Politisches Roulette Putins Kasino-Feldzug

Jahrelang blühte das Glücksspielgeschäft in Russland weitgehend unbehelligt von den Behörden. Jetzt wurden plötzlich sechs Spielhöllen geschlossen - und das ist nur der Anfang. Präsident Putin hat der mächtigen Industrie den Kampf angesagt. Freilich nicht aus moralischen Gründen.

Von André Ballin, Moskau


Moskau - Noch lassen die Plakate in den russischen Vorortzügen viele Pendler von unglaublichen Karrieren träumen: "Croupier gesucht", heißt es da etwa über langen Listen von Vorteilen, die ein Job in der glamourösen Welt der Glücksspiele angeblich mit sich bringt. Tatsächlich aber neigen sich die goldenen Zeiten der Spielhöllen und Kasinos in Russland dem Ende zu.

Roulette-Tisch: Ab 2009 soll es in Russland nur noch vier Glücksspielstädte geben
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In einem einzigen Monat wurden das "Sol", das "Kristall", der "Golden Palace", der "Golden Palace Weekend" und das "Kosmos" in Moskau von den Behörden dichtgemacht. Auch das "Olympia" in St. Petersburg gibt es nicht mehr. Die Vorwürfe waren immer dieselben: Steuerhinterziehung und Betrug. Bei einer Rede vor den Fraktionsspitzen der Duma predigte Präsident Wladimir Putin vor kurzem über die Gefahren des Spiels mit dem Glück, das durchaus mit Alkohol und Drogen zu vergleichen sei.

Tatsächlich haben Untersuchungen des Psychiatrischen Instituts "Serbski" ergeben, dass in Russland über zwei Millionen Menschen spielsüchtig sind. Leid tun müssen einem die mächtigen Kasinobosse sicher auch nicht. Die Straftaten, die ihnen zur Last gelegt werden, haben sie wahrscheinlich oft wirklich begangen. In der Vergangenheit hat das allerdings niemanden interessiert. Immerhin erwirtschaftete die gesamte Branche pro Jahr etwa fünf bis sechs Milliarden Dollar - und sie ließ viele Beamte an diesem blühenden Geschäft großzügig teilhaben.

Hinter dem plötzlichen harten Vorgehen des Staats stecken politische Motive. Denn die Spielhöllen in Russland werden häufig von Georgiern betrieben. Und nach der Spionage-Affäre, bei der vier russische Geheimdienstoffiziere in Georgien verhaftet wurden, ist das Verhältnis zum Nachbarland vergiftet.

Russland hat über den Kaukasus-Staat nicht nur eine diplomatische und wirtschaftliche Blockade verhängt, sondern kontrolliert auch die in Russland lebenden Georgier jetzt scharf. Denn die halten mit ihren Geldtransfers die schwer angeschlagene georgische Wirtschaft faktisch am Laufen. Dieser Geldfluss soll nach dem Willen Putins ausgetrocknet werden.

So drängte Putin nun plötzlich zur Eile und forderte in seiner Rede gegen das Glücksspiel eine radikale Lösung des Problems. Und der Präsident drängte zur Eile. Zwar lag da der Duma schon ein lange ausgearbeiteter Gesetzentwurf vor, der verschiedene Reformen für das Glücksspielwesen vorsah. Doch die Vorlage wurde jetzt abgelehnt, um den Weg für ein von Putin persönlich eingebrachtes, sehr viel strikteres Projekt frei zu machen.

Demnach sollen bis Juli 2007 alle kleineren Etablissements mit weniger als 50 Automaten oder zehn Spieltischen geschlossen werden. Bis 2009 müssen sich auch die Big Player gehörig umstellen. Glücksspiele sollen dann in Russland nur noch in vier ausgewählten Orten erlaubt sein. Die sollen möglichst weit weg von der Zivilisation liegen. So ähnlich wie Las Vegas, das mitten in der amerikanischen Wüste erbaut wurde. Eins der russischen Glücksspiel-Reservate soll nach derzeitiger Planung in Sibirien, ein zweites im russischen Fernost-Gebiet liegen.

Alle Städte wollen Las Vegas sein

Immerhin zwei Kasino-Städte sollen aber im europäischen Teil Russlands entstehen. Die Kaukasus- und Wolga-Region, die überwiegend oder teilweise von Muslimen bewohnt werden, scheiden von vornherein als Standorte aus. Die übrigen Gebiete konkurrieren nun um das Privileg, Heimat des ebenso sündhaften wie lukrativen Geschäfts zu werden.

Sehr gute Chancen hat das im Moskauer Gebiet gelegene Städtchen Ramenskoje, wo derzeit sogar schon ein Komplex im Wert von zwei Milliarden Dollar gebaut wird. Die Lobbyisten dieser Kasino-Einrichtung haben offensichtlich beste Beziehungen zu den verantwortlichen Stellen.

Ein weiterer aussichtsreicher Kandidat ist aber auch Kaliningrad. Denn die Moskauer Reformer wollen Kasinos vor allem zur Attraktion für Ausländer machen, die zuhauf in die Touristenstadt strömen. Ähnlich wie Kaliningrad kann auch Sotschi argumentieren. Der mondäne Schwarzmeerkurort ist zurzeit war vor allem bei den Reichen und Schönen Russlands populär. Sotschi versucht aber schon lange, mehr ausländische Touristen anzulocken - in diese Richtung zielt etwa die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2014.

Hoffnungen macht sich auch der Provinzfürst Kirsan Iljumschinow in Kalmykien auf das Geschäft mit dem Glück. Vor den Toren der Provinz-Hauptstadt Elista ließ Iljumschinow vor einigen Jahren sein berühmtes Chess City errichten. Dort wurde gerade der Russe Kramnik gegen den Bulgaren Topalov Schachweltmeister. Von Beginn an sei das Städtchen als Zentrum für Denk- und Glücksspiele gedacht gewesen, betont der Republikpräsident und Multimillionär.

"Der Markt geht in den Untergrund"

Die Region Iwanowo, die etwa 300 Kilometer nordöstlich von Moskau liegt, wirbt hingegen damit, dass sie von Moskau, Nischni Nowgorod und Jaroslawl gut zu erreichen, aber trotzdem nicht in allzu nächster Nähe gelegen ist. Moskaus Oberbürgermeister Juri Luschkow machte sich deshalb auch stark für diese Region. Es wäre unsinnig, "die Industrie direkt hinter dem Autobahnring wieder anzusiedeln", argumentierte er vor allem gegen das Projekt Ramenskoje. Gebrauchen könnte das einstige Textilzentrums Iwanowo, das inzwischen als eines der Armenhäuser Russlands gilt, die Einnahmen aus der sündigen Industrie allemal.

Viele Experten aus dem Sektor bezweifeln allerdings, dass die Ernennung zum Las Vegas Russlands tatsächlich die Hoffnungen der jeweiligen Lokalpolitiker erfüllen würde. Ein Umzug innerhalb von zwei Jahren kommt für die meisten Casino-Besitzer allein aus Kostengründen nicht in Frage – und schon gar nicht, wenn es Richtung Sibirien oder Kalmykien geht. "Natürlich, wird der Glücksspielmarkt nirgendwohin auswandern, er geht nur in den Untergrund. Es wird eine Menge geben. Das Business in legales Fahrwasser zurück zu holen, ist wesentlich schwerer", glaubt Boris Belozerkowski, Präsident der Glücksspielvereinigung "Unikum".

Belozerkowski allerdings hat keine Pläne in diese Richtung. Er selbst hat den Rückzug seines Unternehmens aus dem Sektor angekündigt. Die Firma "Unikum", die bisher ihr Geld mit der Produktion einarmiger Banditen gemachte hatte, wird sich auf die Herstellung von Kassenautomaten konzentrieren.



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