Preissturz Milchbauern verzweifeln an der Marktwirtschaft

Weltweit steigen die Lebensmittelpreise - in Deutschland ist die Milch so billig, dass Bauern wütend protestieren. Was den Verbraucher verwundert, ist leicht zu erklären: Der Milchmarkt funktioniert erstmals nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage.

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Hamburg - Es ist ein Spiel, bei dem die Bauern aus dem bayerischen Aretsried am kürzeren Hebel sitzen - zumindest momentan: In diesem Jahr nämlich sind die Verhandlungen mit der Großmolkerei Alois Müller darüber, wie viel Geld die Milchbauern pro Liter bekommen, gescheitert. Zum 16. April beendete die Molkerei ihre Geschäftsbeziehungen mit den in einer Milcherzeugergemeinschaft organisierten Bauern, mehrere Hundert mussten sich einen neuen Abnehmer suchen.

Der Grund für den Machtkampf zwischen Produzenten und der Großmolkerei ist profan: Es ist das Geld. Über Monate war der Preis für Milch in Europa, aber auch weltweit gestiegen - was Verbraucher vor allem im vergangenen Herbst anhand hoher Butter- und Milchpreise zu spüren bekamen. Kein Wunder also, dass die Bauern aus Aretsried auch bei den Verhandlungen in diesem Frühjahr weiterhin hohe Preise für ihre Produkte wollten.

Müller aber machte ihnen einen Strich durch die Rechnung - und die Großmolkerei kann es sich leisten: "Die Milchproduktion ist in den vergangenen Monaten kontinuierlich angestiegen und hat im ersten Quartal dieses Jahres ihren Höchststand erreicht", sagt Verena Nopper, Aufsichtsrätin bei der süddeutschen Breisgaumilch. Diese "Milchschwemme" sei zeitgleich mit den Verhandlungen gekommen - und habe den Druck auf die Bauern erhöht.

Menge drückt auf den Markt - und damit auf den Preis

Denn die Bauern haben auf die Milchknappheit und die dadurch steigenden Preise reagiert und ihre Produktion erhöht. "Molkereien, landwirtschaftliche Berater, aber auch der Bauernverband haben über Monate damit geworben, mehr Milch zu produzieren", heißt es vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter - und genau diese Menge drücke jetzt auf den Markt und damit auf den Preis.

Außerdem haben auch Deutschlands Nachbarn ihre Produktion angekurbelt: Vor allem Frankreich hat enorm angezogen, obwohl dort "die Milchpreise eher unterdurchschnittlich zugelegt haben", wie die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle meldet. Die Franzosen liefern jetzt überwiegend an Italien - wohin vorher vor allem Bauern aus Bayern ihre Milch verkauft haben. Ein Grund mehr, warum der Überschuss deutscher Milch plötzlich so groß ist.

Dabei überrascht es Experten eigentlich nicht, dass es in der Milchwirtschaft starke Preisschwankungen gibt: "Der Weltmarkt ist bei der Milch im Vergleich zu anderen Rohstoffen klein, nur rund fünf Prozent der Produktion werden international gehandelt", sagt Agrarökonom Harald von Witzke von der Humboldt-Universität Berlin. Wenn sich dann in einem Land wie Neuseeland etwa durch Dürre die Produktion verringere, merke man das sofort an den Preisen.

Dazu kommen weitere Faktoren, die den Preis für die Milch - zumindest kurzfristig - wieder gedrückt haben: Wegen des niedrigen Dollarkurses liegt vor allem Milchpulver in den Lagern - denn auf dem Weltmarkt wird in Dollar gehandelt, und damit lohnt sich der Export für deutsche Molkereien kaum noch. "Auf dem Weltmarkt wird zwar Milchpulver nachgefragt, aber die Währungsdifferenz macht für die europäischen Anbieter den Preis kaputt", sagt Verena Nopper von Breisgaumilch.

Grafik: Wöchentliche Milchanlieferung
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Grafik: Wöchentliche Milchanlieferung

Außerdem hat inzwischen auch die Nahrungsmittelindustrie auf die hohen Milchpreise der vergangenen Monate reagiert: "Vor allem Eiscreme- und Backwarenhersteller sind auf andere Rohstoffe umgestiegen", sagt Nopper. Sie benutzten inzwischen Pflanzenöl statt Butterfett und ersetzten Milcheiweiß durch pflanzliches Eiweiß. "Zusammen genommen heißt das nichts anderes, als dass eine schwächere Nachfrage auf eine höhere Produktion gestoßen ist - und das ist nicht gut für den Preis."

"Daran gewöhnen, dass Marktkräfte wirken"

Da hilft es nach Ansicht der Experten auch nicht, dass die Bauern auf die deutlich gestiegenen Produktionskosten durch höhere Energie- und Futterpreise verweisen: "Auch die Milchbauern müssen sich daran gewöhnen, dass Marktkräfte wirken", sagt Agrarökonom Harald von Witzke. Bislang seien sowohl Mengen als auch Preise geplant und damit stabil gewesen, aber das sei vorbei. Zwar verzichte niemand gerne Subventionen, aber die nächste Steigerung der Milchpreise komme bestimmt - nämlich dann, wenn der niedrige Preis die Produktion wieder geringer werden lasse.

Grafik: Entwicklung der Milchpreise
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Grafik: Entwicklung der Milchpreise

Dass die deutschen Bauern mehr auf den internationalen Markt reagieren müssen, sieht man auch beim Deutschen Bauernverband (DBV). "Momentan sind die deutschen Produzenten nicht fit für den Weltmarkt", sagt Udo Folgart, Vizepräsident und Milch-Experte des DBV. 70 Prozent der Milch werde durch genossenschaftliche Organisationen abgenommen und vorrangig für den deutschen Markt weiterverarbeitet oder verkauft. Weil saisonbedingt derzeit zu viel Milch am Markt sei, hätte der Handel das ausgenutzt und die Preise gedrückt - obwohl der Weltmarktpreis immer noch hoch sei.

Dass das Prinzip "Nachfrage bestimmt Angebot" prinzipiell funktioniert, deutet sich bereits jetzt an: Denn während die neuen Verträge der Milchbauern im Süden erst ab Mai gelten, bekommen ihre Kollegen im Norden schon jetzt rund zehn Cent weniger pro Liter Milch - und fahren die Produktion schon in kleinen Schritten zurück.

Den Bauern im Süden bringt das erstmal wenig - sie müssen sich auf hohe Einbußen gefasst machen. Zwar haben sie gegen die Riesenmolkerei Müller verloren, doch jetzt denken sie darüber nach, sich auf eine andere Art zu wehren - mit Streik. Laut dem Bundesverband der Deutschen Milchviehalter haben sich 88 Prozent der Mitglieder für einen Auslieferungsstopp ausgesprochen - und das sind immerhin 33.000 Milchbauern in Deutschland.



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