Prestigeprojekt Bau des Berliner Hauptbahnhofs in der heißen Phase

Die Bahn treibt den Umbau des Hauptstadtbahnhofes voran. Mit dem Umklappen zweier 70 Meter hoher Türme zu einer Brücke ist einer der letzten und zugleich spektakulärsten Bauabschnitte in Angriff genommen worden. Unumstritten ist das Prestigeprojekt allerdings nicht.


Berlin - In der Nacht zum Samstag begann die Bahn, die hoch in den Himmel ragenden Stahltürme um 90 Grad gegeneinander zu kippen. Dadurch entsteht ein neuer Baukörper über den Gleisen. Die so genannte Bügelbrücke soll Grundlage für den Bürotrakt des Bahnhofs werden. Am Montagmorgen soll die weltweit einmalige Aktion abgeschlossen sein.

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Berliner Hauptbahnhof: Das große Kippen

Das spektakuläre Bauverfahren zog viele Schaulustige an. Auf den angrenzenden Straßen sicherten sich Berliner und Gäste bereits seit den frühen Morgenstunden die besten Plätze. Überall sitzen und stehen Menschen mit Feldstechern, Kameras und Picknickkörben, um die sich senkenden Bügel zu beobachten.

Zu sehen bekommen die Schaulustigen einen Kippvorgang für den zwölf Hydraulikpumpen und Stahlseile eingesetzt werden. Die Drehpunkte der jeweils 1250 Tonnen schweren Stahlkonstruktionen liegen in 23 Metern Höhe. Die beiden Türme bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern je Stunde aufeinander zu. Sobald sie wie eine geschlossene Bahnschranke waagerecht liegen, sollen zwischen den beiden Enden nur noch zwei Zentimeter Platz bleiben. In dieser Position werden sie miteinander verbunden und fixiert.

So entsteht bis Montagmorgen der erste Bügelbau. Zwischen den beiden Bügeln wird anschließend ein 200 Meter langes Dach in mehreren Phasen eingeschoben. Ein zweiter Bügelbau soll mit derselben Technik am Wochenende ab dem 13. August folgen, so dass hoch über den Gleisen 25.000 Quadratmeter Bürofläche in bester Citylage entstehen.

Der bisherige Lehrter Stadtbahnhof soll am 28. Mai 2006 und damit pünktlich zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft als neuer Hauptbahnhof in Betrieb gehen. Dazu wird auch 15 Meter unter der Erde fieberhaft an dem Fern- und Regionalbahnhof gearbeitet. Der Komplex in Sichtweite des Kanzleramts ist das Herzstück des so genannten Bahnknotens in Berlin, für den die Deutsche Bahn seit 1990 insgesamt zehn Milliarden Euro verbaut hat. Er ist das derzeit größte Infrastrukturprojekt in Deutschland. Auf den oberirdischen Gleisen verläuft die Hauptstrecke von Ost nach West. Die Nord-Süd-Strecke verläuft im neuen Tunnel.

Umstrittenes Prestigeprojekt

Der Prachtbau des Schienenkonzerns ist indes nicht unumstritten. Allein der Hauptbahnhof soll mit 600 Millionen Euro zu Buche schlagen, wobei sich die Bahn mit Angaben über die genaue Höhe der Kosten zurückhält.

Gleichzeitig fährt das Unternehmen einen rigiden Sparkurs, um sich die Börsenreife zu sichern. Im vergangenen Jahr hat die Bahn erstmals aus eigener Kraft schwarze Zahlen geschrieben. Intern allerdings klagen Mitarbeiter laut Presseberichten über die Folgen der Offensive zur Kostensenkung. Jede noch so kleine Ausgabe muss demnach genehmigt werden.

Zudem akzeptieren viele Berliner den neuen Großbahnhof nicht als künftiges Fernreisezentrum der Bundeshauptstadt. Vor allem, dass der Bahnhof Zoo ab 2006 zur Regionalbahnstation degradiert wird, stört die Einwohner. Schon hat sich deswegen eine Bürgerinitiative gebildet, die für den erhalt des Bahnhof Zoo kämpft.

Letztendlich müssen die Berliner während der heißen Bauphase mit erheblichen Behinderungen im öffentlichen Nahverkehr rechnen. So muss der gesamte Zugverkehr, der durch den charakteristisch schlauchförmigen Bahnhof aus Glas fährt, für die Wochenenden umgeleitet werden.



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