Plagiate: Wettrüsten mit Produktpiraten

Von Alexander Demling

Signale und Warnleuchten auf der Hannover Messe: Milliardenkosten durch Kopien Zur Großansicht
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Signale und Warnleuchten auf der Hannover Messe: Milliardenkosten durch Kopien

Produktpiraterie kostet die deutsche Wirtschaft jedes Jahr Milliarden. Forscher versuchen, hochspezialisierte Geräte und Hightech-Maschinen schwerer kopierbar zu machen - doch auch die Produktfälscher rüsten auf.

Hamburg - Gegen die Plagiatoren wusste sich Günter Kech schon immer zu helfen: Als ein Konkurrent auf der Hannover Messe 2004 einen Füllstandsmesser präsentierte, der dem seines Unternehmens fast exakt glich, ließ der Geschäftsführer der VEGA Grieshaber KG den unliebsamen Wettbewerber kurzerhand von der Messe werfen. "Die Farbe war eine andere. Aber die Software, das Gehäuse - alles praktisch dasselbe", sagt Kech.

Für Kechs Unternehmen ist Produktpiraterie eine echte Bedrohung. Der Mittelständler aus dem badischen Schiltach stellt hochpräzise Messgeräte für die Industrie her, die mit Radarwellen die Füllstände von Tanks auf Millimeter genau messen können. Mit dieser Technik gehört VEGA zur Weltspitze. Dieser Platz ist hart erkämpft: Hundert Mannjahre steckten in der Entwicklung des Messgeräts, sagt Kech. Klar, dass Konkurrenten da lieber die Abkürzung nehmen wollen.

Und nicht nur die Konkurrenten von VEGA: Laut einer Studie ihres Verbands VDMA entgingen den deutschen Maschinen- und Anlagenbauern 2011 wegen Plagiaten rund acht Milliarden Euro Umsatz. Zwei Drittel der befragten Unternehmen waren Opfer von Fälschern geworden, die meisten Plagiate stammen aus China. Zwar gelobt die aufstrebende Wirtschaftsmacht inzwischen besseren Schutz geistigen Eigentums. Doch mehr als Plagiatoren von Messen ausschließen zu lassen, können Unternehmen bisher oft nicht tun: "Wir haben zwar Patentschutz in China. Aber wir vertrauen nicht darauf, dass wir den auch durchsetzen können", sagt Kech.

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Plagiarius 2013: Die dreistesten Produktfälschungen
"Reverse Engineering" (umgekehrte Ingenieurskunst), wie Experten den geistigen Diebstahl euphemistisch nennen, bleibt ein großes Problem für die Branche - und ihre Beschäftigten: Mit dem entgangenen Umsatz hätten 37.000 Arbeitsplätze gesichert werden können, schreiben die Autoren der VDMA-Studie. Für die deutsche Volkswirtschaft, die vor allem von ihrem Erfindergeist lebt, ist der Schutz vor den Nachahmungen ihrer Produkte eine Überlebensfrage.

Gleichzeitig ist der Diebstahl von Hochtechnologie ziemlich simpel: "Umkehringenieure" kaufen einfach eine Maschine und bauen sie auseinander. Mikrochips zum Beispiel werden in einem Säurebad lagenweise aufgelöst und dann nach und nach mit 3-D-Scannern kopiert. Oft bestehen sie aus Standardbauteilen, die die Plagiatoren einfach nachkaufen können. "Ungeschützte Maschinen können Angreifer oft binnen weniger Wochen nachbauen", sagt Bartol Filipovic, der beim Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit (AISEC) in Garching Schutzmechanismen gegen Plagiate entwickelt.

Schutz für Smartphones und Roboter

Als VEGA 2010 die nächste Generation seiner Messgeräte auf den Markt brachte, tauchte wieder eine Fälschung auf. "Da haben wir uns gesagt: Jetzt ist's vorbei, jetzt tun wir was", erinnert sich Geschäftsführer Kech. Und wandte sich an Filipovic.

Das Team um den Informatiker entwickelt Software-Lösungen, die die Analyse und den Nachbau von Geräten verhindern. In den Messgeräten von VEGA funktionieren die Mikroprozessoren nun nur, wenn die anderen Komponenten des Geräts ständig die richtigen Passwörter aussenden. Solche Chips werden in Smartphones und Spielkonsolen genauso genutzt wie in der Elektronik von Autos oder großen Industrierobotern. "Der Angreifer kann zwar die Originalchips kaufen, aber wie er sie entsprechend programmiert, verraten sie ihm nicht", erklärt Filipovic.

Unknackbar ist der Code jedoch nicht, auch die Produktpiraten werden ständig besser. Doch um absolute Fälschungssicherheit wie beim Schutz von Militärgeheimnissen geht es den Forschern auch gar nicht. Ein paar Jahre Vorsprung, so hofft Filipovic, können so gesichert werden. "Der Plagiator muss richtig Zeit und Geld investieren, um den Schutz zu überwinden. Er verliert also genau den Vorteil, den er sich erhofft hat", sagt Filipovic. Manchmal gebe der Dieb dann auf und kopiere schlechter geschützte Geräte von Wettbewerbern.

Deutsche Produkte brauchen besonders guten Schutz

Wie viel Aufwand sich für die Fälscher lohnt, kommt auf den Produktzyklus an. Die neuesten iPhones oder Playstations veralten praktisch im Jahrestakt. Die Spezialitäten der deutschen Industrie - große Fräs-, Druck- oder Textilmaschinen - sind oft zehn bis zwanzig Jahre das Nonplusultra auf ihrem Gebiet. Auch VEGA braucht fünf bis zehn Jahre für die Entwicklung eines neuen Messgeräts. Filipovics Team müssen den Plagiatoren deshalb besonders weit voraus sein. "Wir peilen einen Schutzzeitraum von fünf bis fünfzehn Jahren an", sagt der Forscher.

Auf der Hannover Messe in dieser Woche stellen Filipovic und seine Forschergruppe ihre nächste Erfindung vor: Eine Schutzfolie für Mikrochips, die bei Beschädigung die darauf gespeicherten Informationen unzugänglich macht. Der nächste Wettlauf gegen die Produktpiraten ist eröffnet.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Vormachen
Ratzbär 10.04.2013
Machen wir uns doch nix vor: Aus purem Protzgehabe kaufen viele Menschen diesen Ramsch! - Würde soz. jeder Schuster bei seinem Leisten bleiben, wäre schon viel getan.
2. "Plagiate"...
rumi.rumi 10.04.2013
Auch wenn es bedeutet einen alten Hut zm zigsten Male hervorzuholen, muss doch noch einmal betont werden, dass sich Deutschland erst durch massive Produkt"piraterie" zur Industrienation erhoben hat. Also mal halblang! Natürlich hat jeder Hersteller das Recht solch einem Nachbau technologisch vorzubeugen. Aber es wird diesen dann halt nur verzögern. Das Kopieren guter Produkte hat es seit Menschengedenken gegeben und wird es immer geben...
3.
TimmThaler 10.04.2013
Zitat von sysop"Reverse Engineering" (Umgekehrte Ingenieurskunst), wie Experten den geistigen Diebstahl euphemistisch nennen
Kleiner Hinweis an den Autor: Reverse Engineering ist nicht geistiger Diebstahl. Daran möge er sich bitte erinnern, wenn er das nächste Mal eine Anleitung zum Rücksetzen seines zwangsgesperrten Druckers aus dem Internet fischt... Der geistige Diebstahl beginnt dann, wenn das Gerät exakt nachgebaut wird. Die Voraussetzung dafür kann durch RE gewonnen werden, oder indem die Pläne und Zeichnungen aus der Firma geklaut werden.
4.
TimmThaler 10.04.2013
Zitat von sysop"Reverse Engineering" (Umgekehrte Ingenieurskunst), wie Experten den geistigen Diebstahl euphemistisch nennen
Kleiner Hinweis an den Autor: Reverse Engineering ist nicht geistiger Diebstahl. Daran möge er sich bitte erinnern, wenn er das nächste Mal eine Anleitung zum Rücksetzen seines zwangsgesperrten Druckers aus dem Internet fischt... Der geistige Diebstahl beginnt dann, wenn das Gerät exakt nachgebaut wird. Die Voraussetzung dafür kann durch RE gewonnen werden, oder indem die Pläne und Zeichnungen aus der Firma geklaut werden.
5. Erinnernung
pdp-11/34 10.04.2013
an die eigene Geschichte. Historische Produktpiraterie in Deutschland - The European (http://www.theeuropean.de/olaf-ploetner/8707-historische-produktpiraterie-in-deutschland) ---Zitat--- diesmal geht es um die deutsche Wirtschaftsgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts: Damals hinkten die Deutschen der in England begonnenen Industrialisierung hoffnungslos hinterher; wenn überhaupt exportierten sie Zucker, Kartoffeln und Stickereien. Die lose verbundenen deutschen Kleinstaaten waren Agrargebiete, ein einheitliches Zoll- und Handelsgebiet gab es erst mit der Reichsverfassung von 1871. Doch da hatte England längst die Maßstäbe gesetzt und seiner Industrie eine Monopolstellung verschafft, die durch Ausfuhr- und Auswanderungsverbote für Facharbeiter gestärkt wurde. Woraufhin die Deutschen sich darauf verlegten, die englischen Produkte zu kopieren. ---Zitatende--- PS: Auch ich habe schon mal Chinesen schulen müssen. Die wollten alles sehr genau wissen.
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