PR-Querkopf Kocks "Lügner reden immer nur von Notlügen"

PR-Berater lügen, sagt der PR-Berater und frühere VW-Sprecher Klaus Kocks - und erregt damit den Zorn seiner Kollegen. Ein Interview über Moral, Wahrheit und seine Behauptung, dass Angela Merkel alles richtig macht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Kocks, Sie als PR-Berater sagen: "PR-Berater lügen." Damit stehen wir vor dem Problem, dass wir Ihnen eigentlich nichts glauben können, oder?

PR-Berater Kocks: "Der käufliche Intellektuelle"
CATO

PR-Berater Kocks: "Der käufliche Intellektuelle"

Klaus Kocks: Das würde ich Ihnen dringend raten. Selbstverständlich müssen Sie als aufgeklärter Mensch immer davon ausgehen, dass ich lüge. Sie müssen sogar befürchten, dass ich die Wahrheit sage, ohne dass Sie es merken.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Branche haben Sie sich mit Ihrer Aussage ziemlich unbeliebt gemacht. Sie sind sogar aus dem Berufsverband, der Deutschen Public Relations Gesellschaft, ausgeschlossen worden.

Kocks: Das ist ein wirkliches Phänomen. In diesem Verein treffe ich auf Menschen, die ich seit 20 Jahren kenne und die aus den banalsten Anlässen das Blaue vom Himmel herunterlügen. Und die fragen mich dann: "Wie kannst du so etwas sagen?"

SPIEGEL ONLINE: Und was antworten Sie?

Kocks: Wir alle leben in Doppelmoral, Redlichkeit besteht darin, es zuzugeben. Nehmen Sie an, Sie haben als PR-Mann jahrelang bei Opel gearbeitet, und jetzt sind Sie bei Ford. Hatten Sie plötzlich ein Erweckungserlebnis und wussten, Ford ist besser? Oder gestehen Sie die einfache Wahrheit ein: 'Ich bin vier Jahre bezahlt worden, um die Autos von denen hochzujubeln, und jetzt werde ich von jemand anderem bezahlt, um dessen Autos hochzujubeln.' Aber so redlich sind meine Kollegen nicht, die sagen: "Nein, wirklich lügen würde ich nicht. Allenfalls mal eine Notlüge." Lügner reden immer nur von Notlügen.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten auch, Ehrlichkeit sei für die Politik kein relevantes Kriterium.

Kocks: Richtig. Und das ist kein Zynismus, das ist der Zustand des Aufgeklärtseins. Die Wahrheitskategorie hat mit Geschäften nichts zu tun. Ein Autohändler möchte Geschäfte machen, und ein Politiker möchte das auf einer anderen Ebene auch. In Demokratien müssen Sie Machtausübung - zynisch könnte man sagen: leider - legitimieren. Deshalb müssen Sie die Leute von Ihren politischen Maßnahmen überzeugen. Dass es dabei nicht um die reine Wahrheit geht, ist mittlerweile Allgemeingut. Auf die Frage: 'Glauben Sie Politikern?', antworten nur 15 Prozent uneingeschränkt mit ja. Und die müssen Sie im Grunde genommen zum Arzt schicken.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Konzept von Politikberatung beruht darauf, Aufmerksamkeit für Ihre Klienten zu erregen. Wie machen Sie das?

Kocks: Man muss unterscheidbare Merkmale herausbilden und überbetonen. Man muss eine relativ komplexe Persönlichkeit in ein Rollenkonzept überführen. Dieses Rollenkonzept muss einfach, klar und erinnerbar sein. Und es muss tradierten, in unserer Kultur verwurzelten Rollenkonzepten entsprechen. Wer Homer und die Bibel nicht gelesen hat, wird kein guter PR-Berater. Gerhard Schröder hat die Bundestagswahl 2002 auch dank eines sehr medienwirksamen Auftritts bei der Elbeflut in Ostdeutschland gewonnen. Schröder hat in Gummistiefeln und grünem Bundeswehrparka den Christopherus und den Moses gegeben. Und das haben wir deshalb so schnell verstanden, weil wir diese Rollen kennen.

SPIEGEL ONLINE: Also geht es in der politischen Auseinandersetzung darum, wer der bessere Schauspieler ist?

Kocks: Es geht um fiktionale Glaubwürdigkeit. Wir können einen Politiker nicht als Person beurteilen, weil wir ihn nicht wirklich kennen, sondern nur in seiner Rolle. Die kann er authentischer oder weniger authentisch spielen. Authentizität ist eine bestimmte Art der Inszenierung, auf die wir mit der Zubilligung von Vertrauen reagieren. Authentizität ist aber nicht Wahrheit: Leute, die im Stadttheater sitzen und den Hamlet sehen, glauben doch nicht, sie wären jetzt wirklich in Dänemark und es wären Geister da.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Wähler erwartet doch etwas anderes als eine Theateraufführung.

Kocks: Nein, tut er nicht. Erstens: Der Wähler will nicht gelangweilt werden. Zweitens: Der Wähler will nicht - und dafür werde ich mir noch einen akademischen Ausdruck ausdenken - er will nicht verarscht werden. Wenn Sie eine Rotlicht-Bar betreten und zahlen dort für eine Flasche Sekt 250 Euro, sind sie geneppt worden. Aber das hätten Sie wegen der roten Lampe wissen können. Als Wähler möchte ich mich nicht als Betrugsopfer fühlen. Fiktionale Glaubwürdigkeit ist die entscheidende Kategorie, sie erzeugt die Bereitschaft der Leute, den von der Politik vorgezeichneten Weg mitzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle würden Sie uns denn empfehlen, wenn wir bei der nächsten Wahl gegen Angela Merkel antreten wollten?

Kocks: Spontan fällt mir keine ein. Und in jedem Fall ist Angela Merkel eine schwierige Gegnerin. Als ich sie 1990 zum ersten Mal getroffen habe, war sie stellvertretende Regierungssprecherin unter Lothar de Maizière und trug Sandalen mit weißen Socken. Die Genialität ihrer politischen Rolle liegt darin, dass sie das nicht verleugnet. Das ist die Widerspruchsfreiheit. Widerspruchsfreiheit heißt: Selbstverständlich kann man nicht aus jedem alles machen. Die Rolle muss schon passen und man muss ihr in gewisser Weise treu bleiben. Joschka Fischer hat beispielsweise in seiner Selbsterfahrungsbeichte "Mein langer Lauf zu mir selbst" das Rollenkonzept aufgestellt, dass der magere Fischer seine wirkliche Identität sei. Ja, dann darf er anschließend nicht wieder mit so einer Plauze kommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Rolle von Frau Merkel haben Sie als Aschenputtel-Konzept beschrieben: der Aufstieg einer Unterschätzten.

Kocks: Ja, und sie könnte keinen größeren Fehler machen, als sich übermäßig schick anzuziehen und zu frisieren. Möglicherweise sieht sie das selbst gar nicht so. Aber es funktioniert bei ihr.

SPIEGEL ONLINE: Ist negative Aufmerksamkeit genauso gut wie positive Aufmerksamkeit? Kann es eine Strategie sein, jemandem negative Aufmerksamkeit zu verschaffen?



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