Plagiate-Industrie Chinesische Hacker spionieren deutschen Mittelstand aus

Arzneimittel, Fahrzeugteile, selbst Lebensmittel: Chinesische Fälscherringe arbeiten effektiver als je zuvor, warnt der Verfassungsschutz - und sie setzen auf High-Tech. Hacker aus Fernost dringen immer öfter in Computernetzwerke ihrer Konkurrenten ein. Speziell Mittelständler sind betroffen.


Hamburg - "In letzter Zeit haben wir verstärkt chinesische Hackerangriffe festgestellt", sagte der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans Elmar Remberg, der "Financial Times Deutschland". Auch andere westliche Staaten registrierten mehr Wirtschaftsspionage aus China, sagte Remberg.

Hackerangriff: Schäden in Milliardenhöhe
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Hackerangriff: Schäden in Milliardenhöhe

Schätzungen zufolge entstehen der deutschen Wirtschaft durch Know-how-Diebstahl jährlich Schäden in Milliardenhöhe. Zu einem großen Teil werden die Informationen genutzt, um Waren direkt nachzubauen, die dann zu konkurrenzlos billigen Preisen in den betroffenen Ländern angeboten werden.

Die Praxis beschränkt sich längst nicht mehr auf wenige Einzelfälle. Allein zwischen 1998 und 2004 stellte der Zoll in der EU einen Anstieg importierter Nachahmerprodukte um rund 1000 Prozent fest. Rund 100 Millionen Artikel würden jährlich beschlagnahmt - Tendenz stark steigend. Abgesehen von den Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Gesundheit, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit würden den betroffenen Ländern Steuereinnahmen in beträchtlicher Höhe entgehen, ein Großteil dieser Waren auf dem Schwarzmarkt verkauft werde, heißt es in einer Mitteilung an die EU-Kommission.

Angreifer sehr kompetent

Besonders alarmierend sei in diesem Zusammenhang, dass zunehmend Produkte des normalen Alltags kopiert würden, etwa Arzneimittel, Fahrzeugteile oder Lebensmittel. In den achtziger Jahren noch seien sieben von zehn Unternehmen, deren Produkte nachgeahmt wurden, im Bereich Luxusgüter angesiedelt gewesen.

Laut Remberg betreiben vor allem Russland und China Wirtschaftsspionage in Deutschland. Beide Staaten sind wichtige deutsche Handelspartner. "Während die russischen Dienste noch primär mit klassischen Agenten arbeiten, sind die Chinesen nach unseren Erkenntnissen hauptsächlich auf dem elektronischen Sektor aktiv", sagte Remberg. Die Angreifer gelten als kompetent und seien besonders umtriebig. Viele nutzten für ihre Angriffe wiederum das Know-how der westlichen Hackerszene.

Besonders groß sei das Risiko für deutsche Mittelständler, die ihr Netzwerk nicht durch eine aufwändige Sicherheitsarchitektur schützen könnten, so wie dies in großen Betrieben bereits Standard sei. Ein neues Sicherheitsrisiko stellt die bei Firmen beliebte Internet-Telefonie dar. "Hier potenzieren sich zwei Gefahren: Kommunikation an sich und das Internet", sagte Remberg. Der Verfassungsschutz hält zudem Praktikanten für eine mögliche Gefahrenquelle.

Dass chinesische Hacker durchaus zu aufwendigen Angriffen in der Lage sind, ist für IT-Experten nichts Neues. Im November 2005 etwa gab es Berichte über Attacken auf US-amerikanische Militärrechner. Die Angreifer hätten mit verblüffender Präzision und Geschwindigkeit gearbeitet, hieß es damals.

"Time" zitierte einen US-Sicherheitsexperten mit den Worten, die Hacker hätten stets großflächig Dateien komprimiert und sofort übers Netz abtransportiert, und zwar extrem schnell: "Sie flüchteten stets geräuschlos, wischten ihre elektronischen Fingerabdrücke ab und ließen ein fast unauffindbares Signalfeuer zurück, das ihnen das Wiedereindringen in das Gerät jederzeit gestattete. Die vollständige Attacke dauerte 10 bis 30 Minuten." Hochsensible militärische Informationen etwa über Kampfhubschrauber und eine Flugplan-Software seien so entwendet worden. Die chinesische Regierung hatte die Vorwürfe aus den USA einige Zeit später dementiert.

Auch der Chef einer britischen IT-Sicherheitsbehörde berichtete damals von Hackerattacken aus dem Fernen Osten. Dabei sei es vor allem um wirtschafts- und industrierelevante Daten gegangen.

mik/dpa-AFX/Reuters

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