Private Equity Gute Heuschrecken, böse Heuschrecken

Sind Finanzinvestoren nur auf schnelle Rendite aus? Nein, sagen Forscher der Universitäten Bonn, München und Aberdeen. Meistens sind die "Heuschrecken" zahm, steigern den Unternehmenswert – und schaffen neue Arbeitsplätze.


Bonn – Finanzinvestoren haben keinen guten Ruf. Spätestens seit Franz Müntefering sind KKR, Permira & Co. in Verruf geraten. Der ehemalige Arbeitsminister hatte die Gesellschaften pauschal als "Heuschreckenschwärme" bezeichnet.

Cognis-LKW vor der Henkel-Zentrale in Düsseldorf: Sind die Heuschrecken netter als ihr Ruf?
DPA

Cognis-LKW vor der Henkel-Zentrale in Düsseldorf: Sind die Heuschrecken netter als ihr Ruf?

Zu Unrecht, sagen Wissenschaftler der Universitäten Bonn, München und Aberdeen. Sie veröffentlichten eine Studie, die das Gegenteil belegen soll: Auf 43 Seiten wurden 52 börsennotierte Unternehmen unter die Lupe genommen, bei denen sich ein Finanzinvestor mit mindestens fünf Prozent der Anteile einkaufte. Die Forscher bewerteten die Zahl der Arbeitsplätze, Aktienkurs und Durchschnittsgehalt der Mitarbeiter – vor und nach dem Einstieg. Das Ergebnis: Heuschrecken sind besser als ihr Ruf.

Denn der befürchtete Jobkahlschlag trat in den meisten Fällen nicht ein. Beispiel Wincor Nixdorf Chart zeigen: Nach Angaben des Bonner Wirtschaftswissenschaftlers André Betzer, einem Mitautor der Studie, beschäftigte das Unternehmen im Jahr 1999 weltweit 3400 Mitarbeiter und machte dabei einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro sowie einen Vorsteuergewinn von 83 Millionen Euro. Dann stiegen die Private-Equity-Gesellschaften KKR und Goldman Sachs ein, trieben die Internationalisierung voran und senkten die Produktionskosten – ohne Mitarbeiter zu entlassen.

Als die Investoren sechs Jahre später bei dem Automatenhersteller ausstiegen, beschäftigte Wincor Nixdorf laut Betzer 7700 Mitarbeiter, erzielte einen Umsatz von zwei Milliarden Euro und einen Gewinn, der 50 Prozent höher lag, als im Jahr 1999. Kleines Schmankerl für die Private-Equity-Gesellschaften: "Sie erwirtschafteten mit diesem Investment eine jährliche Durchschnittsrendite von 20 Prozent", sagt André Betzer.

Wincor Nixdorf ist kein Einzelfall. Auch bei Hugo Boss und dem Modelleisenbahnhersteller Märklin hätte sich der Einstieg von Finanzinvestoren positiv ausgewirkt, sagt André Betzer. Die Eigentümer des schwäbischen Traditionsunternehmens waren heillos zerstritten, Märklin stand laut Betzer damals "kurz vor der Insolvenz". Der neue Eigentümer, Kingsbridge Capital, verordnete dem Unternehmen ein neues Preissystem, organisierte den Vertrieb neu und rettete die Firma vor dem Konkurs. "In unglaublich kurzer Zeit", sagt der Wissenschaftler.

"Es gibt auch schwarze Schafe"

Den Grund für den Erfolg sehen die Forscher in der Strategie der Investoren. "Private-Equity-Gesellschaften engagieren sich eher längerfristig", sagt Betzer. Damit unterscheiden sie sich von Hedgefonds, die spekulativer investieren und gewöhnlich schneller Rendite sehen wollen.

Unter Münteferings Heuschreckenbegriff fallen beide Arten von Investoren. Dass die Bonner Studie den Finanzinvestoren ein so positives Zeugnis ausstellt, liege auch daran, dass sie ausschließlich Private-Equity-Investments bewertet, sagt André Betzer. Engagements von Hedgefonds werden dagegen außer Acht gelassen.

Und die Studie lässt noch mehr Punkte außer Acht. So geben die Forscher zwar an, der Aktienkurs der Unternehmen hätte sich um 5,66 Prozent gesteigert, doch der Anstieg ist lediglich am Tag des Einstiegs erhoben. Wie sich der Kurs langfristig entwickelt hat , haben die Wissenschaftler nicht berücksichtigt. Auch die Frage, ob nachfolgende Kurssteigerungen auf das Engagement der Private-Equity-Gesellschaften oder lediglich auf eine gute Marktentwicklung zurückzuführen sind, bleibt unbeantwortet.

Die Entwicklung der angestellten Mitarbeiter wurde nur im ersten Jahr nach dem Einstieg der Investoren verfolgt. Sie stieg in dieser Zeit laut André Betzer durchschnittlich um 0,45 Prozent an. Dass dieser Zeitraum jedoch nicht unbedingt aussagekräftig ist, zeigt das Beispiel Wincor Nixdorf. Dort verdoppelte sich die Zahl der Beschäftigten zwar - jedoch innerhalb von sechs Jahren. Die Grundtendenz ist trotzdem klar: Horrormeldungen von Massenentlassungen und Dumping-Löhnen werden anscheinend nicht bestätigt.

Und doch: "Es gibt genug schwarze Schafe", sagt André Betzer. Wie im Fall der Henkel-Tochter Cognis aus dem Jahr 2001. Damals boten die Investment-Gesellschaften Permira und Goldman Sachs 2,5 Milliarden Euro, steuerten aber davon nur 450 Millionen aus eigenem Kapital bei. Der Rest wurde Cognis als Schulden aufgebürdet. Trotzdem zahlten sich die neuen Eigner hohe Sonderdividenden aus. Am Ende hatten die Investoren so 850 Millionen Euro aus Cognis herausgepresst – eine Rendite von nahezu 100 Prozent.

Gute Heuschrecken, böse Heuschrecken? Ob das Abenteuer positiv oder negativ ausgeht, kommt wohl immer auf den Einzelfall an. Das Forscherteam um André Betzer jedenfalls sieht den Einstieg der Investoren eher positiv. Nun wollen die Wissenschaftler noch die längerfristigen Auswirkungen der Engagements auf Aktienkurs und Mitarbeiterzahl der Unternehmen erforschen.

tob



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