Produktpiraterie Neues Internet-Portal soll aufklären

Fahndungserfolge und Absprachen auf Regierungsebene haben bislang wenig Wirkung gezeigt – Produktpiraten sind weiterhin auf dem Vormarsch. Dabei bergen vor allem gefälschte Medikamente unkalkulierbare Risiken. Die Markenhersteller wollen jetzt mit einem Internet-Portal dagegen halten.


Berlin – Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch Produktpiraten verursacht wird, ist wahrlich eindrucksvoll. Weltweit summieren sich die Umsatzeinbußen laut OECD-Statistiken mindestens auf 170 Milliarden Euro pro Jahr, die Internationale Handelskammer ICC schätzt sie sogar auf weit über 400 Milliarden Euro. Für Bundesjustizministerin Brigitte Zypries ein Grund, diejenigen in die Pflicht zu nehmen, die mit dem Kauf solcher Waren erst den Boden für die kriminellen Machenschaften bereiten. "Wer Piraterieprodukte kauft, gefährdet sich und andere und verursacht massive volkswirtschaftliche Schäden", erklärte die Ministerin heute in Berlin.

Software-Raubkopie: "Das Verbrechen des 21. Jahrhunderts"
AFP

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Mit einem Internet-Portal wollen Zypries und die großen Markenhersteller deshalb künftig über Produktpiraterie aufklären. Es soll kleinen und mittleren Unternehmen und auch Verbrauchern auf der Suche nach Informationen zu Produktpiraterie helfen. Wirtschaftsvertreter sagten, die Einsicht in die Gefahren von Produktfälschungen steige zwar, eine Trendumkehr im Kaufverhalten gebe es aber noch nicht.

Besorgniserregend sei die Entwicklung vor allem vor dem Hintergrund des wachsenden Handelsvolumens mit gefälschten Medikamenten, sagte Zypries. Bedenklich und gesundheitsgefährdend sei auch manche gefälschte Kleidung, deren Zusatzstoffe Allergien und Ausschlag auslösen könnten, warnte die SPD-Politikerin.

Nach Zypries' Darstellung tragen nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Unternehmen Verantwortung, Produktpiraterie zurückzudrängen. Schließlich schlügen etliche von ihnen Kapital aus der verbreiteten "Geiz ist geil"-Mentalität und förderten damit die Nachfrage nach billigen Produktfälschungen. Die kämen oft aus Asien, speziell China. Über dieses Thema habe Zypries im Rahmen des jüngsten Rechtsstaatsdialogs mit China sprechen wollen, den die chinesische Regierung aber wegen des Treffens von Kanzlerin Angela Merkel mit dem Dalai Lama abgesagt hatte.

Außer China zählen auch Russland, Indien, Brasilien und Indonesien zu den Herkunftsländern von Raubkopien, wie der Präsident der Internationalen Handelskammer (ICC), Manfred Gentz, bei der Vorstellung des neuen Internet-Portals berichtete. Er nannte Produktpiraterie "das Verbrechen des 21. Jahrhunderts"; es gebe intensive Kontakte zur organisierten Kriminalität einschließlich Geldwäsche im großen Stil.

Axel Nitschke vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnete vor, dass allein in Deutschland jährlich Umsatzeinbußen von 20 bis 30 Milliarden Euro hingenommen werden müssten. Umgerechnet bedeute dies den Verlust von rund 70.000 Arbeitsplätzen. Weil die Nachfrage das Angebot bestimme, verlangte er einen Bewusstseinswandel bei den potentiellen Käufern. Eine wirkliche Trendumkehr sei aber leider nicht zu erkennen, sagte Nitschke. "Besonders im Internet lässt mancher Käufer bei vermeintlichen Schnäppchen ein gesundes Misstrauen vermissen."

mik/AP/dpa/Reuters



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