen Feiern einzuladen. Die Mitarbeiter beschwerten sich bei der offiziellen nationalen Aufsichtsstelle darüber - die aber lehnte es ab, den Arbeitgeber zur Aufhebung der Regel aufzufordern.

Die Liste der absonderlichen Arbeitsplatz-Vorkommnisse hat sich offenbar schon jetzt als Erfolg erwiesen. Man plane, sie künftig jedes Jahr zu veröffentlichen, heißt es jedenfalls von CGC. Vielleicht könne man damit ja dafür sorgen, dass Chefs und Untergebene sich künftig ein bisschen besser verstehen.

Matthias Streitz

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