Produktpiraterie Sklavisch nachgeahmt

Sabine Christiansen besitzt sie, Tina Turner auch: Bei ambitionierten Gartenfreunden sind die Kugellampen der Firma Moonlight ein Renner. Nun wehrt sich diese gegen einen Raubkopierer. Der kommt nicht etwa aus Asien - sondern ist ein deutscher Verbandschef.

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Hamburg - Zunächst gab es die üblichen Nörgeleien zum Standort Deutschland. Routiniert lamentierte Alexander Zimmermann auf der Light + Building 2004, der weltgrößten Messe für Architektur und Technik in Frankfurt am Main, über die politischen Rahmenbedingungen, bürokratische Hemmnisse und die Tücken des hiesigen Arbeitsmarktes.

Am Ende seiner Ansprache griff der Vorsitzende des Zentralverbandes der Elektroindustrie (ZVEI), Fachbereich Elektroleuchten, ein Thema auf, das ihm besonders am Herzen lag: der Ideenklau durch Asiaten. Besonders dreist und kriminell würden vor allem "Plagiatoren aus Fernost auf den Weltmarkt auftreten", klagte die Verbandsgröße. Sie "kopieren nicht nur einzelene Modelle eins zu eins", sondern gleich ganze Serien, Kataloge einschließlich Firmenlogos und Prüfzeichen.

Mit derlei Plage-Geistern muss sich auch Willi Oswald herumärgern. Seit 1997 ist er mit den von ihm konzipierten Moonlight-Lampen auf dem Markt, einer Art Boden-Kugelleuchte für den ambitionierten Gartenbesitzer. Ein Grundstück der TV-Talkerin Sabine Christiansen hat Oswald mit seinen Leuchtkugeln ebenso ausgestattet wie ein Anwesen des früheren saudischen Königs Fahd bei Marbella. Das deutsche Haus bei den Olympischen Winterspielen in Turin? Der Garten der Rockröhre Tina Turner? Wurde alles von dem barocken Schwarzwälder illuminiert.

Erfolg gegen Habitat

Doch seine Firma war kaum zwei Jahre am Markt, da musste sich Oswald gegen erste allzu eindeutige Nachahmungen seiner Lampe zur Wehr setzen. Mehrere Hersteller kopierten - und keineswegs nur asiatische. Oswald prozessierte sogar gegen den Branchenriesen Ikea. Dessen Tochterfirma Habitat bot mit der "Kugellampe Elektro, Produkt Nr. 089265" quasi ein Duplikat seiner Kreation an. Nach mehreren juristischen Scharmützeln knipsten die Schweden ihre Lampe wieder aus.

Nun aber hat es Oswald mit einem besonders hartnäckigen und renitenden Kontrahenten zu tun: Bruno Gantenbrink, Inhaber und Geschäftsführer der Bega Gantenbrink, Deutschlands größtem Hersteller für Außenleuchten und einer der renommiertesten dazu. Besondere Ironie: Gantenbrink beerbte im September vergangenen Jahres den Plagiats-Jäger Zimmermann im ZVEI - und führt die Geschäfte seither in dessen Geiste streitbar fort.

"Was tun gegen Produktpiraterie auf Messen?", nennt sich eine kurz nach Gantenbrinks Antritt veröffentlichte Anleitung, wie man sich gegen den Ideenklau am besten zur Wehr setzt. "Auf besonderen Wunsch stellt Ihnen der ZVEI einen anwaltlichen Notdienst zur Verfügung", wirbt die Broschüre gar. Nähme Moonlight-Gründer Oswald das Angebot wahr, müsste der neue Verbandschef eigentlich mit aller Härte gegen sich selber vorgehen. Denn keine der bisherigen Lampen-Kopien gleicht den Oswald-Originalen derart wie die von Bega Gantenbrink.

Lange hatten die Designer des Mendener Unternehmens Oswalds etwas ulkige Kunststoffkugeln belächelt. Gantenbrink sah, wie bei der Frankfurter Fachmesse im Jahr 2004 das Publikum Oswalds Stand bevölkerte und zudem dessen Umsätze anschwollen. Ganz offensichtlich hatte er einen Trend verpasst.

Um wenigstens noch ein bisschen am Erfolg solcher Leuchten teilhaben zu können, brachte Bega kurz nach der Branchenshow eine Lampe auf den Markt, die denen Oswalds täuschend ähnlich sah. Nahezu alles war identisch - Durchmesser, Material, Sockel.

"Nicht in Anspruch nehmen, die Kugel erfunden zu haben"

Dass es sich um eine Kopie handelt, will der alerte Geschäftsmann und erfolgreiche Segelflieger aus Nordrhein-Westfalen jedoch nicht gelten lassen. "Unsere Lampe ist eine schlichte Kugel. Herr Oswald wird ja wohl nicht für sich in Anspruch nehmen wollen, die Kugel erfunden zu haben", so Gantenbrink.

Die Jury des Plagiarius, eines Negativpreises für besonders dreiste Kopien, wollte dieser schlichten Logik jedoch nicht folgen. Im vergangenen Jahr zählte Bega Gantenbrink mit seiner Gartenleuchte zu den unrühmlichen Preisträgern.

Und auch Gerichte fanden Gantenbrinks Argumentation nicht sonderlich stichhaltig. Im August 2004 fing er sich eine Einstweilige Verfügung ein, die es ihm zunächst verbot, die Lampen weiter zu vertreiben. Im Justizjargon war von "vermeidbarer Herkunftstäuschung aufgrund sklavischer Nachahmung" die Rede. Zwar änderte Gantenbrink inzwischen Kleinigkeiten an seiner Lampe und erreichte damit die Aufhebung der Einstweiligen Verfügung, doch die Hauptsache-Entscheidung im Zwist zwischen dem Verbandschef und seinem Mitglied steht noch aus.

Vor Highnoon im Moonlight-Streit geht es um viele Details, aber auch ums existentielle Ganze. Während Oswalds Lampe bis zu 580 Euro kostet, war die Bega-Version schon für etwas mehr als die Hälfte zu haben. Das blieb auch den Konsumenten nicht lange verborgen.

Für Gantenbrink sind die juristischen Feldzüge Oswalds jedoch nichts anderes als geschicktes Marketing. "Oswald ist ein Verkaufsgenie. Der dreht einem 'ne Melkmaschine an und nimmt dafür die Kuh in Zahlung."



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