Preisexplosion bei Lebensmitteln Die grenzenlose Wut der Hungernden

Weltweit hungern 850 Millionen Menschen. Ihre Verzweiflung löst Revolten in Nordafrika, Asien und Lateinamerika aus. Weltbank und Internationaler Währungsfonds warnen davor, dass regionale Mächte wie Ägypten kollabieren könnten, wenn die Lebensmittelpreise weiter drastisch steigen.


Fort Dimanche, ein ehemaliges Gefängnis in den Hügeln über Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, ist die Hölle auf Erden. Früher folterten hier die Tontons Macoutes, die Todesschwadronen von Diktator "Baby Doc" Duvalier. Heute hausen Tausende Habenichtse auf dem Gelände und wühlen in Müllhaufen, doch selbst Hunde finden hier kaum Nahrung.

Auf dem Dach des einstigen Kerkers legen erfinderische Frauen etwas aus, das an Kekse erinnert und auch so genannt wird. Die wichtigste Zutat bringen Lastwagen aus den nahen Bergen, es ist gelber Lehm, der mit etwas Salz und Pflanzenfett zu einem Teig verrührt wird und dann in der Tropensonne trocknet.

Für viele Haitianer sind Lehmkekse die einzige Mahlzeit. Sie schmecken nach Fett, saugen die Feuchtigkeit aus dem Mund und hinterlassen einen Nachgeschmack von Dreck. Häufig verursachen sie Durchfall, aber sie betäuben das Hungergefühl. "Ich hoffe, dass ich eines Tages auf sie verzichten kann", sagt Marie Noël, 40, die ihre sieben Kinder mit dem erdigen Fraß durchbringt. Der Lehm für 100 Plätzchen kostet fünf Dollar; binnen eines Jahres ist der Preis um 1,50 Dollar gestiegen, also um rund 40 Prozent. Ähnlich ist es bei den Grundnahrungsmitteln. Man bekommt allerdings mehr Kekse als Brot oder Maisfladen fürs Geld. Die tägliche Schüssel Reis ist kaum noch erschwinglich.

In der vergangenen Woche brachen deshalb auf Haiti Revolten aus, eine flaschen- und steinewerfende Menge zog durch Port-au-Prince. Vor dem Präsidentenpalast skandierte sie: "Wir haben Hunger!" Es gab Tote, Autoreifen brannten. Es war eine dieser Rebellionen, die sich zurzeit weltweit häufen und die wohl nur Vorboten dessen sind, was noch kommt.

Nahrung wird immer knapper, immer teurer, sie ist für viele Menschen schon unbezahlbar. Die reichsten 200 Individuen besitzen so viel Geld wie gut 40 Prozent der Weltbevölkerung. 850 Millionen Menschen aber müssen jeden Tag hungrig schlafen gehen. Dieses Elend sei "eine der schlimmsten Verletzungen der Menschenwürde", sagt der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan.

Ist es verwunderlich, dass die Verzweiflung in Gewalt umschlägt?

Wie eine biblische Strafe trifft die Ernährungskrise die Armen dieser Welt - in Afrika, in Südasien, im Nahen Osten. Jahrelang waren die Preise für Reis, Mais und Weizen recht stabil geblieben, allein in den letzten drei Jahren aber sind sie um 181 Prozent gestiegen. Ein existentieller Engpass bahnt sich an, womöglich folgenschwerer als die Krise an den Finanzmärkten. Denn Hungernde haben nichts mehr zu verlieren, Hungernde haben grenzenlose Wut.

Am vergangenen Wochenende befassten sich die Weltbank und der Internationale Währungsfonds mit dieser transkontinentalen Existenzkrise. Weltbank-Präsident Robert Zoellick warnte davor, dass mindestens 33 Länder von Instabilität bedroht seien infolge der explodierenden Preise, darunter auch Regionalmächte wie Ägypten, Indonesien und Pakistan, wo die Armee Mehltransporte schützen muss. In Nordafrika lässt die Not islamische Bewegungen erstarken. In den letzten Wochen kam es auch in Kamerun (etwa hundert Tote), Mauretanien, Mosambik, Senegal und an der Elfenbeinküste zu Unruhen.

Gründe gibt es mehrere:

  • Die Weltbevölkerung nimmt unaufhörlich zu, die Anbauflächen nehmen ab.
  • Die Klimakatastrophe bewirkt teils irreversible Verluste an Agrarland durch Dürren, Fluten, Stürme, Erosion.
  • Wegen veränderter Essgewohnheiten werden immer mehr Äcker und Urwälder zu Viehweiden. Deren Ertrag, in Kalorien gerechnet, ist wesentlich geringer.
  • Die Weltbank verlangt von Entwicklungsländern Marktreformen, etwa Schutzzölle abzuschaffen, was der lokalen Landwirtschaft oft massiv schadet.
  • Spekulanten treiben die Rohstoffpreise hoch, und der hohe Ölpreis wiederum führt dazu, dass "Energiepflanzen" statt Korn oder Futtermais angebaut werden.
  • Millionen Bürgerkriegsopfer brauchen Nahrungshilfe, fallen selbst als Produzenten aus.

Es geht nicht bloß um einen akuten Engpass, sondern um eine weltweite, fundamentale Ernährungskrise. Sie trifft vor allem die Armen, die überproportional viel für Essen und Trinken ausgeben müssen. So wird der Fortschritt, der in den vergangenen Jahren bei der Bekämpfung von Hunger und Krankheit erzielt wurde, wieder zunichte gemacht.

Auswirkungen der Lebensmittelkrise
DER SPIEGEL

Auswirkungen der Lebensmittelkrise

Zu viele Menschen, zu wenig Ackerland: Ein Verteilungskampf um die besten Anbauflächen entbrennt da, ein neuer Nord-Süd-Konflikt. In diesen Tagen höre man ja viel über die weltweite Finanzkrise, sagt der US-Ökonom Paul Krugman, doch gleichzeitig sei eine andere Weltkrise in Gang gekommen, "und die trifft sehr viel mehr Menschen".

Mexikaner sind Anfang vorigen Jahres als Erste auf die Straße gegangen. Die Preise für Maismehl, den Grundstoff der Tortillas, hatten angezogen. Mexiko kann nur einen Teil seines Bedarfs decken, den Rest importiert das Land vorwiegend aus den USA. Dort aber verkaufen immer mehr Farmer ihren Mais an die Hersteller von Biosprit, denn die zahlen besser.

Um weitere Proteste zu verhindern, entschloss sich Präsident Felipe Calderón, den Mais noch stärker zu subventionieren als ohnehin schon. Das können sich aber nur halbwegs solvente Länder leisten. In Haiti oder Bolivien, in Algerien oder im Jemen schlägt die Inflation voll auf die Unterschichten durch.

Jemeniten verfügen durchschnittlich über 1,18 Euro am Tag. Ihre Regierung hat es mit einer Flüchtlingswelle aus Somalia, einem Bandenkrieg im Norden und dazu mit anhaltender Terrorgefahr zu tun. Seit Februar stiegen die Preise für Weizen um das Doppelte, für Reis und Speiseöl um ein Fünftel. Auch hier starben seit Ende März schon Menschen beim Kampf um billigeres Brot.

Im Libanon sind Lebensmittel im letzten Vierteljahr um 145 Prozent teurer geworden, in Syrien um ein Fünftel. "Sogar Petersilie, für die wir früher so gut wie gar nichts bezahlt haben, kostet jetzt plötzlich dreimal so viel", klagt ein Damaszener.

Irak und Sudan, einst Arabiens "Brotkammern", sind heute vom Welternährungsprogramm abhängig. Gut eine Million Iraker sind auf Hilfe angewiesen, im sudanesischen Darfur zwei Millionen. Hart war das Leben in Sudans Westprovinz Darfur immer schon. In den vergangenen vier Jahrzehnten ist die Sahara nach Süden gewandert. Die Niederschläge sind dramatisch gesunken. Der Ertrag an Sorghum, der wichtigsten Hirseart, könnte um zwei Drittel fallen.

Der Bürgerkrieg macht mehr als zwei Millionen Menschen in den Flüchtlingslagern vollständig von Nahrungsmittelhilfe abhängig. Seit Jahren werden die Felder nicht mehr bestellt. "Die Menschen sterben vor unseren Augen, und die Welt schaut zu", sagt Johan van der Kamp von der Deutschen Welthungerhilfe.



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