Postzusteller Pin-Chef Thiel gibt auf

Gespräche umsonst, Verhandlungen gescheitert: Der Chef und Minderheitsgesellschafter des angeschlagenen Briefzustellers Pin Group tritt zurück. Gleichzeitig zieht er sein Übernahmeangebot zurück - und richtet bittere Vorwürfe an den Springer-Verlag.


Berlin - Ein Grund für den überraschenden Rücktritt von Günter Thiel ist das Verhalten des Springer-Verlags während der Verhandlungen: "Die Kommunikation des Hauses Springer während der Verhandlungsphase entbehrte jeder geschäftsüblichen Praxis und diente aus meiner Sicht alleine dem Zweck, die Verhandlungen von vornherein zu torpedieren", heißt es nach Informationen des SPIEGEL in einem Schreiben des Pin-Chefs an Springer-Chef Mathias Döpfner. "Darüber hinaus gipfelt sie seit gestern in den Medien in verleumderischen Aussagen und tendenziöser Berichterstattung gegen meine Person." Thiel hatte Springer für die Anteile am Unternehmen einen symbolischen Euro geboten.

Ein Briefzusteller der Pin Group: Insolvenz wird wahrscheinlicher
DPA

Ein Briefzusteller der Pin Group: Insolvenz wird wahrscheinlicher

Ebenso bittere Worte richtet Thiel auch an den Verwaltungsratschef der Pin Group, Bodo Hombach: Er trete auf Grund der "gestörten Vertrauenslage mit dem Mehrheitsaktionär und insbesondere auf Grund der Ereignisse der letzten Tage" zurück. "Ich bedauere sehr, dass der Mehrheitsaktionär nicht an die Zukunft des Unternehmens glaubt", schreibt Thiel weiter. Er bedauere persönlich den Verlust der Arbeitsplätze von mehr als 11.000 Mitarbeitern, sofern der Mehrheitsaktionär sich nicht sehr kurzfristig gegenüber der Gesellschaft klar bekenne.

Die Verhandlungen mit Springer waren gestern gescheitert. Eine Insolvenz des Unternehmens wird damit wahrscheinlicher. Springer hatte vergangene Woche angekündigt, dem Unternehmen kein Geld mehr zuschießen zu wollen. Begründet wurde dies mit dem Beschluss des Bundestags, einen Mindestlohn in der Postbranche einzuführen. Bislang hat Springer 620 Millionen Euro in Pin investiert. Pin-Chef und Minderheitsgesellschafter Thiel wollte dem Axel-Springer-Verlag die Mehrheit der angeschlagenen Pin-Gruppe zu dem symbolischen Preis abkaufen. Er hatte sein Angebot allerdings bis gestern befristet.

Berater attestieren Überlebensfähigkeit

Springer-Sprecherin Edda Fels wollte vorerst keinen Kommentar geben. Es müsse das Ergebnis der Pin-Verwaltungsratssitzung abgewartet werden. Die Frage, ob die Insolvenz der Pin Group mit dem Rückzug Thiels unabwendbar sei, wollte die Sprecherin nicht beantworten. Der Verwaltungsrat der Pin Group tagt heute in Düsseldorf, "um über das weitere Vorgehen zu beraten". Dort wird auch das Gutachten des Unternehmensberaters Roland Berger diskutiert, das Pin Überlebensfähigkeit attestiert, sofern weitere Mittel von den Gesellschaftern bereitgestellt werden.

Knackpunkt der Verhandlungen zwischen Springer und Pin war zum Schluss die Höhe eines sogenannten Besserungsscheins, bei dem Springer nach einer Sanierung oder bei einem späteren Verkauf der Pin-Gruppe noch Geld bekommen würde. Springer sei laut Medienberichten zwischenzeitlich "offenbar bereit" gewesen, die Pin-Anteile abzugeben, wenn er dafür bis Ende 2015 30 Prozent der Gewinne oder 60 Prozent eines Verkaufserlöses bekommen würde, hieß es. Thiel hatte zuletzt von 10 auf 15 Prozent für die jeweiligen Fälle erhöht.

sam/AP/dpa/dpa-AFX



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