Private Kreditvergabe im Internet "Ebay des Geldes"

Ein neue Art der Geldverleihung erobert das Internet: Über den britischen Anbieter Zopa kann jeder ein Banker sein und Kredite von privat an privat vergeben. Gibt es ähnliche Angebote bald auch in Deutschland?

Von Gregor Honsel


Wer möchte schon über das Internet völlig unbekannten Menschen sein Geld leihen? Vielleicht ebenso viele Leute, wie mittlerweile mit Fremden Geschäfte über Webseiten abschließen. Auf dieser Überlegung fußt das Geschäftsmodell des britischen Unternehmens Zopa Ltd. – und tatsächlich erfreut es sich großen Zuspruchs. In den eineinhalb Jahren seines Bestehens hat Zopa in Großbritannien mehr als 90.000 registrierte Mitglieder gefunden, die bislang mehrere Millionen Pfund über diese Plattform ver- und geliehen haben. Der Markteintritt in die USA soll nach Angaben des Unternehmens "pretty soon" erfolgen. Und auch in Deutschland könnte ein ähnliches Angebot bald seinen Marktstart wagen.

Zopa-Website: Eine Bresche geschlagen

Zopa-Website: Eine Bresche geschlagen

Zopa ist mehr als eine weitere Online-Bank. Journalisten und Analysten sprechen gern vom "Ebay des Geldes". Es basiert auf dem Peer-to-peer-Prinzip, also dem Austausch von Gleichen zu Gleichen, mit dem Unternehmen wie Napster schon der Musikbranche das Fürchten gelehrt haben. Das Prinzip ist einfach: Wer Geld verleihen möchte, meldet sich auf der Webseite zopa.com an und teilt mit, welchen Betrag er für welchen Zeitraum zu welchen Konditionen zur Verfügung stellen möchte. Wer einen Kredit braucht, gibt an, wie viel Geld er für wie lange benötigt und welche Zinsen er zu zahlen bereit ist. Den Rest regelt der Markt: Stimmen Angebot und Nachfrage überein, vermittelt Zopa den Deal. Verlangt jemand zu hohe Zinsen, bleibt er auf dem Geld sitzen.

Der zentrale Vorteil für die Nutzer auf beiden Seiten des Verleihgeschäftes: Zwischen ihnen befindet sich keine klassische Bank, die mit einer möglichst hohen Differenz zwischen Soll- und Habenzinsen die eigene Bilanz aufzubessern versucht. Zopa verlangt stattdessen von Kreditgebern und -nehmern eine Vermittlungsgebühr von je 0,5 Prozent des verliehenen Betrages. Unter dem Strich sollen die Konditionen für beide Parteien günstiger sein als bei gewöhnlichen Banken. So zahlen etwa Spitzenschuldner bei Zopa für eine Summe von 8000 Pfund über drei Jahre einschließlich Vermittlungsgebühr 5,1 Prozent Zinsen. Bei den billigsten normalen Banken würde ein glatter halber Prozentpunkt mehr anfallen.

Kein Einlagensicherungfonds für die Kredite

Zudem ist das System von Zopa flexibel und transparent. Es können Beträge zwischen zehn und 25.000 Pfund abgegeben oder aufgenommen werden. Zielgruppe sind beispielsweise Personen mit stark schwankendem Einkommen. "Es gibt viele Menschen, die zwar kreditwürdig sind, aber kein regelmäßiges Einkommen haben, und deshalb bei vielen Banken leicht durch die Kreditprüfung fallen", sagt Zopa-Gründer Richard Duvall.

Die Schattenseite des Zopa-Modells: Es gibt keinen Einlagensicherungsfonds, der die Kredite schützt – jeder Gläubiger trägt sein Ausfallrisiko selbst. Doch Zopa hat eine Reihe von Sicherungsmechanismen eingebaut, die verhindern sollen, dass Wildwest-Manieren unter den Nutzern ausbrechen. Das Unternehmen selbst unterliegt der Bankenaufsicht. Es überprüft – wie eine konventionelle Bank – die Kreditwürdigkeit der Nehmer und teilt sie entsprechend in Kategorien von A+ bis C ein, wobei C durchaus noch für seriöse Schuldner steht. Wird jemand schlechter bewertet oder lässt sich nicht identifizieren, wird er erst gar nicht als Mitglied zugelassen. Zahlt jemand seinen Kredit nicht zurück, beauftragt Zopa ein Inkasso- Unternehmen. Zudem vermittelt Zopa eine Versicherung gegen Zahlungsausfall.

Doch der entscheidende Kniff ist, dass jedes Darlehen aufgeteilt wird. Verleiht jemand 500 Pfund, kann die Summe auf bis zu 50 Tranchen à zehn Pfund aufgeteilt werden. Auf diese Weise hält sich das Ausfallrisiko in Grenzen. Zopa selbst beziffert den Anteil der faulen Kredite auf 0,05 Prozent, nachdem man selbst anfangs mit 1,3 Prozent gerechnet habe.

Für Banken ist die Aussicht, dass Geldgeschäfte künftig über das Internet munter an ihnen vorbeigehen könnten, alarmierend – sollte man meinen. Tatsächlich aber geben sie sich, zumindest in Deutschland, unbeeindruckt: "Wir kennen das Produkt nicht, werden es uns auch nicht anschauen und kommentieren so etwas grundsätzlich nicht", sagt Thomas Schlüter, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Banken.

Zopa schickt Inkasso-Unternehmen

Rückendeckung gibt ihm das deutsche Gesetz über das Kreditwesen (KWG). Die rechtliche Lage ist komplex. Zwar bräuchte der Betreiber einer Plattform wie Zopa nach Angaben der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) keine Banklizenz, sondern lediglich einen Gewerbeschein. Allerdings sei jeder einzelne Gläubiger, der sein Geld "gewerbsmäßig" verleiht, erlaubnispflichtig, heißt es bei der Behörde. Und ein gewerbsmäßiger Verleih sei schon dadurch gegeben, dass jemand wiederholt und mit der Absicht, Gewinn zu erzielen, Kredite anbiete. Der Plattformbetreiber wäre also indirekt in unerlaubte Geschäfte eingebunden und müsste sich auf entsprechende Konsequenzen gefasst machen.

Ist das der Todesstoß für ein Zopa-ähnliches Modell in Deutschland? Carsten Hinze von der Unternehmensberatung Future Management Group ist überzeugt, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist: "Ich habe valide Informationen darüber, dass sich ein völlig bankfremdes deutsches Unternehmen sehr für dieses Geschäftsmodell interessiert." Wie genau die Hürde des KWG dabei genommen wird, etwa durch ein Agieren aus dem Ausland nach dem Vorbild der Internetapotheke DocMorris, darüber gibt Hinze keine Auskunft. Eins jedoch ist abzusehen: Unternehmen wie Zopa schlagen eine Bresche in die fest abgesteckten Claims der Kreditinstitute. "Die Banken sollten nicht allzu sehr darauf vertrauen, dass sie das KWG auf Dauer schützen wird", warnt Hinze.

© Technology Review , Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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