Pleitebank Barclays plant Teilübernahme von Lehman

Der britische Barclays-Konzern steht offenbar doch als Retter von Lehman Brothers bereit. Die drittgrößte britische Bank will Teile des insolventen US-Geldhauses übernehmen. An der Frankfurter Börse sorgten die Tumulte auf den Finanzmärkten für ein ständiges Auf und Ab.


London/Frankfurt am Main/New York - Barclays Chart zeigen verhandelt mit der insolventen US-Investmentbank Lehman Brothers Chart zeigen über die Teilübernahme des Finanzinstituts. Dabei gehe es um den möglichen Ankauf von Lehman-Vermögenswerte "zu Bedingungen, die für die Barclays-Aktionäre attraktiv wären", erklärte der britische Finanzkonzern. Es sei aber unklar, ob die Gespräche zu einem Abschluss führen werden.

Newsticker auf dem Times Square: Zunächst hatte Barclays eine Übernahme abgelehnt - jetzt zeigt die Bank doch Interesse
REUTERS

Newsticker auf dem Times Square: Zunächst hatte Barclays eine Übernahme abgelehnt - jetzt zeigt die Bank doch Interesse

Das "Wall Street Journal" (WSJ) hatte zuvor berichtet, dass Lehman Brothers Barclays große Teile des Instituts anbieten will. Dabei geht es offenbar um die Aktivitäten in den USA und Kanada. Der Zeitung zufolge sollten im Zuge eines Deals zwischen den beiden Geldhäusern mindestens 10.000 Lehman-Mitarbeiter zu Barclays wechseln.

An den Geschäften in Europa und Asien habe Barclays kein Interesse, berichtete die britische "Times". Dem "WSJ" zufolge sollen auch die kritischen Lehman-Vermögenswerte - also beispielsweise Hypotheken-Papiere - bei der US-Bank verbleiben.

Barclays hatte noch am Wochenende Übernahmegespräche mit Lehman scheitern lassen und dies damit begründet, dass eine Übernahme nicht im Interesse der Aktionäre sei. Am Montag hatte Lehman Brothers daraufhin Konkurs angemeldet und damit schwere Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten ausgelöst.

Notenbanken pumpen Milliarden in die Märkte

Wichtige Notenbanken rund um den Globus haben zur Abfederung der Finanzmarktturbulenzen den Umfang ihrer Geldspritzen für das Bankensystem deutlich ausgeweitet. Die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank of England sowie nun auch die Bank of Japan pumpten zusammen mehr als 111,7 Milliarden Euro mit Schnelltendern in die Märkte, wie die Institute in Frankfurt, London und Tokio mitteilten. Damit soll eine Kreditklemme der Banken verhindert werden.

Aus Sorge über mögliche Milliarden-Löcher in den Bilanzen wegen neuer Abschreibungen halten die Banken derzeit Geld zurück und leihen es sich nicht mehr im sonst üblichen Umfang. Die Notenbanken können in solchen Situationen zusätzliches Geld an die Banken verleihen, um ein Austrocknen der Märkte zu verhindern. Vor der Finanzkrise hatte die EZB nur nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu diesem Mittel gegriffen.

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten bestimmten unterdessen weiter das Geschehen an den Börsen. Der deutsche Aktienmarkt entwickelte sich nach schwachem Start uneinheitlich. Ein Händler sagte am Mittag: "Der deutsche Markt bleibt eine Funktion des US-Marktes - der aktuelle Erholungsversuch löst noch nichts und die Reaktion der Wall Street wird entscheidend sein." Der Dax kämpfe mit der 6000-er-Linie und für eine nachhaltige Richtungsentscheidung fehle noch das Volumen.

Bankenwerte bleiben unterdessen infolge der Lehman-Krise weiter im Fokus. Die Commerzbank-Papiere Chart zeigen verloren extrem - im frühen Geschäft verlor das Papier sogar zeitweise mehr als zehn Prozent auf 14,19 Euro und markierte den tiefsten Stand seit November 2004, erholte sich dann aber wieder etwas. Ein Börsianer sagte: "Das Timing der teuren Übernahme der Dresdner Bank ist schon extrem ungünstig. Dessen Finanzierung und die ohnehin bestehenden Risiken aus der Finanzkrise ergeben nun eine 'explosive Mischung'."

Sorge um AIG

Versicherer standen ebenfalls unter Druck: Allianz-Aktien Chart zeigen sackten zwischenzeitlich um 3,48 Prozent auf 100,27 Euro ab. Grund dafür ist die Sorge um die US-Assekuranz American International Group (AIG) Chart zeigen. Nach dem Lehman-Aus rückt nun der angeschlagene Versicherer in den Blickpunkt der US-Finanzkrise. Der Staat New York gewährte dem Konzern die Erlaubnis, Vermögen seiner Töchter in Höhe von 20 Milliarden Dollar als Sicherheiten zu verwenden. US-Finanzminister Henry Paulson deutete aber an, dass Bundeshilfen unwahrscheinlich seien.

Die Banken J.P. Morgan Chase und Goldman Sachs Chart zeigen arbeiten laut einem Zeitungsbericht an einem Notkredit von bis zu 75 Milliarden Dollar für AIG. Mit Unterstützung der US-Notenbank Federal Reserve versuchten sie, Kredite von 70 bis 75 Milliarden Dollar zu organisieren, schrieb das "WSJ" unter Berufung auf unterrichtete Personen.

Wenn der Versicherer nicht bis Mittwoch frisches Geld finde, habe er möglicherweise keine andere Wahl als Insolvenz anzumelden, hieß es. AIG spielt eine wichtige Rolle bei der Risikoabsicherung in der Finanzbranche, deshalb könnte ein Zusammenbruch des Konzerns weltweite Turbulenzen auslösen.

Allein durch die Herabstufung von AIG durch die internationalen Ratingagenturen müsse der Versicherer zusätzliche 14,5 Milliarden Dollar auftreiben, um seine Schulden abzusichern, schrieb die Zeitung. Ein niedrigeres Rating verteuert die Kreditaufnahme. Die Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch gestehen dem Versicherer statt einer sehr guten bis guten Bonität nur noch eine gute bis befriedigende Zahlungsfähigkeit zu.

suc/AFP/dpa-AFX/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.