Plädoyer für den Welthandel Globalisiert die Krise nieder!

Die Wirtschaft kämpft mit der Krise, Globalisierungskritiker triumphieren. Sie machen die ungebremsten Waren- und Geldströme für das Desaster mitverantwortlich. Der Ökonom Thomas Straubhaar erklärt, warum das eine folgenreiche Fehleinschätzung ist - und die Welt mehr statt weniger Handel braucht.


Globalisierungskritiker könnte man zu den Gewinnern der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise zählen. Seit Jahren ziehen sie gegen den weltumspannenden Freihandel zu Felde. Jetzt bekommen sie durch die größte Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg scheinbar die Bestätigung ihrer Thesen serviert.

Containerumschlag in Hamburg: Aufwind für Globalisierungsgegner
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Containerumschlag in Hamburg: Aufwind für Globalisierungsgegner

Der Konjunkturabsturz zeige schonungslos auf, wohin offene Märkte und internationale Arbeitsteilung führten, heißt es. Gierige Finanzjongleure hätten die globalisierte Welt für ihre hemmungslosen Wetten zur Selbstbereicherung missbraucht. Für viele ist die Globalisierung gar schon am Ende.

Das wirkt: Denn die Fraktion der eingeschworenen Gegner bekommt Zulauf. Selbst langjährige Sympathisanten der Globalisierung gehen unterdessen auf kritische Distanz. Von den Grenzen der Weltwirtschaft ist die Rede. Eine Rückbesinnung auf den Heimatmarkt sei notwendig.

Auch hierzulande heißt es jetzt aus der Politik, Deutschlands Wirtschaft sei zu stark auf den Export ausgerichtet. Eine neue Strategie sei nötig. Es gelte nun, die Binnennachfrage zu stärken.

Das geht einher mit dem Ruf nach nationalen Champions, also Konzerne die von ihrem Heimatmarkt aus ganze Branchen dominieren. Gefordert werden auch Strukturhilfen für notleidende Unternehmen - ohne Rücksicht darauf, dass damit ausländische Konkurrenten benachteiligt werden. Auch ist das alte Plädoyer für juristische Schutzwälle wieder zu hören - vor allem gegen ausländische Investoren.

Was sich hier bildet ist die große Koalition gegen den Welthandel: Das gemeinsame Ziel, der ungeliebten Globalisierung den Garaus zu machen, eint linke Anti-Globalisierungskritiker und rechte Abschottungsideologen. Sie finden sich in einer breiter werdenden Allianz wider globalisierte Märkte und grenzüberschreitenden Wettbewerb.

Das ist fatal.

Denn das Gegenteil wäre richtig: Die Welt braucht mehr und nicht weniger Globalisierung. Wer die Globalisierung am Ende sieht, lässt sich von einem saturierten, europäisch geprägten Weltbild täuschen. Da werden Argumente oft in einer Verpackung präsentiert, die vorgibt, das Wohl der Armen zu vertreten. In Wahrheit aber geht es nur um die eigenen nationalen Interessen.

Chance für die Ärmsten der Armen

Gerade hier in Deutschland ist man geneigt, für ein Ende der Globalisierung zu plädieren. Derzeit verursacht die Finanzmarktkrise Unsicherheit und Turbulenzen in der Bevölkerung. Die Furcht vor dem Job-Verlust grassiert. Der Druck des globalen Wettbewerbs ist für manche da schlicht lästig. Er verschärft die Gefahr, an aufstrebende Volkswirtschaften zu verlieren, was man sich an Wohlstand erworben hat.

Wer freilich ein im internationalen Vergleich herausragenden Lebensstandard erreicht hat, der kann bequem eine Denkpause und eine Neuorientierung der Weltwirtschaft anregen. Für die meisten Menschen weltweit aber ist die Globalisierung die entscheidende, wenn nicht gar die größte Chance, die allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern und die Massenarmut zu überwinden.

Mehr als die Hälfte der heutzutage rund sechseinhalb Milliarden Menschen lebt in Armut. Viele von ihnen müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Für die Armen und Ärmsten gibt es zur Globalisierung keine Alternative. Vor allem nicht, weil die Bevölkerungen in Armutsregionen weiter wachsen werden, im Gegensatz zu den schrumpfenden und alternden Gesellschaften Europas.

Bereits in 20 Jahren wird Chinas Bevölkerung auf 1,4 Milliarden angestiegen sein. In Indien, Pakistan und Bangladesch werden in Kürze zusammen zwei Milliarden Menschen leben. Schon um für diese Massen bessere Lebensbedingungen zu schaffen, ist eine Teilhabe an den Erfolgen der internationalen Arbeitsteilung unverzichtbar. Nur so kann jenes Wachstum gefördert werden, das dabei hilft, Massenarmut zu verringern.

Entgegen oft geäußerten Meinungen sind Massenarmut, Elend und Not nicht die Folge der Globalisierung. Sie sind oft die Konsequenz geschlossener Gesellschaften. Gerade die Globalisierung - und oft nur sie - kann helfen, die schrecklichen Folgen von Machtmissbrauch, Korruption und Nepotismus zu überwinden und die Menschen vor der Willkür und Ausbeutung der Machthaber zu schützen.



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Seite 1
rosomak, 30.04.2009
1.
Zitat von sysopWeltweit schrumpfen die Exporte. Der Handel zwischen den Nationen bricht in bedenklichem Tempo ein, Reeder lassen ihre Schiffe abwracken. Ist die Globalisierung am Ende?
Die Globalisierung ist definitiv noch lange nicht am Ende. Sonnst müssten in DE statt massenweise z.B. Knushistorikern wieder Schuster und Näherinen geschult werden.
japan10 30.04.2009
2.
Zitat von sysopWeltweit schrumpfen die Exporte. Der Handel zwischen den Nationen bricht in bedenklichem Tempo ein, Reeder lassen ihre Schiffe abwracken. Ist die Globalisierung am Ende?
Was für eine Frage. Wäre es in der Theorie so, könnten wir in D das Licht ausmachen. Es wird natürlich weitergehen, nur der IWF, die WTO werden sich ändern müssen. Zudem wird man unsere Lieblinge nicht vergessen dürfen, aber Herr Ackermann ist ja wieder obenauf mit seienm Investmentbanking. Schon alleine das Internet wird die Globalisierung aufrecherhalten. Einige Länder werden sich die Wunden lecken und sobald die USA aus ihrem Trauma erwachen, wird es weitergehen.
MarkusW77 30.04.2009
3.
Zitat von sysopWeltweit schrumpfen die Exporte. Der Handel zwischen den Nationen bricht in bedenklichem Tempo ein, Reeder lassen ihre Schiffe abwracken. Ist die Globalisierung am Ende?
na das ist ja mal ein ganz neues Thema...;-) Grundsätzlich ist sie ja für den Frieden nicht schlecht gewesen, aber für den individuellen Wohlstand wird eine Regionalisierung wohl die effektivere Lösung sein.
Ion, 30.04.2009
4.
Zitat von sysopWeltweit schrumpfen die Exporte. Der Handel zwischen den Nationen bricht in bedenklichem Tempo ein, Reeder lassen ihre Schiffe abwracken. Ist die Globalisierung am Ende?
Wenn es gar keinen Handel zwischen den Nationen geben wird,wird die Globalisierung am Ende sein, das war aber noch nie in der Menschheitsgeschichte der Fall.......
gaga007 30.04.2009
5.
Der Markt bereinigt sich ... Weltweit wurde eine immer größere Wirtschaft aufgebaut, es wurden zuviele Waren durch die Wirtschaft auf Kredit produziert. Der Markt konnte diese Waren nicht aufnehmen, die Kredite wurden fällig und die Banken wollten sehen ... ... die Produzenten der Waren erzielten nicht die kalkulierten Preise und Absatzmengen, der Konsum erreichte nicht die Größenordnung, um gewinnbringend verkaufen zu können, die Kredite konnten nicht bedient werden. Die Wirtschaft paßt sich der realen Situation an. Es werden die Firmen in die Insolvenz gehen, die nicht über ausrechende Reserven und Sicherheiten verfügen. Unabhängig, ob es eine Bank oder ein Automobilhersteller ist. Selbstverständlich betrifft die Insolvenz eines großen Unternehmens auch immer kleine Zulieferer und / oder Dienstleister. Es hat diese Verwerfungen der Wirtschaft in der Vergangenheit bereits gegeben und es wird sie immer wieder geben. Diese Aufgeregtheit ist nicht nachzuvollziehen. Der Markt bereinigt sich und es wäre sinnvoller gewesen, wenn die Politik nicht aus wahltaktischen Gründen heraus Steuergelder durch falschverstandene Subventionen verbrennen würde. Trotz der Millarden, die bereits in die Wirtschaft geflossen sind, um Firmen und Banken vor einer Insolvenz zu bewahren, wird letztendlich kein Arbeitsplatz gesichert werden, der sowieso freigestellt wird. Mehr Gelassenheit bitte - die Deutsche Bank macht es vor !
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