Produktpiraten Auf der Spur der Giftmischer

Immer dreister machen chinesische Fälscher Ware aus Deutschland nach. Selbst vor chemischen Produkten schrecken sie nicht zurück - so wie bei den Druckfarben von Marabu. Dabei ist leider nur die Verpackung perfekt imitiert. Der Inhalt ist hoch gefährlich.

Von Silke Bigalke


Ludwigsburg - Die Fehler sind mit bloßem Auge kaum sichtbar. Der Dichtungsring am Deckelrand ist ein wenig zu dick, das Etikett etwas zu hell. Erst als Wolfgang Schäfer die Dose öffnet, ist alles klar. Die Farbe riecht nach Lösemittel.

Schäfer ist Entwicklungsleiter beim schwäbischen Farbenhersteller Marabu. Er hat eine Nase dafür, welche Mischung aus seinem eigenen Labor kommt und welche nicht. Das Unternehmen selbst verwendet dieses Lösemittel nicht, weil es gesundheitsschädigend ist. Trotzdem fand Schäfer die giftige Substanz in mehreren Dosen, auf denen der Name Marabu stand.

Seit 2004 weiß Marabu-Geschäftsführer Ralph Roschlau, dass seine Farbe in China gefälscht wird. Damals kam sein Asienmanager während einer Tagung auf ihn zu, unter jedem Arm eine Farbdose. Er hatte sie bei einem chinesischen Händler gefunden, der nicht auf seiner Lieferliste stand.

Roschlau schickte die Farbe seinem Entwicklungsleiter nach Deutschland zur chemischen Analyse. Nach den Tests im hauseigenen Labor stand fest, was Schäfer sofort gerochen hatte: "No Marabu inside".

Dem Unternehmen aus Tamm bei Stuttgart geht es wie vielen deutschen Mittelständlern. Immer dreister werden ihre Produkte in China gefälscht - mit verheerenden Folgen für die Reputation der Marke. Doch das ist nicht alles: Denn häufig sind die Fälschungen hoch gefährlich.

Jede zehnte Dose kommt aus Piratenlabors

In den angeblichen Marabu-Dosen war nicht nur falsche Farbe, sondern auch knapp 20 Prozent Isophoron. Das Lösemittel gilt als potentiell krebserregend. "Das gesundheitliche Risiko für die Menschen, vor allem für die Drucker, die bei der Bearbeitung der Farbe das Lösemittel die ganze Zeit einatmen, ist sehr groß", sagt Entwicklungsleiter Schäfer. Denn die gefälschte Farbe von Marabu wird in China in großem Stil verkauft. Mindestens jede zehnte Dose kommt dort aus Piratenlabors.

Neben Marabu kämpfen auch andere deutsche Unternehmen gegen Fälscher, die ihre Produkte billig nachahmen und unter dem geklauten Markennamen verkaufen. Beim Aktionskreis Deutscher Wirtschaft gegen Produktpiraterie (APM) rufen täglich mehrere Betroffene an. Die meisten von ihnen haben es mit chinesischen Fälschern zu tun.

Knapp 80 Prozent der Plagiate, Fälschungen und Raubkopien, die an europäischen Grenzen abgefangen werden, kommen aus China. Die Zahl der Beschlagnahmungen hat sich laut Zollstatistik der Europäischen Union von 1999 bis 2006 verzehnfacht. Gefälscht werden vor allem Konsumartikel: Textilien, Spielzeug, kleinere Elektrogeräte, sagt Doris Müller, Expertin für gewerblichen Rechtsschutz bei der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK) und Vorstandsmitglied bei APM.

Nur Führungskräfte kennen das Geheimnis

Im Fall Marabu geht es nicht nur um das Recht an einer Marke, wie bei gefälschten Louis Vuitton-Taschen, Rolex-Uhren oder Montblanc-Füller. Es geht um eine Chemikalie, eine Druckfarbe, mit der etwa Trinkgläser, Brillen und vor allem Spielzeug bedruckt werden. Das Stuttgarter Unternehmen rühmt sich, besonders anwenderfreundliche Waren zu produzieren. Die TÜV-geprüfte Originalfarbe ist nicht nur unschädlich für den Verbraucher, sondern auch für die Mitarbeiter der Druckereien.

Das Rezept dieser Chemikalie gut zu hüten, ist für Marabu essentiell. Am Firmensitz in Tamm lagern die Zutaten in meterhohen Regalen. Die einzelnen Säcke sind gekennzeichnet mit großen roten Buchstaben und Zahlen, Codes, die das Rezept schützen sollen. Zutaten und Mischverhältnis sind verschlüsselt. Nur Führungskräfte, Produktionsleiter und Entwickler kennen das Geheimnis. Den Fälschern aus China gelingt deswegen auch nur ein 80-prozentiges Imitat. Zu 20 Prozent weicht die Fälschung vom Original ab.

Doch vor diesen 20 Prozent fürchtet sich Geschäftsführer Roschlau. Seine größte Sorge: Neben Isophoron könnten die Fälschungen noch andere gefährliche Stoffe enthalten, zum Beispiel Blei. Sollten Marabu-Kunden ihre Waren mit bleihaltiger Farbe bedrucken, wäre nicht nur der Imageschaden für den schwäbischen Farbenhersteller enorm, sondern auch die Gefahr für Verbraucher in Europa. "Ich bin froh über jeden Tag, an dem das nicht passiert", sagt Roschlau. Abschreckendes Beispiel ist der Spielzeughersteller Mattel, der wegen giftiger Vorprodukte aus China in die Schlagzeilen geriet.

Pro Razzia verlangen die Behörden 2000 Dollar

Wie viele Fälscherwerkstätten in China arbeiten, weiß Roschlau nicht. Auch nicht, von welchen Herstellern die Farbe kommt. Er weiß nur eines: In China unterliegen die Fälscher keinen Kontrollen und Auflagen wie in Europa.

Weil das Lösemittel vor allem die chinesischen Drucker gefährdet, hatte Marabu auf die Hilfe der dortigen Behörden gehofft. Ein aussichtsloses Unterfangen, sagt APM-Vorstand Möller. "Die ermitteln erst, wenn das ausländische Unternehmen Beweise für die Fälschung vorlegt."

Marabu schickte daher auf eigene Faust Detektive los. Zwei Fälscherwerkstätten konnten die Deutschen bereits überführen. Als die nötigen Beweise vorlagen, schlugen die chinesischen Sicherheitskräfte tatsächlich zu. 2000 Dollar zahlte Marabu den Behörden pro Razzia. 80.000 bis 120.000 Euro jährlich kosten die Detektive.

Doch es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Die Fälscher sind schwer zu finden und haben nach einer Razzia schnell eine neue Werkstatt eingerichtet. Auch mit Warnanzeigen in chinesischen Tageszeitungen hat es Marabu schon probiert. Zwei Fotos, Original und Fälschung, sollten die Drucker vor falscher Farbe schützen. Sogar ein Hologramm hat Marabu auf die Originaldose gedruckt.

"Hat nicht viel gebracht", sagt Roschlau. Innerhalb kürzester Zeit hätten die Fälscher die Dosen angepasst. "Für das Hologramm brauchten sie gerade einmal eine Woche."



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