Preisexplosion Währungsfonds warnt vor weltweiten Hunger-Unruhen

Wirtschaftspolitiker sprechen vom "Konfliktherd der Zukunft": Rund um den Globus steigen die Nahrungsmittelpreise in drastischem Ausmaß. Ungewöhnlich klar warnt der Weltwährungsfonds nun vor Hunderttausenden Hungertoten - und vor weiteren Revolten wie auf Haiti.


Washington - Die steigenden Nahrungsmittelpreise waren ein wichtiges Thema beim Treffen von Weltwährungsfonds (IWF), Weltbank-Vertretern und Ministern der G-7-Staaten in Washington. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn warnte in Washington bei der Frühjahreskonferenz seiner Organisation: "Das könnte ein Konfliktherd für die Zukunft werden."

Hungerprotest auf Haiti: Ein "Monster" auf der Weltbühne
REUTERS

Hungerprotest auf Haiti: Ein "Monster" auf der Weltbühne

"Wenn die Lebensmittelpreise sich weiter so entwickeln wie zur Zeit..., werden die Auswirkungen schrecklich sein", sagte Strauss-Kahn auf einer Pressekonferenz. "Hunderttausende werden an Hunger sterben..., was zur Zerrüttung des wirtschaftlichen Umfelds führen wird", warnte der IWF-Chef. Auf diese Weise könnten die Entwicklungsfortschritte in armen Ländern der vergangenen fünf bis zehn Jahre "vollständig zerstört" werden.

In den vergangenen Monaten hatten gestiegene Lebensmittel- und Energiepreise in mehreren Ländern wie Haiti und Ägypten zu gewaltsamen Unruhen geführt. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück sprach in Washington mit Blick auf diese Entwicklung von einem "Monster", das die politische Weltbühne betreten habe.

"Ich betrachte die steigenden Lebensmittelpreise ... als eine Gefahr für Wachstum, Armutsbekämpfung, Stabilität und Frieden in der Welt", sagte auch deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Sie vertritt Deutschland im Entwicklungsausschuss der Weltbank und misst dem Problem große Sprengkraft zu. Der Preisanstieg bei Nahrungsmitteln könnte die Sicherheit in der Welt gefährden.

Sie machte besonders den Anbau von Pflanzen für Biosprit und damit verbunden die Biosprit-Strategie in Industrieländern verantwortlich. Die Beimischungspflichten für Agrarkraftstoffe zu normalen Kraftstoffen müssten daher erst einmal ausgesetzt werden. Nach ernstzunehmenden Untersuchungen gingen 30 bis 70 Prozent der Nahrungsmittel-Preissteigerungen auf den forcierten Anbau und die Verwendung von Pflanzen für Kraftstoffe zurück. "Die Beimischungsziele für Agrarkraftstoffe weltweit müssen auf den Prüfstand", forderte sie daher.

Die Ministerin argumentierte, es bringe für den Klimaschutz nichts, wenn dafür am Äquator die tropischen Regenwälder für die Produktion von Biosprit abgeholzt werden. Jeder Prozentpunkt höhere Lebensmittelpreise bedrohe zusätzlich 16 Millionen Menschen mit Hunger, erklärte die Ministerin. Betroffen seien speziell die Ärmsten der Armen in Entwicklungsländern. Die Erfolge der Entwicklungshilfepolitik in den letzten Jahren drohten in kürzester Zeit ausgewischt werden. Gefordert seien die reichen Länder mit Hilfen, aber auch die Entwicklungsländer mit mehr Ausgaben für die landwirtschaftliche Entwicklung.

Zu den Preissteigerungen trägt nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO aber auch das rasante Wirtschaftswachstum in den bevölkerungsreichen Schwellenländern China und Indien bei. Der dort wachsende Wohlstand lässt die Nachfrage nach Milch und Fleisch steigen und erhöht dadurch den Bedarf an auch als Viehfutter verwendetes Getreide.

Weltbank-Präsident Robert Zoellick schlug vor, dass die Staatsfonds dieser Welt ein Prozent ihrer Anlagesumme investieren sollten, um der Wirtschaft in Afrika Impulse zu geben. Gespräche dazu würden am Rande der Weltbank-Konferenz laufen.

itz/Reuters/AFP



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