Politisches Stiefkind Wie das Verkehrsministerium die Binnenschifffahrt vernachlässigt

Umweltfreundlich, günstig, sicher: Die Binnenschifffahrt ist vor allem angesichts der hohen Ölpreise eine ideale Transport-Alternative. Doch sie hat im zuständigen Ministerium wenig Freunde. Der Verkehr soll auf die Schiene, Schiffe passen nicht ins politische Konzept.

Von Wolfgang Reuter


Berlin - Kapitän Guido Clement tuckert über die Wasserstraßen von Berlin - und regt sich dabei permanent auf. "Da vorne", sagt er und zeigt auf eine zehn Hektar große Industriebrache, kurz vor der Einfahrt in den Teltowkanal. "Unglaublich." Auf dem ehemaligen Gelände des VEB Berlin-Chemie soll eine neue Eigenheimsiedlung entstehen. Doch bislang liegen auf dem Grundstück nur riesige Schutthaufen.

Knapp 300.000 Tonnen Erde müssen hier weggeschafft werden, weil einige Stellen kontaminiert sind. "Die karren das alles mit Lkw quer durch die Stadt", schimpft Clement, ein Kapitän der Ed Line Reederei aus dem Osten der Hauptstadt. "Das könnte man viel besser mit dem Schiff erledigen."

Clement hat recht: Die Laster müssen die Strecke mehr als 12.500-mal fahren, um den Boden abzutransportieren. Die gleiche Menge könnten Schubverbände mit weniger als 300 Touren bewältigen.

Fünf Minuten später muss Clement sich wieder aufregen. Er steuert auf das ehemalige DDR-Funkhaus Grünau zu, das gerade saniert wird. "Unfassbar", murmelt der Binnenschiffer, "man könnte hier prima anlegen, aber es kommen nur Lastwagen."

Politik setzt auf Straße und Schiene

Der Sprit, sagt er, "ist immer noch nicht teuer genug". Bisher jedenfalls hat die Binnenschifffahrt vom Energiepreisschock kaum profitiert - obwohl sie das Verkehrsmittel mit dem geringsten Energieverbrauch ist. Viele Unternehmen agieren noch immer so, als wäre ihnen nicht bekannt, dass man Güter auch über Flüsse und Kanäle transportieren kann.

Auch die Politik in Berlin setzt nach wie vor lieber auf Straße und Schiene. Dabei wäre der Transport von Waren auf dem Wasser eine echte Alternative. Umweltfreundlich, sicher, leise: In einem aktuellen Gutachten wird der Schiffsverkehr in höchsten Tönen gepriesen. Während die deutschen Autobahnen zu weiten Teilen überlastet und auch in wichtigen Abschnitten des Schienennetzes "die Kapazitätsgrenzen erreicht beziehungsweise überschritten" seien, heißt es da, könnten die Binnenwasserstraßen "erhebliche weitere Transportmengen problemlos bewältigen".

Verfasst haben das Papier das Essener Gutachterbüro Planco und die Bundesanstalt für Gewässerkunde - im Auftrag der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Sie vergleichen darin die Verkehrsträger Straße, Bahn und Wasserstraße aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht.

Im Bundesverkehrsministerium, das traditionell vor allem auf den Autobahn- und Schienenverkehr setzt, will die Botschaft offenbar niemand wahrhaben. Jedenfalls haben die Ministerialen ihrer untergeordneten Behörde fast sechs Monate lang die Veröffentlichung des Papiers untersagt. Einen handlichen Flyer, der die Ergebnisse kurz und knapp auf wenigen DIN-A4-Seiten zusammenfasst, dürfen die Beamten bis heute nicht verteilen. Stattdessen setzt das Verkehrsministerium gemäß seinem "Masterplan Güterverkehr und Logistik", den Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) gerade stolz vorgestellt hat, die traditionelle Bevorzugung von Straße und Schiene fort.

Frachter verbrauchen am wenigsten Energie

Das Verkehrsministerium verweist gern darauf, dass die Bundesmittel für die Binnenwasserstraßen in den vergangenen fünf Jahren um 45 Prozent gestiegen sind. Doch das Ausgangsniveau war ausgesprochen niedrig. Von den gesamten Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur erhalten die Autobahnen stets mehr als 50 Prozent, die Schienenwege mehr als 40 Prozent - für die Wasserstraßen bleiben zwischen sechs und sieben Prozent übrig, obwohl sie mit einem Frachtaufkommen von 249 Millionen Tonnen mittlerweile etwa 15 Prozent des Güterfernverkehrs aufnehmen. Und dieser Anteil wird in Zeiten teurer Energie noch wachsen.

Im Massenguttransport verbrauchen deutsche Frachter und Schubverbände 67 Prozent weniger Energie als Laster und 35 Prozent weniger als die Bahn. Die Kähne sind zudem mit Abstand das sicherste unter den Verkehrsmitteln. Im Güterverkehr auf der Straße sterben, bei der gleichen Frachtleistung, 62-mal mehr Menschen als durch die Binnenschifffahrt. Auf der Schiene sind es siebenmal so viele Tote.

Hinzu kommt der Lärm: Während sich 54 Millionen Deutsche von Straßen und zunehmend auch vom Güterschienenverkehr belästigt fühlen, wird die Binnenschifffahrt nicht als störend empfunden. Im Gutachten der Gewässerkundler schnitt die Schifffahrt nur in einem Punkt schlechter ab als die Bahn: bei klassischen Luftschadstoffen wie beispielsweise Rußpartikeln. Bei allen anderen Vergleichswerten wie etwa dem fürs Klima besonders schädlichen CO2 weist das Schiff im Schnitt die geringsten Emissionen aus.



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qbitsarentreal 17.09.2008
1. ?
Der Binnenschifffahrt fehlt anscheinend eine starke Lobby, bzw. dem Markt genaue Informationen wo im Einzelfall ein Schiffstransport günstiger ist. Was bedeutet Ausbau der "Wasserstrassen"? - Ausbaggern und aufstauen der Flüsse und Kanäle? Die Flüsse führen doch in Trockenzeiten trotzdem die gleiche Menge Wasser. Was wird mit dem Geschiebe an den Staustufen? Regelmässige Hochwasser sind eine direkte Folge von wirtschaftlichem Flußausbau. Wie hoch waren die Kosten für den Main-Donau-Kanal? Wie wären die Kosten für einen Flussausbau welcher mögliche Hochwasser durch Umflutkanäle oder Überflutungsflächen berücksichtigt? Binnenschifffahrt ist nützlich und sinnvoll, jedoch nur dort wo das heute schon so ist.
smokeonit 17.09.2008
2. es ist bestimmt noch techn. mehr drin... (und OT thema...)
vor allem sollten die containerterminals am rhein und den anderen schiffbaren flüsse ausgebaut und die schiffsbauer mehr fördergelder erhalten. mit tragflächenbooten könnte man den schiffsverkehr extrem beschleunigen, ohne die flussufer zu gefährden, wenn man mehr forschen würde... es hat sich in der technik der lastschiffe seit jahrzehnten nichts verbessert, bis auf die dieselmotoren.... OT: im bild mit den azubis sieht man das diese die modernen schwimmwesten tragen müssen! warum musste die matrosin auf der gorch fock keine schwimmweste dieser art tragen??? diese schränken keineswegs die bewegungsfreiheit ein. die bewegungsfreiheit wurde von der bundesmarine als argument gegen schwimmwestenpflicht auf der gorch fock genannt. ein lächerliches argument, und ein armutszeuginis für das sicherheitsbewusstsein für deutsche marinekadetten... es ist nur eine frage der zeit bis wieder jemand über bord geht und ertrinkt, wenn aus dem unfall nicht schnellstens konsequenzen gezogen werden.... ich finde das es ein skandal ist das den matrosen auf der gorch fock keine schwimmwesten auf deck antrainiert werden... (OT= off topic)
Roana, 17.09.2008
3. Anachronismus
In Zeiten, wo keiner Zeit hat, sind die Binnenschiffe ein Anachronismus. Was nützt es, wenn ein Schutthaufen mit 300 Schiffsladungen abtransportiert werden kann, wenn das Beladen, der Transport und das Entladen länger dauern wie der direkte Abtransport mit 12500 Lastwagen? Wenn erst mal der Schutthaufen auf 12500 LKWs aufgeladen und zum Hafen transportiert werden muß damit er in Schiffe eingeladen werden kann? Wenn am Zielort doch wieder auf 12500 Lastwagen umgeladen werden muß um den Schutt vom Hafen zur Deponie zu bringen? Der Schutt aus 300 Schiffsladungen wird ja nun nicht einfach irgendwo in einem Kanal verklappt. Man kann ein Schiff nicht einfach mit dem Radlader an irgendeiner beliebigen Kanalmauer beladen, da braucht es eine entsprechende Infrastruktur mit Kränen und Seilbaggern um das Beladegut richtig im Laderaum zu verteilen. Binnenschiffe haben üblicherweise kein eigenes Ladegeschirr. Da werden von der Binnenschiffahrt einige Milchmädchenrechnungen aufgemacht. Hauptsache man kann ein paar Subventionen abstauben...
utat, 17.09.2008
4. Der Verkehr den Lobbys!
Zitat von sysopUmweltfreundlich, günstig, sicher: Die Binnenschifffahrt ist vor allem angesichts der hohen Ölpreise eine ideale Transport-Alternative. Doch sie hat im zuständigen Ministerium wenig Freunde. Der Verkehr soll auf die Schiene, Schiffe passen nicht ins politische Konzept. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,578320,00.html
Es ist in der Tat schwer nachzuvollziehen, warum die Binnenschifffahrt an den Routen, wo sie möglich ist, nicht forciert und so wenig genutzt wird. Straßen und Schiene würden entlastet werden, vor allem aber die Anrainer verkehrsreicher Routen. Denen baut man dann wiederum Hör- und Sichtschutzwände auf, die viel kosten und oft wenig bringen. Ein Unsinn. Währenddessen werden an Nord- und Ostsee die Häfen voll und neu ausgebaut, etwa nun in Wilhelmshaven, um Schiffsladungen aus der ganzen Welt dorthin zu liefern, die dann wieder auf dem Landweg vertrieben werden – sogar bis runter nach Italien. Verkehrspolitik ist offensichtlich Lobbyismus, der bis hin zu den Verkehrsplanern greift.
herbert 17.09.2008
5. Die Politik
seit ewigen Zeigen fahren Boote oder Schiffe auf den Flüssen, weil es ein sehr guter Transportweg ist. Seitdem dieser SPD Mann Tiefensee in dem Gebiet tätig ist, läuft vieles daneben. Es ist der gleiche Tiefensee, der im Zuge der Umwelt auch die Häuserbesitzer zum Kreditaufnehmen verdonnern will, damit diese ihr Haus isolieren. Aber was will man von einem SPD Mann erwarten, man schaue sich doch die Lügenpartei an.
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