Porsche und VW Wiedeking provoziert - Winterkorn ramponiert

Ständige Veränderung ist für Porsche-Chef Wiedeking Programm: Forsch stellt er den Haustarifvertrag bei Volkswagen in Frage - und bringt damit seinen Kollegen Winterkorn mächtig in die Bredouille. Es droht der öffentliche Bruch mit dem Betriebsrat.


Hamburg - "Anders ist besser", heißt das im vergangenen Jahr veröffentlichte Buch von Wendelin Wiedeking. Darin beschreibt der Porsche-Chef, wie er aus dem Stuttgarter Sportwagenhersteller, der lange Zeit als zu klein zum Überleben galt, den profitabelsten Autobauer der Welt formte. Außerdem schreibt er, was andere Manager alles falsch machen: "Unternehmen dürfen nicht nur Kosten kappen, um schnelle Profite zu machen, sondern sie müssen ein langfristiges Ziel haben, eine Vision." Und er widerspricht der ausschließlichen Orientierung am Aktienkurs: "Der Aktionär steht keineswegs im Mittelpunkt aller Überlegungen und Entscheidungen, sondern der Kunde."

Wiedeking (links), Winterkorn: Spitze Bemerkungen über die Wolfsburger
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Wiedeking (links), Winterkorn: Spitze Bemerkungen über die Wolfsburger

In diesen Tagen dürften Volkswagen-Mitarbeiter intensiv nachlesen, wie sich Wiedeking das ideale Unternehmen vorstellt. Denn eine knappe Woche vor Beginn der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main hat der Porsche-Manager öffentlich den Volkswagen-Betriebsrat attackiert. Aus den gelegentlich gestreuten spitzen Bemerkungen darüber, was er beim größten deutschen Autokonzern alles anders machen würde, ist eine Krise geworden. Wiedeking hat den Haustarifvertrag der Wolfsburger und damit die Mitbestimmung in Frage gestellt - und damit konkretisiert, was er ein paar Tage vorher nur angedeutet hatte mit den Worten, man müsse "permanent alles hinterfragen", es dürfe "keine heiligen Kühe geben, denn die gibt es auch bei Porsche nicht".

Damit steht für VW-Mitarbeiter die Frage im Raum, ob die fetten Jahre für sie vorbei sind, wenn Porsche Chart zeigen die Mehrheit bei Volkswagen Chart zeigen übernimmt. Bislang verdienen die Wolfsburger im Vergleich zur Branche überdurchschnittlich viel. Porsche, so die Befürchtung bei den VW-Leuten, wolle da möglicherweise ran. Die Stuttgarter sind mit 31 Prozent größter VW-Aktionär und wollen, wie Wiedeking sagt, ihre Beteiligung ausbauen. "Je höher die Beteiligung ist, desto mehr werden wir wahr- und ernst genommen", hatte Wiedeking kürzlich auf die Frage geantwortet, was Porsche mit 50 Prozent an VW tun könne, was nicht schon mit 31 Prozent machbar sei. Bei Porsche heißt es, man habe sich schon Optionen gesichert und sei deshalb unabhängig von eventuellen Kurssprüngen der VW-Aktie.

In 15 Jahren zum profitabelsten Autokonzern der Welt

Der Großaktionär will noch größer werden - Änderungen bei VW wären damit gewiss. Wiedeking, der Diplom-Ingenieur, der 1983 als Vorstandsassistent bei Porsche anfing, Ende der Achtziger für ein paar Jahre zu einem familieneigenen Automobilzulieferer wechselte, um dann 1991 Porsche-Vorstand für Produktion und Materialwirtschaft zu werden, liebt die Veränderung. 1993 übernahm er den Porsche-Vorstandsvorsitz - und seither ist Veränderung Programm.

Der Sportwagenhersteller habe bereits vor 15 Jahren damit begonnen, sich intensiv um schlanke Prozesse zu bemühen und sei damit schon sehr weit gekommen, sagte Wiedeking den "Stuttgarter Nachrichten" diese Woche. "Aus diesem Verständnis heraus haben die Führungskräfte und Mitarbeiter bei Porsche keine Angst vor Veränderungen. Im Gegenteil: Veränderung ist Bestandteil unseres Denkens. Da es nach meiner Überzeugung im VW-Konzern noch viel Potenzial gibt, muss auch dieses Denken gefördert werden."

In der "Financial Times Deutschland" stellte Wiedeking nun den Haustarifvertrag und die Mitbestimmung bei Volkswagen öffentlich in Frage. Sollte Porsche eines Tages eine Mehrheitsbeteiligung an Volkswagen halten, könnte das dazu führen, dass das eine oder andere bei VW überdacht werden müsse.

"Wiedekings Aussagen ziehen mir die Schuhe aus"

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh wies die Darstellung Wiedekings zurück, bei Haustarifvertrag und Mitbestimmung handele es sich um "heilige Kühe". Vielmehr stehe der Autokonzern auch wegen der vereinbarten Tarifabschlüsse so gut da. Volkswagen sei bei Absatz, Umsatz und Ergebnis auf dem richtigen Weg. Volkswagen-Konzernchef Martin Winterkorn wird sich spätestens auf der IAA eine Menge Fragen gefallen lassen müssen, inwiefern Wiedekings Äußerungen sich mit seinen eigenen Plänen decken.

Die IG Metall drohte Wiedeking derweil mit einem Großkonflikt, sollte der Porsche-Chef den Haustarifvertrag oder die Mitbestimmung antasten. Solche Angriffe würden nicht hingenommen, sagte der niedersächsische IG-Metall-Chef Hartmut Meine. Wer Haustarifvertrag oder Mitbestimmung in Frage stelle, "muss mit erheblichem Widerstand der Beschäftigten rechnen", sagte er heute in Hannover. Der "Wolfsburger Allgemeinen Zeitung" sagte Meine, Wiedekings Aussagen "ziehen mir wirklich die Schuhe aus". Einen Abbau der Mitbestimmung bei VW habe schon einmal jemand versucht und sei damit "kläglich gescheitert".

Der IG-Metall-Bezirkschef wies damit indirekt auf den früheren VW-Markenchef Wolfgang Bernhard hin, der die Kernmarke saniert hatte. Bernhard hatte versucht, unprofitabel arbeitende Komponentenwerke zu schließen und zu verkaufen. Im Rahmen eines Tarifabschlusses hatte die IG Metall dies verhindert, musste im Gegenzug aber eine längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich akzeptieren.

Wiedeking wird sich von seinen Plänen kaum abbringen lassen, zumal ihm der Erfolg bei Porsche Recht gibt. Seine Pläne hat er in klaren Worten gestreut. Und seinem Buch zufolge sind ihm "die allgemeine Doppelzüngigkeit und Widersprüchlichkeit" in den Konzernetagen zuwider. Er wird sich wohl an seine Worte halten.

kaz



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