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Präsident abgetaucht: Bush flieht vor der US-Rezession - Ansehen stürzt auf Tiefstwert

Von , New York

Keine Führung, kein klares Wort: Die USA steuern in die Rezession - doch George W. Bush überlässt das Krisenmanagement anderen. Er hält Kriegsreden, begrüßt Sportangler und genießt die internationale Bühne des Nato-Gipfels, während sein Ansehen daheim auf ein Rekordtief fällt.

New York - Im US-Senat war an diesem Donnerstag Krimistunde. Ein Wirtschaftskrimi wurde dort nachgespielt - der Untergang der Investmentbank Bear Stearns.

Erstmals waren, auf Vorladung des Bankenausschusses, alle Akteure des Dramas an einem Ort versammelt: Notenbankchef Ben Bernanke, sein New Yorker Adlatus Tim Geithner, US-Börsenoberaufseher Christopher Cox, Bear-Stearns-Noch-Boss Alan Schwartz. Und Jamie Dimon, der Vorstandsvorsitzende der Großbank JP Morgan Chase, die Bear Stearns spottbillig aufgekauft hat.

Bush in Rumänien: Immer wieder ist anderes wichtiger als die Krise
AP

Bush in Rumänien: Immer wieder ist anderes wichtiger als die Krise

Stundenlang zeichneten die Zeugen unter den scharfen Fragen der Senatoren nach, unter welch abenteuerlichen Umständen der Bear-Stearns-Deal ablief - und wie dabei der Kollaps des gesamten US-Kreditwesens gerade noch abgewendet worden sei.

Was wäre passiert, wenn die Rettung gescheitert wäre? Geithner: "Niedrigere Einkommen für arbeitende Familien, höhere Kosten für Immobilienkredite, Bildung und Lebenshaltung, geringere Werte von Rentenersparnissen und wachsende Arbeitslosigkeit."

Es war ein packendes Schauspiel. Vor allem Schwartz wirkte angemessen demoralisiert. Seine Krawatte saß halb schief, die Stimme klang müde. Er beklagte das Ende seines Konzerns: "Ich habe mir nie träumen lassen, dass das so schnell geschehen würde." Es ist eine nationale Tragödie, 14.000 Bear-Stearns-Angestellte verlieren ihre Jobs und Altersrücklagen. Doch darüber hinaus entspann sich eine breitere Diskussion über die Lehren und die Lage der US-Konjunktur. Cox, der Chef der Börsenaufsicht SEC, klagte: "Es herrscht absolut keine Frage, dass wir mehr gelernt haben, als viele von uns lernen wollten."

Die Anhörung, live im Fernsehen übertragen, zog sich vom Morgen bis in den Nachmittag über viele Stunden - doch ein Name fiel bei all dem kein einziges Mal: George W. Bush.

Der spielte in dieser Woche lieber den Staatsmann in Bukarest und überließ den Spießrutenlauf im Kongress der zweiten Riege.

Der große Unsichtbare

Nicht von ungefähr. In der eskalierenden Finanz- und Konjunkturkrise ist der US-Präsident bisher weitgehend unsichtbar geblieben. Keine Führung, kein klares Wort. Als wolle er das Problem wegignorieren, widmet sich Bush lieber Nato-Gipfeln, Irak-Ansprachen und Kinderfesten im Garten des Weißen Hauses.

"Bush losgelöst von den wirtschaftlichen Nöten der Nation", diagnostiziert die "New York Times" spitz. Und erinnert spöttisch an Bushs Antwort auf eine Reporterfrage, was er denn von der drohenden Benzinpreis-Explosion auf vier Dollar pro Gallone halte: "Hatte ich noch gar nicht gehört." Was wiederum an Bushs ähnlich entrückten Vater erinnert, der sich einst in einem Supermarkt völlig fasziniert zeigte von - einem Kassen-Scanner.

Dass Bush sich bei der Bewältigung der US-Konjunkturkrise wegduckt, provoziert Unmut. Nur noch ein Viertel aller Amerikaner traut es ihm zu, die Lage zu richten. 81 Prozent sagen in einer aktuellen Umfrage von CBS und der "New York Times", das Land befinde sich "ernsthaft auf falschem Kurs" - so viele wie seit Anfang der neunziger Jahre nicht mehr. 64 Prozent machen Bush persönlich verantwortlich, 71 Prozent missbilligen vor allem, wie er die Wirtschaft handhabt. Auch das ist ein Negativrekord.

Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, rief Bush vergeblich auf, einen überparteilichen Krisengipfel zur Wirtschaft einzuberufen. An seiner Statt mussten bisher Bernanke und Finanzminister Henry Paulson als Krisenmanager herhalten. Dabei ist Bush der erste US-Präsident mit einem MBA – von der Uni Harvard, wohlgemerkt.

Wie nonchalant er jener Krise gegenübersteht, die die meisten Amerikaner längst als ihr "wichtigstes Problem" ansehen, zeigte sich erstmals Mitte März. Da wagte Bush einen seltenen Ausflug in die Welt der Hochfinanz, zum New Yorker Economic Club. Er spöttelte vor den Wall-Street-Bankern: "Es scheint, als wäre ich in einem interessanten Augenblick gekommen."

48 Stunden später wurde das Schicksal von Bear Stearns besiegelt.

Don't mention the R word

Anders als Bernanke weigert sich Bush auch, das Wort "Rezession" in den Mund zu nehmen. Selbst Ronald Reagans Ex-Stabschef Ken Duberstein rügt Bushs mangelndes Profil. "Er redet zwar von der Wirtschaft, aber das wird nicht als ausreichende Reaktion angesehen", sagte er "New York Times".

Das Weiße Haus weist solche Kritik natürlich kategorisch zurück. "Er steht sehr wohl in Fühlung mit der Wirtschaft", beharrt Bushs Sprecher Tony Fratto. "Er redet sehr, sehr oft über die Wirtschaft."

Doch Bushs Terminplan erzählt eine andere Geschichte. Am Tag des Untergangs von Bear Stearns zum Beispiel, als die Fed mit einer beispiellosen 30-Milliarden-Dollar-Finanzspritze eingriff, beschränkte sich Bush auf ein legeres Statement am Kabinettstisch ("Wir befinden uns in herausfordernden Zeiten"). Er verband es mit einem Dank an Finanzminister Paulson, dass er "das Wochenende durchgearbeitet" habe. Das Protokoll des Weißen Hauses notiert als Beginn der Erklärung zum bisherigen Höhepunkt der Krise 9.40 Uhr. Sie endete um 9.41 Uhr.

Zwei Tage später begab sich die Wall Street auf eine erneute Achterbahnfahrt. Im Kongress wurden Rufe nach stärkerer Regulierung der Großbanken laut. "Dies ist ein Kampf, den Amerika gewinnen kann und muss", rief auch Bush. Allerdings meinte er nicht die Finanzkrise, sondern den Irak-Krieg, zu dessen fünftem Jahrestag er sich ins Pentagon bemüht hatte, um seinen Offizieren Mut zuzusprechen.

"Es gibt nichts Besseres als Angeln"

Am Ostermontag, als die letzten, dramatischen Feinheiten für die Beerdigung von Bear Stearns geregelt wurden, sprach Bush von einem "besonderen Tag" - flankiert von einem Komparsen im Osterhasenkostüm, an die Adresse Hunderter Kinder, die zum traditionellen Ostereier-Wettlauf im Garten des Weißen Hauses herumtobten. Die fröhliche Feier stand, wie Bush betonte, unter dem Motto "Erhalt der Ozeane".

Auch tags darauf - kein Wort zur Krise. Stattdessen empfing Bush im Oval Office die Gewinner des Sportangelturniers "Bassmaster Classic". Denn das, versicherte er den Journalisten, liege ihm ganz besonders am Herzen: Er wolle "die Leute zum Angeln ermuntern, es gibt nichts Besseres als Angeln".

Es ist ja nicht so, dass Bush keine Zeit hätte. In der vergangenen Woche flog er nach Ohio, um eine weitere Kriegsrede zu halten. Er warf den ersten Ball beim Eröffnungsspiel für Washingtons neues Baseballstadion (und wurde ausgebuht). Er nahm den Rücktritt seines skandalumwitterten Bauministers Alphonso Jackson entgegen, der für die Hypothekenkrise mitverantwortlich war und dessen Karriere er zum Abschied "eine großartige amerikanische Erfolgsgeschichte" nannte.

Falsch verbunden

Immerhin: Am Samstag widmete er seine Radioansprache der Krise - indem er vor zu großer Einmischung des Staates in das Finanzdebakel warnte. Er beruhigte die Amerikaner, ihre 600-Dollar-Schecks aus seinem Wirtschaftsbelebungsplan seien in der Post. Darüber hinaus begnügte er sich mit der lakonischen Feststellung: "Die Probleme am Immobilienmarkt sind kompliziert."

Ach ja, und vorige Woche besuchte er eine Kreditberatung in New Jersey. Als er vor den Kameras auf die Hilfsstelle des Weißen Hauses für Hypothekenschuldner hinwies, las er die falsche Telefonnummer vor - zum zweiten Mal binnen weniger Tage. Zuvor hatte er aus Versehen die Nummer einer christlichen Bildungsakademie in Dallas genannt.

Manche begrüßen es daher sogar, dass sich Bush im Hintergrund hält. Etwa der Satiriker Andy Borowitz, der sich ausmalt, was passieren würde, sollte sich Bush wirklich zur Krise bekennen: "Börse stürzt ab - globale Finanzpanik". Der Rat des Komikers: "Bush für den Rest seiner Amtszeit nach Disneyworld schicken."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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1. Bush flieht vor der Rezession
petsche 04.04.2008
Bushs sogenanntes " Abtauchen " vor den hauptsaechlich von ihm selbst verursachten Wirtschaftproblemen der USA ist auch nur ein weiteres Zeichen seiner Inkompetenz fuer das Amt des US Praesidenten.
2. auf den punkt
mike bols 04.04.2008
"Bush für den Rest seiner Amtszeit nach Disneyworld schicken." bringt es genau auf den punkt. 'nuff said.
3. Selbst schuld...
Corenn 04.04.2008
Amerika hat den Präsidenten, den es verdient. Würde nicht die ganze Welt unter seiner Unfähigkeit leiden, könnte man eigentlich darüber lachen. Bleibt letztlich die Hoffnung, dass die Amerikaner bei den nächsten Wahlen eine bessere Wahl treffen.
4. Eindeutig
mezzotinto 04.04.2008
Ich bin mehr und mehr überzeugt davon, dass Herr Bush sich so verhält wie er es tut, weil er schlicht und ergreifend die Vorgänge überhaupt nicht verstanden hat. Auch sein "Georgien-Ukraine-Fiasko" ist vermutlich darauf zurückzuführen.
5. zum glück für amerika
freqnasty, 04.04.2008
tut dubya diesmal ausnahmsweise instinktiv das richtige, und hält sich aus dingen, von denen er ohnehin nichts versteht, auch raus.
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