Private Überweisungen In fünf Minuten um die Welt

Hunderte Milliarden Euro schicken Migranten jedes Jahr in ihre Heimat. Inzwischen sind ganze Volkswirtschaften abhängig von den privaten Überweisungen - und Finanzdienstleister wie Western Union machen mit ihnen gute Geschäfte.

Aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Anja Reiter

Western Union in New York: Überweisungen in wenigen Minuten beim Empfänger
Getty Images

Western Union in New York: Überweisungen in wenigen Minuten beim Empfänger


In einer schmucklosen Servicestelle im Münchner Bahnhofsviertel herrscht Gedränge. Zwei junge Pakistaner zählen eilig Euroscheine, eine Nigerianerin füllt ein Formular aus, andere starren schweigend auf das große, gelb-schwarze Logo von Western Union. Durch die Ladenfenster blitzt die Herbstsonne. Es ist der erste Montag des Monats. Am Schalter schiebt eine Afghanin ein Bündel Geldscheine über den Tresen. 100 Euro, 300 Euro, 340 Euro, zählen die Finger mit den rosa Nägeln der Angestellten. Erspartes, das die afghanische Frau zu ihren Eltern schicken möchte. Der Rest sind ein paar Mausklicks. "Das Geld ist in fünf Minuten in Afghanistan abholbereit", sagt die Mitarbeiterin und reicht einen Zettel mit einem Zahlencode unter der Panzerglasscheibe hindurch.

Die meisten Deutschen kennen die Filialen von Western Union nur von außen. Vielen gelten die Servicestellen als Sammelbecken für Betrüger, Geldwäscher und Kriminelle, weil Bargeld hier ohne Bankverbindung überwiesen werden kann. Für Menschen aus Entwicklungsländern hin- gegen sind solche Finanzdienstleister eine der einfachsten Möglichkeiten, schnell und sicher Geld in die Heimat zu senden. Banküberweisungen zu ihren Verwandten und Bekannten dauern lange und sind teuer - sofern diese überhaupt ein Bankkonto besitzen. Und die Bankeninfrastruktur ist meist schlecht entwickelt.

Durchschnittlich werden 300 Euro überwiesen

Western-Union-Filialen gibt es hingegen fast überall auf der Welt.

Fernab der öffentlichen Wahrnehmung haben sich Geldrücksendungen von Auswanderern zu einem Wirtschaftsfaktor von globalem Ausmaß entwickelt. Was der Einzelne jeden Monat oder alle paar Wochen in die Heimat sendet, sind zwar nur kleine Beträge: Durchschnittlich 300 Euro gehen pro Geldtransfer zum Beispiel von Europa aus in die Welt.

In der Summe sind diese regelmäßigen Geldflüsse aber ein gewaltiger Strom. Umgerechnet 322 Milliarden Euro haben Migranten aus aller Welt im Jahr 2013 in Entwicklungs- und Schwellenländer geschickt. Berücksichtigt man zusätzlich das Geld, das auf informellen Kanälen die Ländergrenzen passiert - transportiert etwa von Busfahrern oder über Mittelsmänner - müsste diese Zahl nochmals um die Hälfte nach oben korrigiert werden, schätzen Experten.

Seit die Weltbank 1970 begonnen hat, Daten zu erheben, klettert die Kurve privater Geldtransfers steil nach oben. In den letzten zehn Jahren hat sich die Summe weltweit mehr als verdoppelt. Zwar gab es in der Wirtschaftskrise einen kleinen Knick, doch inzwischen steigt die Kurve wieder: 2014, laut Schätzungen der Weltbank, auf 350 Milliarden Euro.

350 Milliarden. Das ist dreimal so viel wie die Summe der offiziellen Entwicklungshilfe aller Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Und bereits 2013 übertraf das, was Migranten in Entwicklungsländer schickten, die ausländischen Direktinvestitionen dort.

Wer profitiert vom Geld der Migranten?

Thomas Liebig beschäftigt sich seit Jahren mit Migrationsströmen und Remittances - so werden die privaten Geldrücksendungen im Fachenglisch bezeichnet. Der Wirtschaftswissenschaftler ist Migrationsexperte bei der OECD in Paris. Für den Anstieg der Transferflüsse gebe es verschiedene Gründe, sagt er. "Einerseits ist die Zahl der Migranten in den vergangenen Jahren gewachsen und damit auch die Zahl derer, die potenziell Geld zurück in ihre Ursprungsländer überweisen können." Zweitens seien die Gebühren gesunken, darum falle es vielen leichter, Geld nach Hause zu schicken. Nicht zuletzt würden mehr Geldflüsse offiziell in der Statistik auftauchen, weil illegale, informelle Kanäle bekämpft wurden.

Doch was steckt hinter den Statistiken? Und wer profitiert eigentlich vom Geld der Migranten?

Ein paar Ecken von der Western-Union- Filiale entfernt, in der Goethestraße, verlässt Paul Wilson eiligen Schrittes eine Zweigstelle von Ria Money Transfer. Der Mann mit den großen Kopfhörern und der schmalen Brille stammt aus Togo und lebt schon seit vielen Jahren in Deutschland. Wilson ist freundlich, aber vorsichtig. Wie viele, die hier Geld überweisen, gibt er sich eher wortkarg. Auf der Straße wolle er keine Auskunft geben über das Geld, das er gerade in die afrikanische Heimat geschickt hat, sagt er. Lieber tags darauf in seinem Büro.

Die Republik Togo, ein kleiner Staat mit Savannen und langen Palmenstränden im Westen Afrikas, gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Laut Internationalem Währungsfonds leben 60 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Im Human-Development-Index, in dem die Vereinten Nationen Staaten nach Wohlstand listen, nahm Togo vergangenes Jahr den traurigen 166. Platz von 187 Ländern ein. Das Land kämpft mit Kinderarbeit, Unterernährung und Kinderhandel.

Paul Wilson sitzt am nächsten Tag in seinem Büro im Norden Münchens. Ein Sofa, verdunkelte Fenster, eine afrikanische Trommel und ein Schreibtisch, auf dem sich Bewerbungsschreiben und Briefe stapeln. Hierher kommen sonst Menschen, die Wilson ehrenamtlich als Seelsorger betreut. Ganz oben auf dem Tisch liegt die Bestätigung von Ria Money Transfer über die Überweisung des Vortages. 322 Euro hat er an eine Bekannte überwiesen, damit sie das Schulgeld für ihre Tochter und sechs andere Kinder bezahlen kann.

"Mein Geld geht an Menschen, die wirklich Hilfe brauchen"

Auf seinem Tablet zeigt der 53-Jährige Fotos von seinem letzten Besuch im Sommer: Fünf Kinder aus einem kleinen togolesischen Dorf zwängen sich auf ein Moped, um die kilometerweit entfernte Schule zu erreichen. "Das hat mein Herz berührt", sagt Wilson. Ihm selbst sei es im Leben besser ergangen. In Togos Hauptstadt Lome arbeitete er als Buchhalter, bevor er vor 20 Jahren nach Deutschland auswanderte. Die ersten Jahre in der neuen Heimat jobbte Wilson als Gebäudereiniger und Sicherheitskraft. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Momentan ist er auf der Suche nach Arbeit. Seine Frau und die vier Söhne leben zusammen mit ihm von seinem Arbeitslosengeld, bis er etwas findet.

Obwohl seine Familie selbst wenig hat, fährt Paul Wilson regelmäßig in die Münchner Innenstadt und schickt über Ria Money Transfer alten Freunden und Bekannten in Togo einen Teil seines Geldes. Die meisten kenne er von früher, oft helfe er aber auch notleidenden Fremden, die an ihn verwiesen wurden. "Ich mache das aus Nächstenliebe. Mein Geld geht an Menschen, die wirklich Hilfe brauchen", sagt er. Während bei Entwicklungshilfeaktionen viel Geld in bürokratischen Aufwand fließe, wisse er, wo in Togo das Geld am dringendsten benötigt werde.

Wilson ist einer von vielen: Über persönliche Kanäle sind 2012 rund 30 Millionen Euro von Deutschland nach Togo geflossen, so schätzt die Weltbank. Paul Wilson ist einer der Männer, die den Geldstrom am Laufen halten. Ein Strom, der Abhängigkeiten schaffen kann.

Weltmeister der Abhängigkeit ist Tadschikistan

In Togo machten die Geldrücksendungen von Migranten im Jahr 2013 insgesamt 7,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Es gibt Länder, die noch viel abhängiger von ihren Auswanderern sind. In Moldawien zum Beispiel stammt knapp ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts von Familienmitgliedern oder Bekannten aus dem Ausland, in Nepal sind es 28,8, in Kirgisistan sogar 31,5 Prozent.

Weltmeister der Abhängigkeit ist Tadschikistan: Nach Angaben der Weltbank resultierten im Jahr 2013 mehr als 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus Geldgeschenken tadschikischer Auswanderer.

Grundsätzlich lindern die großzügigen Überweisungen aus dem Ausland die Armut in den Heimatländern, sagen Experten wie OECD-Mann Thomas Liebig. Und das Geld geht ohne Umwege zu denjenigen, die es benötigen. Die privaten Geldsendungen scheinen damit weit effektiver zu sein als große, bürokratische Entwicklungshilfeprojekte. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Gelder von korrupten Regierungsbeamten eingesteckt werden, deutlich geringer. Dennoch sind sich die Wissenschaftler uneinig darüber, ob sich die Geldrücksendungen ausschließlich positiv auf die Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern auswirken.

Denn es gibt auch eine Kehrseite. Braindrain heißt sie, wörtlich: Gehirnabfluss. Sinngemäß bedeutet der Begriff, dass die Gutausgebildeten fortgehen und dann zu Hause fehlen. Häufig wandern nämlich die aus, die einen Beruf erlernt haben, um in der Fremde damit Geld zu verdienen. Sie fehlen aber nicht nur als Arbeitskraft, sondern auch als Familienoberhäupter. In Tadschikistan oder auf den Philippinen gibt es mittlerweile ganze Dörfer mit Quasi-Waisen. Ihre Eltern arbeiten im Ausland, die Großeltern kümmern sich um die Kinder.

"Viele investieren das Geld in Bildung"

Auch Familien, von denen niemand fortgegangen ist, sind betroffen: Die Gelder aus dem Ausland beschleunigen mancherorts die Inflation. Mit den steigenden Preisen müssen dann alle kämpfen, auch die, die kein Geld geschickt bekommen. Das globale Geldspiel kann so zu einem Ungleichgewicht in den Empfängerländern führen, bei dem die als Verlierer dastehen, die keine großzügigen Verwandten oder Freunde in Industrieländern haben.

Eine landläufige Meinung ist, dass wegen der Auslandshilfen die Anreize sinken, sich selbst um Arbeit zu bemühen. Die Daheimgebliebenen würden, so das Vorurteil, das Geld der Verwandten nicht sinnvoll investieren oder sparen, sondern umgehend in Konsumgüter stecken.

"Das ist in Studien längst widerlegt worden", sagt Benjamin Schraven vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn. Nicht nur Dinge des täglichen Gebrauchs wie Nahrung, Kleidung und manchmal demonstrative Konsumgüter wie Fernseher und Autos stünden auf der Einkaufsliste. "Viele investieren das Geld in Bildung, in die Gesundheit oder in die eigene Geschäftstätigkeit", erklärt der Politikwissenschaftler.

In Krisenzeiten können die regelmäßigen Gelder aus dem Ausland außerdem einen Wirtschaftseinbruch abfedern. Viele Auswanderer versuchen dann, das schrumpfende Familieneinkommen der Daheimgebliebenen durch größere Geldgeschenke auszugleichen. Nur bei der Weltwirtschaftskrise 2008 war es anders: Weil hier Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer gleichermaßen betroffen waren, brachen im ersten Jahr auch die Überweisungen ein - um durchschnittlich 7,3 Prozent. In der Vergangenheit gab es von einzelnen Ländern immer wieder Bemühungen, die Geldzahlungen von Migranten zu kanalisieren und zu lenken. In Mexiko zum Beispiel unterstützte das Regierungsprogramm "Tres por uno" die Hilfssendungen von Auswanderern in den USA: Sandten mexikanische Vereine kollektiv Geld in ihre Heimatdörfer in Mexiko, legte die öffentliche Hand das Dreifache drauf. Je ein Drittel gaben der mexikanische Zentralstaat, der Bundesstaat und die jeweilige Gemeinde. Diese Mittel wurden dann in Infrastrukturprojekte oder lokale Start-ups investiert.

Die Schweiz versucht derzeit in einem Pilotprojekt, Geldrücksendungen ihrer tunesischen Einwanderer für die Entwicklungszusammenarbeit zu nutzen. Das nordafrikanische Land wurde deshalb gewählt, weil die tunesische Diaspora in der Schweiz besonders gut vernetzt ist. Schweiz-Tunesier senden seit jeher einen Teil ihrer Unterstützung nicht direkt an ihre Familien, sondern über Vereinigungen ins Heimatland. Diese investieren das Geld in langfristige Projekte. In Zusammenarbeit mit dem tunesischen Sozialministerium und der Schweizer Botschaft will die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit nun eine Plattform schaffen, um diese kollektiven Gelder noch gezielter einzusetzen.

Pro Transfer fallen 7,9 Prozent Provision an

OECD-Experte Thomas Liebig warnt jedoch vor politischen Versuchen, die Remittances allzu sehr zu instrumentalisieren: "Letztlich ist es immer noch das Geld der Migranten. Allein sie dürfen entscheiden, was sie damit machen und wie viel sie davon in ihre Heimat schicken wollen", sagt er. Am Ende stünden sie alle vor der gleichen Frage: Wie bringen sie ihr Geld möglichst kostengünstig in die Heimat?

Western Union ist der Branchenführer unter den Transferdienstleistern. Seit Jahren behauptet das amerikanische Unternehmen seinen Spitzenplatz vor Konkurrenten wie MoneyGram oder Ria Money Transfer. Pro Sekunde werden bei Western Union 29 Transaktionen durchgeführt - so brüstet sich das Unternehmen in seinem Geschäftsbericht. Im vergangenen Jahr transferierte der Dienstleister mit weltweit 520.000 Servicestellen 82 Milliarden US- Dollar zwischen den über 200 Ländern, in denen er aktiv ist. Das Geschäft ist ertragreich: 2013 setzte Western Union 5,5 Milliarden US-Dollar um.

Im Schnitt zahlen Migranten pro Transfer derzeit 7,9 Prozent Provision, egal bei welchem Dienstleiter. In Einzelfällen können es aber auch bis zu 15 Prozent sein. Besonders teuer ist es, nach Afrika Geld zu verschicken. Kritiker sagen, Western Union und seine Mitbewerber würden mit ihrer Geschäftsidee das Schicksal der Armen und Vertriebenen ausnutzen. Aufgrund des politischen Drucks der G8 und G20 sind die Gebühren von Transferdienstleistern in den vergangenen Jahren bereits kontinuierlich gesunken. Auch wegen wachsender Konkurrenz: Mittlerweile kann man Geld auch über Mobiltelefone oder Kreditkarten überweisen.

Bei Ria Money Transfer zahlte Paul Wilson für den Versand an seine Bekannte vergleichsweise wenig: 18 Euro. In Togo aber ist das viel Geld. Soviel verdient ein einfacher Arbeiter in einem ganzen Monat.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tatwort 31.01.2015
1. Naja...
Ich überweise Geld wo immer es geht via Bitcoin ins Ausland. Transfergebühr: Einige Cents.
hotgorn 31.01.2015
2.
Ich kenne auch einen Nigerianer der vor ein paar Jahren seine Asylunterkunft verlassen hatte und erst einen Teil seines Hartz4 zu seinen Kindern nach Ghana schickte nun arbeitet er als Küchenhilfe und schickt einen Teil seines Lohns weiterhin nach Afrika.
bolzenbrecher 31.01.2015
3. Deutsche Banken sind teurer!
Habe schon oft mit WU überwiesen. Geht in Minuten...und deutlich günstiger, als die gierigen deutschen Banken. Ausserdem kann man das Geld sogar wieder zurückholen, solange der Abholer noch nicht abgehoben hat. Die Gebühren sind dann natürlich weg, aber das ist schon okay. Bei Überweisungen von Banken geht das nicht!
ulli7 31.01.2015
4. 7,9 % Provision und schlechter Wechselkurs
Bei Überweisungen mit Transfer-Dienstleistern bekommt der Empfänger rd. 10 % weniger, als der Absender abschickte. Besser ist es, dem Empfänger im Heimatland eine Prepaid-Karte, wie z.B. Postbank-SparCard o.ä. auszuhändigen. Damit kann er am ATM mit der entsprechenden PIN das Geld in der heimischen Währung ohne Verlust entnehmen.
minsk60 31.01.2015
5. Bargeld!!
Zitat von tatwortIch überweise Geld wo immer es geht via Bitcoin ins Ausland. Transfergebühr: Einige Cents.
Und wie macht man in Afrika aus Bitcoins dann Bargeld? Auf dem Markt kann man damit nicht einkaufen? Häufig wird das Geld in einer normalen Bankfiliale ohne Kontoeröffnung einfach in der Landeswährung abgeholt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.