Pischetsrieder-Aussage Der Chef als Außenseiter im System VW

Seine Aussage war mit Spannung erwartet worden - immerhin hatte der ehemalige Volkswagen-Boss Bernd Pischetsrieder die VW-Affäre erst aufgedeckt. Was herauskam, dürfte bei den Staatsanwälten für Ernüchterung gesorgt haben: Wesentliche Punkte der Anklage werden sich kaum noch halten lassen.

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Braunschweig - Manchmal weiß man nicht so recht, wessen Anwalt Wolfgang Kubicki eigentlich ist - der von Klaus-Joachim Gebauer oder der von Klaus Volkert. Natürlich sind die Claims sorgfältig abgesteckt und weder Kubicki noch sein Kollege Johann Schwenn sind dafür bekannt, dass sie großzügig mit den ihnen zustehenden Rechten umgehen würden.

Ex-VW-Chef Pischetsrieder: "Ohne Herrn Volkert wäre die Sanierung des Unternehmens nicht möglich gewesen."
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Ex-VW-Chef Pischetsrieder: "Ohne Herrn Volkert wäre die Sanierung des Unternehmens nicht möglich gewesen."

Dennoch erledigte Kubicki am heutigen Verhandlungstag im Untreue-Prozess gegen die beiden ehemaligen VW-Manager auch die Fragearbeit zugunsten von Schwenns Mandanten Volkert. Entsprechend fiel sein Resümee am Ende der Befragung des Zeugen Bernd Pischetsrieder aus: "Die Aussage ist sehr gut für Herrn Volkert und gut für meinen Mandanten. Es liegt auf der Hand, dass der Vorwurf der Untreue jedenfalls im Zusammenhang mit der Behandlung Volkerts als Top-Manager nicht aufrechterhalten werden kann."

Tatsächlich hatte der ehemalige Vorstandschef zu keinem Zeitpunkt der eineinhalbstündigen Befragung einen Zweifel daran gelassen, dass er die Einstufung Volkerts als Topmanager für berechtigt hielt: "Ohne Herrn Volkert wäre die Sanierung des Unternehmens nicht möglich gewesen", stellte der Zeuge ohne wenn und aber klar.

Im Übrigen erschien da ein Mann im Zeugenstand, der im System VW schon immer wie ein Fremdkörper gewirkt hatte. Und der es heute auch beschrieb wie einer, der erst spät einen genaueren Einblick gewonnen hatte - und den es geschaudert haben muss bei dem, was er sah. Nach seiner heutigen Aussage kann man sich gut vorstellen, wie die Arbeitsweise im Vorstand funktionierte. Was VW-Patriarch Ferdinand Piëch am vergangenen Verhandlungstag noch mit abweisendem Unterton mit "hat mich nicht interessiert" von sich wies, erscheint nach der Aussage Pischetsrieders heute plötzlich als plausible, ja geradezu gebotene Arbeitsteilung: Jeder kümmert sich um die Probleme, die in sein Ressort gehören und übernimmt dafür die Verantwortung.

Einzelne Kostenstellen interessierten nicht

Logisch erscheint in diesem Zusammenhang, dass sich der Boss des Konzerns nicht mit einzelnen Abrechnungen befasste. "Im Vorstand wurde nie über einzelne Kostenstellen gesprochen, sondern nur über ganze Bereiche - also Kosten für Reisetätigkeiten, oder Entwicklung, oder Produktion." Von der berüchtigten Kostenstelle 1860, über die die Sonderkosten für die umstrittenen Reisen des Betriebsrats abgerechnet wurden, erfuhr Pischetsrieder nach eigenen Angaben erst im Juni 2005 im Zuge der Ermittlungen zu den Geschäften des Skoda-Vorstands Helmuth Schuster und seines Kompagnons Gebauer. Ein Lieferant habe von so genannten Kick-back-Verträgen berichtet, erklärte er. Als Kick-back-Veträge werden solche bezeichnet, bei denen sich einer der Beteiligten einen Teil des im Vertrag vereinbarten Geldes zurückerstatten lässt.

Auf den Hinweis hin habe die Revision die Verträge unter die Lupe genommen und sei in diesem Zusammenhang auf die Kostenstelle 1860 gestoßen. Selbst zu diesem Zeitpunkt habe Personalchef Peter Hartz keinerlei Andeutungen darüber gemacht, was die Revision in den folgenden vier Wochen finden würde.

Pischetsrieder ist anders als Piëch völlig frei von dem Verdacht, von den Vorgängen gewusst oder sie gar gebilligt zu haben. Immerhin kam die ganze Affäre erst auf seine Initiative hin ans Licht. Beobachter sehen es noch nicht einmal als Schwäche des einstigen Vorstandschefs, dass er erst nach drei Jahren die ersten Hinweise auf das erhalten haben will, was da mehr oder weniger verborgen stattfand. "Dass in einem international aufgestellten Unternehmen die Betriebsratsmitglieder reisen, ist vollkommen normal", erklärte er heute. Auch dass Frauen mitgereist seien, habe keinen Argwohn in ihm geweckt, fügte er hinzu. "Ich habe das als Entschädigung für die hohe Arbeitsbelastung der Beteiligten auch am Wochenende betrachtet. Und ich finde es nach wie vor richtig."

Die mögliche Erklärung dafür, dass Pischetsrieder heute fast wie ein unabhängiger Zeuge auftreten konnte, der in keiner Weise in die Sache verwickelt war, hängt mit seiner Rolle im Konzern zusammen. Er war und blieb ganz einfach immer Außenseiter im System VW - trotz der intensiven Nähe zu seinem einstigen Förderer Piëch. Wie dieses System funktionierte, musste er auch gar nicht wissen. Vereinfacht könnte man es so ausdrücken: Pischetsrieder hatte die Aufgabe, den Konzern zu steuern, Hartz war dafür verantwortlich, die Basis für konstruktive Verhandlungen zu legen.

Überzeugt von der Mitbestimmung

Es gab auch keinen Dissens zwischen Pischetsrieder und den Eingeweihten des Systems über die Art und Weise, wie die Mitarbeiter an den Entscheidungen im Unternehmen beteiligt werden. Lediglich die Motivation dürfte unterschiedlich gewesen sein. Während sich jemand wie Piëch in die Notwendigkeit fügte, die Arbeitnehmervertreter auf seine Seite zu bringen, weil ihnen das Gesetz nun mal entsprechende Macht verliehen hatte, kooperierte Pischetsrieder aus Überzeugung. "In meiner Heimat in Süddeutschland bin ich da zwar in der Minderheit, aber ich halte die Mitbestimmung für eine gute Sache", erklärte er heute noch einmal.

Vor diesem Hintergrund hätte es gar keinen Sinn gemacht, Pischetsrieder in die Geschehnisse einzuweihen und damit eventuell schlafende Hunde zu wecken. So gesehen, hat die Aussage Pischetsrieders wenig Wert für die Bewertung der Straftaten, die die Staatsanwaltschaft den Angeklagten vorwirft. Der Mann war ein Scheinzeuge - er hat die Täter nie gesehen.

Den Angeklagten dürfte die Aussage trotzdem genützt haben. Denn bei Anklägern und Richtern macht sich offensichtlich zunehmend Ratlosigkeit breit, wie denn der Sachverhalt noch weitergehend aufgeklärt werden könnte. In dieser Stunde sitzen die Beteiligten zusammen, um darüber zu beraten. Und welche Anklagepunkte gegebenenfalls in neuem Licht betrachtet werden müssen. Gerichtssprecher Ingo Groß legt zwar Wert auf die Feststellung, dass es nicht um einen "Deal" geht; vieles spricht aber dafür, dass am Ende der Beratungen in Umrissen klar sein dürfte, wie das Urteil ausfallen wird.

Die spannendste Frage am Rande des Prozesses bleibt jedoch die nach der Rolle des Firmenpatriarchen Ferdinand Piëch. Doch in diesem Punkt sind sich die Prozessbeobachter einig: Die Chancen, darauf eine Antwort zu finden, sind gleich null.



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