Preisschub Regierung klagt über Raffgier der Milchhändler

Aufschläge von mehr als 50 Prozent, auch Aldi langt richtig zu - die Preissteigerungen für Milchprodukte wie Butter und Quark haben einen öffentlichen Aufschrei hervorgerufen. Selbst die Bundesregierung meldet sich zu Wort.


Berlin – Eine Sprecherin des Bundeslandwirtschaftsministeriums bezeichnete die Preiserhöhungen als übertrieben - trotz der Knappheit auf dem Weltmarkt. Die Landwirte könnten aber nicht verantwortlich gemacht werden. Die Steigerungen hätten mit Verbesserungen für die Bauern "überhaupt nichts zu tun und sind insofern nicht wirklich nachvollziehbar."

Der Parlamentarische Agrarstaatssekretär Gerd Müller (CSU) sagte: "Wenn aus fünf Cent Anstieg für den Bauern 50 Prozent Milchpreisanstieg im Handel gemacht werden, ist das unverschämt". Es sei "nicht begründbar mit der Erhöhung der Erzeugerkosten." Der Handel beziehe die Milch zu einem Lieferpreis wie 1975.

Der stellvertretende SPD-Fraktionschef Ulrich Kelber schloss sich der Kritik an: "Wenn etwa Butter um rund die Hälfte teurer werden soll, wird massiv übertrieben", sagte er den "Ruhr Nachrichten". Der Rohstoff Milch mache weniger als die Hälfte des Endpreises aus. Preiserhöhungen um bis zu 50 Prozent seien daher nicht mit der Erhöhung des Milchpreises zu rechtfertigen. Die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft hatte am Wochenende Preissteigerungen für Molkereiprodukte zu Anfang August von bis zu 50 Prozent prognostiziert.

Die Agrarexpertinnen der Grünen-Fraktion, Bärbel Höhn und Ulrike Höfken, erklärten in Berlin: "Preissteigerungen für Butter, Käse und Quark von 40 Prozent und mehr sind nicht zu rechtfertigen." Die angekündigten Preissteigerungen hätten mit einer fairen Bezahlung der Milchbauern nichts zu tun. "Die Bauern kriegen ein paar Cent mehr pro Liter, der Löwenanteil fließt in die Kassen von Molkereien und Handel."

Hans Foldenhauer, der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter, sagte N24: "Ich denke, da bedient sich der Handel, die Zwischenstufe, doch recht massiv." Er fügte hinzu: "Wir als Milcherzeuger müssen jetzt schauen, dass von diesem Zur-Kasse-Bitten des Verbrauchers auch der Milcherzeuger entsprechend sein Einkommen erhöhen kann, um wieder unabhängig von Subventionen zu werden."

Auch Verbraucherschützer forderten einen gerechteren Anteil für die Bauern. "Wir brauchen faire Preise für unsere Landwirte", sagte die Agrar- und Ernährungsexpertin des Dachverbandes der Verbraucherzentralen (vzbv), Jutta Jaschke. Es sei jedoch fraglich, ob die Mehreinnahmen tatsächlich in ausreichendem Maße bei den Erzeugern landeten. "In der Vergangenheit waren die Milchpreise nicht kostendeckend", sagte sie. "Das kann kein Verbraucher wollen."

HDE bemüht sich um Schadensbegrenzung

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) versucht derweil, die Wogen zu glätten. Eine Preisexplosion von bis zu 50 Prozent bei Milch lasse sich beim Verbraucher ohnehin nicht durchsetzen, sagte HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr heute im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. "Die Preisaufschläge werden deshalb bei weitem nicht so dramatisch ausfallen." Der scharfe Wettbewerb werde schon dafür sorgen.

Ähnlich äußerte sich auch der Vorsitzende des Milchindustrieverbands, Eberhard Hetzner. Grund für die Preissteigerungen bei Milchprodukten sei, dass langfristige Lieferverträge zwischen Handel und Molkereien ausgelaufen seien, sagte er im ZDF. Die Lieferanten konnten angesichts der Knappheit von Milchprodukten auf dem Weltmarkt auch bei Discountern und Supermärkten höhere Preise erzielen. Hetzner sagte, er rechne zwar mit Preiserhöhungen von bis zu 50 Prozent, die aber nicht in voller Höhe auf den Verbraucher weitergegeben werden müssten. "Wie kalkuliert wird, ist Angelegenheit des Handels."

Die EU-Kommission bewertet den Preisanstieg positiv, soweit die Mehreinnahmen den Landwirten zu Gute kommen. Die steigenden Preise folgten der Nachfrage und seien ein Zeichen dafür, dass der Markt für Milchprodukte wieder funktioniere, verlautete aus EU-Kommissionskreisen in Brüssel. Da das Problem der Überproduktion beseitigt scheine, werde erwogen, die Milchquoten für die europäischen Landwirte langfristig abzuschaffen.

EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel wolle dazu im November erste Vorschläge vorlegen, hieß es aus der Brüsseler Behörde. Möglich wäre eine stufenweise Erhöhung der Quoten bis zu einer kompletten Abschaffung im Jahr 2015.

mik/AP/AFP/Reuters



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