Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Luxusbauten in New York: Arme müssen durch die Hintertür

Von , New York

"Poor Doors": Wo New Yorks Reiche sich die Armen fernhalten Fotos
SPIEGEL ONLINE

In New York dürfen Immobilienfirmen neue Luxuswohntürme hochziehen - wenn sie darin auch Sozialwohnungen bereitstellen. Damit Reiche nicht auf Arme treffen, bauen die Unternehmen einfach separate Eingänge.

Der Luxus kommt vorgefertigt: Panoramafenster, Fernblick über den Hudson, Pool auf dem Dach. Die künftigen Bewohner des Protzbaus One Riverside Park in Manhattan dürfen sich auf einen noblen VIP-Bau freuen.

"Sie müssen sich beeilen", rät die Dame in dem mit Samtsofas und Orchideen dekorierten Verkaufsbüro. "Von unseren Dreizimmerwohnungen sind nur noch drei zu haben." Die billigste: 130 Quadratmeter, zwei Badezimmer, Stadtblick - 1,9 Millionen Dollar.

New Yorks Immobilienmarkt brummt, und One Riverside Park ist einer der Hits. 210 der 219 Wohnungen in dem 33-stöckigen, fast fertigen Glasturm auf der Upper West Side sind bereits verkauft, für bis zu 25 Millionen Dollar. "New Yorks edelste Adresse", prahlt der Hochglanzprospekt.

One Riverside Park hat darüber hinaus aber noch etwas ganz Besonderes: Neben den Edelbleiben bietet es 55 Sozialwohnungen zur Miete - eine Konzession, mit der sich der Bauträger Extell Steuervergünstigungen und bessere Zinsen sicherte. Diese Billig-"Einheiten" kosten höchstens 1100 Dollar im Monat - knapp ein Drittel der Durchschnittsmiete in Manhattan.

Die Großzügigkeit hat freilich ihre Grenzen: Der Sozialtrakt ist vom feineren Teil des Hauses hermetisch getrennt, erreichbar nur durch einen Hintereingang.

"Poor door" heißt diese skurille, doch in New York nicht unübliche Erfindung. Eine Art Dienstbotentür für die armen Nachbarn: Zynischer lässt sich der Konflikt von Haben und Nichthaben hier kaum darstellen.

Samtsofas und Orchideen: Verkaufslobby für Luxuskäufer Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Samtsofas und Orchideen: Verkaufslobby für Luxuskäufer

In One Riverside Park schreiten die Millionäre durch die Hauptpforte in eine Kalkstein-Lobby mit handgeblasenen Kronleuchtern. Die Mieter hingegen kommen durch eine Tür auf der Rückseite in ein separates Foyer - mit separaten Aufzügen und separaten Fluren. Die Rechtfertigung: Baulich ginge das nicht anders.

"Abstoßend", schimpft die Stadträtin Helen Rosenthal, die die Upper West Side vertritt. Gesonderte "Türen für Arme", sagt die Demokratin, seien eine Unsäglichkeit. Wie in den Zeiten der Segregation, als Weiße und Schwarze getrennt leben, essen und kaufen mussten. Die Türen "vertiefen die Kluft zwischen Arm und Reich."

In keiner US-Großstadt ist diese Kluft tiefer als in New York - und in keiner wird das an der Skyline sichtbarer. Der neue Bürgermeister Bill de Blasio trat zwar als Klassenkämpfer an. Doch es fällt ihm schwerer als gedacht, die Fußstapfen seines großbürgerlichen Vorgängers Michael Bloomberg zu verwischen.

Travertinstein und Kronleuchter: Eingang für Millionäre (im Bau) Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Travertinstein und Kronleuchter: Eingang für Millionäre (im Bau)

Zum Beispiel eben die "poor doors". In New York dürfen Immobilienunternehmen höher, größer und billiger bauen, wenn sie im Paket einen festen Anteil an Sozialwohnungen bereitstellen. Das Problem: Die reichen Käufer wollen, so die Erfahrung, ungern mit den ärmeren Mietern gesehen werden - geschweige denn die tollen, "exklusiven" Gemeinschaftsanlagen mit ihnen teilen.

In One Riverside Park sind das unter anderem ein Portier, ein 23-Meter-Pool, ein Sportstudio mit Spa und Squash-Halle, ein Billiardzimmer und ein Kinosaal. Statt sich für die Zwei-Klassen-Gesellschaft zu schämen, packten die Planer die Mietwohnungen in einen separaten Sandsteinflügel.

One Riverside Park ist nicht das einzige segregierte Projekt. Zwei Straßen weiter baut der Großinvestor Larry Silverstein, der auch für Teile des World Trade Centers verantwortlich zeichnet. Er kaufte das Grundstück mit seinem Partner, dem israelischen Immobilienkonzern Elad, berüchtigt durch seinen spekulativen An- und Verkauf des ikonischen Plaza Hotels.

Silversteins One West End Avenue wird ein ähnlicher Klotz wie One Riverside Park: 250 Luxusapartments auf 41 Etagen, plus 166 Sozialwohnungen in einem Sonderflügel - der sogar eine eigene, vollmundig-patriotische Adresse bekommen soll: Ten Freedom Place.

Fotostrecke

17  Bilder
Luxusimmobilien-Boom: Manhattans neuer Höhenrausch

Fünf weitere "Poor door"-Projekte sind nach Angaben von Rosenthal allein auf der Upper West Side in Planung. Armentüren gibt es auch schon im Brooklyner Trendviertel Williamsburg.

Bürgermeister de Blasio will die Baugesetze nun ändern: "Wir werden keine separaten Eingänge aufgrund von Einkommen mehr erlauben", ließ er erklären. Doch neue Vorschriften brauchen mindestens neun Monate, um sich durch New Yorks komplexen Gesetzgebungsapparat zu quälen.

Bis dahin bieten die Bauherren einen Kompromiss: Sie wollen die Armen-Lobbys mit edleren Materialien aufhübschen - ein "erstklassiges Eingangserlebnis", wie Silversteins Adjutant Janno Lieber verspricht. Zudem sollen die Sozialmieter Zugang zum gemeinsamen Grillhof bekommen.

Der Pool auf dem Dach aber, der bleibt ihnen auch weiter versperrt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 139 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wer's braucht
alexhent 30.10.2014
Ist doch völlig egal, durch welche Tür man in die eigene Wohnung gelangt. Hauptsache diese ist so eingerichtet, dass man sich wohl fühlt.
2. ...und??
Philibus 30.10.2014
Sollen in den 1100 Dollar etwa Pool, Sportstudio, Spa, Squash und Billiardzimmer inbegriffen sein? Unsinnig sind die Vorschriften, die New York erlassen hat. Die werden nun halt peinlich genau umgesetzt. Die Alternative wäre, dass die 1100-Dollar Wohnungen nicht im Zentrum, sondern irgendwo draussen in der Pampas gebaut werden. Aber dann wird ja auch wieder rumgeheult, ..
3. London
karend 30.10.2014
Das gibt's ebenfalls in London. http://www.theguardian.com/society/2014/jul/25/poor-doors-segregation-london-flats Wer weiß, vielleicht wird es demnächst auch in Deutschland getrennte Eingänge geben.
4. Wär mir egal
spon-facebook-1293013983 30.10.2014
Wenn ich in NY so eine Wohnung hätte, wäre mir auch der Hintereingang egal. Ich glaube, die Nachbarn auf der anderen Seite wären mir ebenfalls unangenehm. Reiche, versnobte Schnösel - wer braucht das schon?!? ;)
5.
barlog 30.10.2014
Schönes Beispiel für die fortgeschrittene Entsolidarisierung im "gelobten" Land und Ausblick auf kommende Entwicklungen hierzulande.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: