Pressekrise: Krieg um US-Zeitungsikonen

Von , New York

Drei Milliardäre buhlen um die "Los Angeles Times", darunter Platten-Mogul David Geffen. Derweil gerät der Sulzberger-Clan, der die "New York Times" führt, unter wachsenden Druck institutioneller Investoren. Symptome einer Branche im Überlebenskampf.

New York - David Geffen hat eigentlich alles, was man für Geld kaufen kann. Der Multimilliardär ist einer der erfolgreichsten Musik- und Filmproduzenten der USA. Er besitzt diverse Anwesen, darunter eins in Beverly Hills, an dessen Wänden echte Warhols hängen. Er spendet Millionen für wohltätige Zwecke wie die Aids-Forschung. "Dreamgirls", sein nächster Film, der zu Weihnachten hier in die Kinos kommt, wird jetzt bereits Kultstatus zugesprochen.

Redaktionsgebäude der "L.A. Times": Hoffen auf den steinrechen Privatier
AP

Redaktionsgebäude der "L.A. Times": Hoffen auf den steinrechen Privatier

Doch obwohl Geffen "mehr Geld hat als Gott", wie es ein Hollywood-Insider formuliert (4,6 Milliarden Dollar, so "Forbes"), fehlt ihm doch noch etwas. Und so greift der 63-Jährige jetzt nach seinem letzten Traum: Er will die "Los Angeles Times" kaufen, die viertgrößte US-Tageszeitung. Geffen - der neue Hearst?

Noch hat Geffen kein offizielles Gebot für das defizitäre Traditionsblatt vorgelegt. In informellen Gesprächen hat er beim Verlagshaus Tribune in Chicago, dem Mutterhaus von "L.A. Times" und "Chicago Tribune", jedoch schon starkes Kaufinteresse bekundet.

Doch Geffen ist nicht der einzige Interessent. Zeitgleich bewarben sich ein anderes Milliardärsduo aus Los Angeles um den Tribune-Konzern: Finanzhai Eli Broad, ein Erzivale Geffens, und Supermarkt-Magnat Ron Burkle, ein enger Freund der Clintons. Ihr Finanzierungspaket für den gesamten Verlag soll um die 15 Milliarden Dollar betragen - mit der Option, alle Tribune-Liegenschaften bis auf die "L.A. Times" dann wieder abzustoßen, wie es kürzlich auch dem Knight-Ridder-Verlag ("Philadelphia Inquirer") widerfahren ist.

Am Wochenende dann streckte ein weiterer Konkurrent die Fühler nach der "L.A. Times" aus: Hank Greenberg, Ex-Vorstandschef des Versicherungsgiganten AIG. Dabei könnte es aber durchaus sein, dass Greenberg sich mit Burkle und Broad zusammentut; mit Letzterem hat er schon früher gute Geschäfte gemacht.

Millionen-Kunstsammlung vermünzt

Der Kampf der Titanen um die "Los Angeles Times" ist symptomatisch. Die US-Printmedien stecken tief in der Krise, belagert vom Internet und mobilen Informationsquellen wie Handys: Die Auflagen sinken unaufhaltsam, allein in den letzten sechs Monaten im Schnitt um 2,8 Prozent. Profite brechen ein. Verluste häufen sich. Shareholder meutern. Können steinreiche Privatiers die rettenden Ritter sein?

"Eine Revolution rollt durch unser Geschäft", sagt Nicholas Lehmann, früher Redakteur bei der "Washington Post" und dem "New Yorker" und heute Dekan der School of Journalism an der Columbia University. "Wir stecken mitten in einer enormen Umwälzung, und keiner weiß, wie die ausgeht."

Die "Los Angeles Times" ist kaum die einzige Zeitungsikone, die in diesen Strudel gesaugt wird. Am anderen Ende der USA strampelt sich die "New York Times" ab - doch mit entgegengesetzten Konsequenzen: Während sich in Los Angeles eine Rückkehr in private Hand anbahnt, drängen die New Yorker Aktionäre auf ein Ende der Privatkontrolle durch den Besitzerclan, die Sulzberger-Familie.

David Geffens Griff nach der "L.A. Times" kommt nicht von ungefähr. Vor einiger Zeit schon begann der Tausendsassa, dem der Biograf Tom King "unbarmherzige Zielstrebigkeit" zuschreibt, Teile seiner Kunstsammlung zu vermünzen, um genug Cash für den Mega-Deal zu scheffeln. So verkaufte er drei Gemälde für 283,5 Millionen Dollar an Hedgefond-Investoren. Im Oktober lud er den Vize-Chefredakteur der "L.A. Times", Leo Wolinsky, zum Dinner zu sich nach Hause ein und erwärmte ihn für sein Begehr.

"Teufelskreis nach unten"

Die Zeitung hängt in den Seilen. Ihre Auflage fiel im letzten Halbjahr erneut um acht Prozent auf zuletzt knapp 775.800 Exemplare, womit sie in den USA auf Platz 4 liegt, hinter "USA Today", dem "Wall Street Journal" und der "New York Times". 1990 waren es 1,2 Millionen gewesen. Damals befand sich die vor 125 Jahren gegründete "L.A. Times" aber noch im Besitz der Chandler-Familie, die sie 2000 an den Tribune-Konzern in Chicago loswurde.

Die Beziehung zwischen neuer Mutter und Stieftochter war immer schon stürmisch, hat sich jetzt aber enorm verschlechtert. Das liegt vor allem am journalistischen Kulturschock beider Pressehäuser: Das Tribune-Hausblatt "Chicago Tribune" lebt von seinen kommunalen Wurzeln und feiner Lokalberichterstattung und hatte sich das Internet schon früh zu Eigen gemacht. Die "L.A. Times" dagegen, im Herzen eines ethnisch zersplitterten Stadtmolochs, strebt eher nach internationalen Weihen, doch hat bisher einen eher verhaltenen Web-Auftritt.

Zwei Herausgeber und zwei Chefredakteure verschlissen sich daran. Zuletzt ging vorige Woche Chefredakteur Dean Baquet über Bord, der sich gegen redaktionelle Kürzungen gesperrt hatte. Obwohl die "L.A. Times" mit 940 Redakteuren eine der bestbesetzten Zeitungen der USA ist und damit zwischen der "New York Times" (1200 Redakteure) und der "Washington Post" (760 Redakteure) liegt.

Die alte Rechnung des auch im TV-Geschäft sehr aktiven Tribune-Konzerns, der durch die Verlagsverschmelzung eine Medien-Synergie erreichen wollte, ist nicht aufgegangen. Erst durchkreuzte der Dotcom-Crash die Pläne schon kurz nach der Übernahme, dann kam der zweite Internet-Wahn. Werbebudgets wurden gekürzt, was der Auflage schadete, was die Anzeigenumsätze drosselte, was den Gesamtumsatz drückte. "Es ist ein Teufelskreis nach unten", sagt John Carroll, der vorletzte Chefredakteur und jetzt ein Harvard-Dozent.

Im Kreuzfeuer der Aktionäre

Klar, dass bald private Risikokapitalgeber wie Aasgeier zu kreisen begannen. Ihre ersten Angebote für den gesamten Tribune-Konzern mit 10 Tageszeitungen und 24 TV-Sendern waren den Aktionären aber zu niedrig. Stattdessen steht nun eine Zerschlagung zur Debatte - etwa eben auch durch den Einzelverkauf der "L.A. Times".

Geffens Ambitionen sind aber offenbar mehr journalistisch denn wirtschaftlich. Der jüdische Immigrantensohn hat einen Riecher für Investitionen und Talente: Er entdeckte einst die Rockgruppen Nirvana, Guns 'n Roses und Aerosmith und machte schon Anfang der neunziger Jahre mit Hedgefonds Abermillionen. Insider sagen, er sei bereit, zugunsten der journalistischen Qualität auf Profite vorerst zu verzichten - genau das Gegenteil dessen, was dieser Tage anderswo die Shareholder fordern.

Zum Beispiel in New York. Dort gerät Arthur Sulzberger, der Familienerbe und Verleger der "New York Times", ins Kreuzfeuer der Aktionäre. Das Wall-Street-Haus Morgan Stanley, das über einen Investmentfond 7,6 Prozent am "Times"-Verlag hält, drängt schon seit April auf Abschaffung der Zweiklassen-Besitzstruktur, wonach die Sulzbergers die Mehrheit der stimmberechtigten Aktien halten.

Jetzt ziehen die institutionellen Investoren die Daumenschrauben an. In einem Brief an Sulzberger und die Verlagsleitung kritisierte Morgan-Stanley-Fondmanager Hassan Elmasry die Aktienstruktur vorige Woche als unfair und warf dem Verleger mieses Management vor.

Jack Welchs "Beantown"-Abenteuer

In der Tat: Unter Sulzberger ist die "Times"-Aktie auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Das Anzeigengeschäft krebst dahin, die Auflage ist im letzten Halbjahr um 3,5 Prozent auf 1,1 Millionen weiter gesunken. Hinzu kommen die jüngsten journalistischen Skandale, die den Ruf der Zeitung lädiert haben.

Doch die Sulzbergers halten am jetzigen Stimmrechtsverfahren fest. "Die Familie hat nicht den Wunsch, dies zu ändern", erklärte Verlagssprecherin Catherine Mathis. Elmasry will das Thema nun auf der nächsten Hauptversammlung Anfang 2007 neu beleben.

Unterdessen ist schon jetzt auch eine weitere "Times"-Tochter ins Gespräch gekommen: der nicht minder labile "Boston Globe". Für den gibt es ebenfalls einen privaten Interessenten: der frühere GE-Vorstandschef Jack Welch. "Es wäre doch ein toller Spaß, in Boston noch mal einen Markennamen zu schaffen", sagt er. Und ein prima Geschäft: JP Morgan Chase bezifferte den Wert des "Globes" auf 600 Millionen Dollar - fast die Hälfte dessen, was der "Times"-Verlag 1993 selbst für das Blatt bezahlt hatte.

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